No way back [FF]

Moderator: Housekatze

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Remy Hadley
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Kapitel 49

Emma war ruhig geworden und hatte in Remys Armen die Augen geschlossen. Nur hin und wieder half die junge Ärztin ihr leicht auf, wenn sie sich übergeben musste, was ihr noch mehr zusetzte und ein Hauptgrund für ihre Erschöpfung war. Zwar sahen nun Schwestern in regelmäßigen Abständen nach Emma, doch helfen konnte ohnehin nur Remy mit ihrer Anwesenheit, sodass sie sie immer wieder fortschickten.

„Wirst du ihn anrufen?“, fragte Emma nach einer Weile leise. Remy hatte über ihre Worte nachgedacht, seit sie zusammen hier saßen und sie sie darum gebeten hatte. Auf ein Ergebnis war sie bisher jedoch nicht gekommen. „Mal sehen.“ – „Nein! Sieh mich an, ich würde alles dafür tun, jemanden zu haben, der mich liebt und mich an deiner Stelle im Arm halten kann. Und du? Du… Ich weiß, du willst ihn beschützen, aber das kannst du nicht! Er muss damit leben, wenn ihr zusammen sein wollt!“ Erschöpft von dieser Erwiderung seufzte sie und schloss wieder die Augen, als sie sich zurücklehnte.

Sanft fuhr Remy ihr durch die blonden Haare und starrte vor sich hin. Die Tatsachen, mit denen sie täglich in Gedanken rang, legte Emma in nur wenigen Sätzen offen auf den Tisch. „Ich weiß, dass du Recht hast“, begann sie schließlich. „Und ich wünschte, ich wäre wie du, so stark und selbstsicher. So war ich früher mal, jetzt nicht mehr und ich vermisse es, ich vermisse es von ganzem Herzen und würde alles tun, um es wiederzubekommen. Deshalb bin ich hier, deshalb tue ich mir das hier alles an. Ich merke, wie mir schwindelig ist und ich möchte am liebsten immer hier liegenbleiben. Das ist kein Placebo-Effekt, weil es dir schlecht geht, in ein paar Stunden kotzen wir wahrscheinlich um die Wette. DAS tue ich für ihn UND für mich, aber besonders für ihn.“ Emma atmete ruhig und gleichmäßig in ihren Armen, ein Zeichen dafür, dass sie kurz davor war, einzuschlafen. „Dann lass ihn das für dich tun“, murmelte sie nur noch, ehe ihr Kopf an Remys Schulter zur Seite rutschte und sie eingeschlafen war.


Remy stand erst auf, als ihr Handy auf ihrem Nachttisch vibrierte. Sie hätte es klingeln lassen, hätte sie nicht furchtbare Sehnsucht nach ihrem Verlobten und wollte unbedingt seine Stimme hören. Als sie sich im Bett aufsetzte, verschwamm ihr das Bild vor den Augen, wie sie es Emma bereits prophezeit hatte. Langsam machte sie die wenigen Schritte zu ihrem Bett hinüber und setzte sich dort sofort wieder, doch ihr war so übel, dass sie nur nach der Schale an ihrem Bett anstatt nach dem Telefon greifen konnte und musste sich sofort übergeben.

Nachdem sie ein paarmal tief durchgeatmet hatte, wurde ihr wieder wohler, doch das Klingeln hatte längst gestoppt. Remy strich sich die Haare aus der Stirn zurück und stützte anschließend ihren Kopf auf die Hände, die Ellenbogen auf die Oberschenkel. Erneut vibrierte ihr Handy, diesmal griff sie gleich danach und legte sich damit im Bett zurück. „Hey“, meinte sie leise, um Emma nicht zu wecken, jedoch klang eindeutig Freude in ihrer Stimme mit.

„Dass Sie sich so über meinen Anruf freuen, kann ich mir nicht vorstellen, daher gehe ich davon aus, dass Sie Ihr Display nie in Augenschein nehmen.“ Es war das erste Mal, seit sie Princeton verlassen hatte, dass House mit ihr sprach. Sonst hatte sie das Telefon immer ignoriert, wenn er es versucht hatte. „Keine Ahnung, was Sie meinen“, gab sie nur müde zurück. Ihre Hände zitterten jetzt vor Anstrengung und den zusätzlichen Flüssigkeitsverlust. Obwohl sie ohnehin nur leise sprach, hörte House die Erschöpfung in ihren Worten nur zu deutlich. „Was auch immer… Sie klingen so, als wären Sie schon jetzt allem überdrüssig. Ist ja nicht so, dass ich Sie gewarnt hätte oder Ähnliches…“ Remy hörte das Grinsen in den Worten ihres Chefs und schloss die Augen.

„Mir war klar, dass es kein Urlaub werden würde, also nein, ich bin dem nicht überdrüssig.“ Sie wusste, sie brauchte nur aufzulegen, aber irgendwie kam ihr das auch nicht fair vor. Er hatte schon so oft versucht, sie zu erreichen und sie war sich sicher, dass ihn nicht nur die Neugierde zu diesen Anrufen trieb. Er war auch besorgt um sie, auch wenn er dies auf eine andere Art und Weise durchklingen ließ. Sie kannte ihn und so war er nun einmal. „Naja, wenn Sie meinen. Ich überlege die ganze Zeit, wann ich Ihren Verlobten einweihen soll. Was denken Sie?“

Remy merkte, wie ihr wieder übel wurde; House‘ Worten machten es nicht unbedingt besser. „Unterstehen Sie sich“, brachte sie nur heraus, ehe sie sich erneut übergeben musste und das Telefon so weit wie möglich von sich weghielt. Als sie es sich nach einem tiefen Seufzen wieder ans Ohr hielt, wurde jedoch deutlich, dass es nichts gebracht hatte. „Sie finden mich zum kotzen? Na wunderbar, da gibt man sich Mühe und dann das!“ Remy war so elend, dass sie nicht einmal darauf etwas zu erwidern hatte. „Sie klingen gar nicht gut, reden Sie mit ihm, bevor ich es mache.“

Dass er nach diesen Worten auflegte, damit hatte Remy nicht gerechnet, doch so sehr sie sich unter normalen Umständen auch darüber aufgeregt hätte, im Moment war ihr das vollkommen egal. Sie ließ sich weiter zurück in ihr Kissen sinken, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, um den unangenehmen Geschmack aus dem Mund zu bekommen, doch viel half es nicht. Vielleicht, überlegte sie, war es besser, dass es nicht Chase war, der angerufen hatte. Vielleicht ging es ihr bald besser, dann konnte sie ausführlich mit ihm sprechen.


Leider ging Remys Wunsch nicht in Erfüllung. Zwischenzeitlich fühlte sie sich zwar ab und zu wieder etwas wohler, doch nach einer Woche ging es wieder weiter stetig Berg ab. House rief sie in dieser Zeit regelmäßig an und sie tat nicht mehr alles dafür, nicht mit ihm sprechen zu müssen. Solange sie sich nicht weigerte, würde er sie vielleicht auch nicht an Chase verraten.

Nach beendeter Arbeit kehrte dieser zwei Wochen nach dem Telefonat von House und Remy in seine Wohnung zurück, setzte sich jedoch, anstatt ins Bett zu gehen, mit seinem Laptop auf den Knien aufs Sofa. Er hatte sich während Remys Abwesenheit überlegt, sich ein wenig vorzuinformieren was die Wohnungsangebote anging, sodass er seine Verlobte bei ihrer Rückkehr mit einem einigermaßen ausgereiften Plan überraschen konnte. Wenn die beiden telefonierten, erzählte Remy nur sehr selten davon, wie sie ihre Tage verbrachte, dafür wollte sie umso mehr von ihm hören.

Chase wunderte sich, da sie immer besonders interessiert an der Arbeit war, wenn er meinte, er würde doch viel weniger zu erzählen haben, als sie, da er nur arbeiten ging. Doch letztendlich hatte er es auf ihren Drang geschoben, die medizinischen Puzzles zu lösen, den sie mit House teilte. Dennoch war ihm aufgefallen, wie sie bei ihren Gesprächen immer ruhiger wurde und oftmals nur ihn erzählen ließ; häufig ging sie gar nicht ans Telefon, wenn er anrief. Sie beharrte immer darauf, dass es an der Sehnsucht nach ihm lag und sie einfach nur seine Stimme hören wollte, nahm sie nicht ab, war sie mit ihrem Vater unterwegs.

Chase seufzte, als er bemerkte, dass er mit seinen Gedanken schon wieder abgedriftet war und öffnete eine Internetseite, von der er sich nach einiger Zeit Lesen und Vergleichen einige Angebote ausdruckte. In der Lage waren sie sehr unterschiedlich. Eine lagen mitten in der Stadt, andere eher außerhalb. Remy hatte nicht viel geäußert, nur auf einige Details hatte sie bestanden: Erdgeschoss oder mit Aufzug, zentral gelegen oder mit guten Straßenbahnverbindungen, große Fenster, möglichst mit Balkon. Chase hatte nicht versucht, ihr diese viel zu früh bedachten Vorkehrungsmaßnahmen auszureden, da sie zum einen normale Vorschläge waren, die beiden zum anderen irgendwann ohnehin wieder an diesem Punkt stehen würden.

Als er an die Wanduhr blickte, nachdem er den Laptop ausgeschaltet, noch eine Kleinigkeit gegessen und sich gewaschen und umgezogen hatte, war es neun Uhr. Remy würde um diese Zeit sicher noch nicht schlafen, so rief er sie an, da sie an diesem Tag noch nicht zum Telefonieren gekommen waren, ebenso wenig wie an den beiden Tagen davor, an denen er sie nicht erreicht hatte.
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Kapitel 50

Emma saß am Tisch, als es klingelte, während Remy blass in ihrem Bett lag und schlief. Der Jüngeren der beiden ging es schon wieder viel besser, nicht nur die Nebenwirkungen des Medikaments anbelangend. Sie fühlte sich weniger erschöpft, was auch der Abnahme des Zitterns zu verdanken war. Remy hingegen hatte durch das häufige Übergeben einiges an Gewicht verloren und so wenig Energie, dass sie fast den ganzen Tag und die ganze Nacht schlief. So konnte sie jetzt auch nicht das Handyklingeln wecken, ebenso wenig wie Emma, die leise ihren Namen flüsterte.

Unentschlossen, was sie nun tun sollte, blickte Emma abwechselnd das Telefon und ihre Freundin an, ehe sie schließlich nach dem Gerät griff, auf dem Display ‚Robert‘ las und Remy sanft an der Schulter berührte. Nur leicht regte sie sich und öffnete schließlich blinzelnd die Augen. „Was ist?“, kam es heiser und leise von ihr. „Dein Freund… er ruft andauernd an, sicher macht er sich langsam Sorgen.“ Obwohl Remy schon durch den Mund atmete, fühlte sie sich, als müsse sie jeden Moment ersticken, auch wenn sie wusste, dass dies nur pure Einbildung war.

„Ich kann jetzt nicht mit ihm sprechen, er würde merken, dass es mir nicht gut geht.“ – „Das sollte er auch!“ Verzweifelt hob Emma die Hände, in der einen noch immer das klingelnde Telefon. „Er sollte hier bei dir sein. Wenn er das nächste Mal anruft, gehe ich ran und erzähle es ihm.“ Unter normalen Umständen hätte man in Remys Augen nun eine gewisse Wut erkennen können, doch sie war zu erschöpft dafür und sah Emma eher traurig als zornig an. „Ich dachte, du wärst meine Freundin.“ – „Genau deshalb ja.“

Inzwischen hatte das Klingeln aufgehört und Emma war mit ihrem Rollstuhl ganz an Remys Bett herangefahren. „Natürlich verrate ich dich nicht. Ich wünschte, du würdest es von dir aus einsehen. Wie wärs damit: Wir warten noch eine Woche ab und wenn es dir dann immer noch nicht besser geht, rufst du Robert an.“ Es war wirklich nur ein gut gemeinter Vorschlag, welchen Remy auch als solchen erkannte. So nickte sie schließlich nachgiebig und schloss erneut die Augen; schließlich wollte sie doch nichts lieber, als die zärtlichen Hände an ihrem Körper zu spüren, die ihr seit einem Monat schon verwehrt waren.


Chase sah auf sein Handy noch lange nachdem sich die Mailbox eingeschaltet hatte. Inzwischen zog er jede Möglichkeit in Betracht, so abwegig sie auch erscheinen mochte. Hatte seine Verlobte vielleicht einen anderen kennen gelernt? Oder eine andere? War es so schön bei ihrer verbliebenen Familie, dass sie ihn kein bisschen vermisste und noch nicht einmal ans Telefon ging, wenn er schon den ersten Schritt tat? Mit diesen Gedanken legte sich der junge Arzt an diesem Abend in sein Bett und wachte auch mit ihnen auf, als er am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr.

Zu seiner Überraschung traf er nach House ein, der irgendetwas an seinem Computer machte, vermutlich Pornos aus dem Internet herunterladen. „Morgen, House“, murmelte er, als er seine Umhängetasche auf den Sitzplatz legte und die Kaffeemaschine in Gang brachte. „Morgen“, kam es mufflig aus dem Büro im Nebenzimmer zurück, während der ältere der beiden sich nur kurz umdrehte. „Wie geht es Ihrer Schnecke?“, fragte er nach einer Weile, woraufhin Chase die Augen verdrehte und sich gegen den Tisch lehnte. „Ich frag mich wirklich, woher dieses Interesse kommt. Aber auch wenn es wohl nicht ernst gemeint ist: Ich antworte Ihnen trotzdem, weil sie erstens mein Boss sind und zweitens… muss ich mir noch überlegen.“

Auch wenn alles wie ein Witz klang, verzog Chase bei diesen Worten keinen Mundwinkel; er legte auch keine Ironie in seine Stimme. „Um ehrlich zu sein, habe ich seit drei Tagen nicht mehr mit ihr gesprochen… Ich weiß nicht was los ist, aber ich dachte mir, ich könnte sie überraschen und nächste Woche zu ihr fahren. Sie wissen ja, an ihrem Geburtstag“, erklärte er, auch wenn er nicht wusste, wieso er dies House sagte. Möglicherweise war ein Grund, dass er ihn wegen ein paar Tagen Urlaub ohnehin noch informieren musste.

„Bewegen Sie Ihren Hintern zum Flughafen und schmeißen Sie sich in die nächste Maschine nach Columbus“, war House‘ Antwort darauf und blickte Chase nun zum ersten Mal richtig an, ohne mit etwas anderem nebenbei beschäftigt zu sein. „Columbus? Wovon reden Sie eigentlich? Remy ist in New York bei ihrem Vater, falls Sie das vergessen haben.“ Mit erhobener Augenbraue musterte er seinen Chef, auch wenn er nun wachsamer und skeptisch geworden war. „Jetzt will ich Ihnen mal was sagen: Ihre Verlobte sagt Ihnen nicht immer die Wahrheit. Sie ist nicht bei ihrem Vater, sie ist in Ohio und vegetiert so vor sich hin, während Sie hier die eingeschnappte Leberwurst spielen, weil sie nicht ans Telefon geht. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Wahrscheinlich KANN sie nicht.“

Chase war nun so geplättet und überrumpelt von Informationen, dass er zunächst gar nichts mehr sagte. Zudem konnte er den wütenden Ausdruck in House‘ Gesicht nicht wirklich zuordnen: Was hatte er falsch gemacht? Was wusste sein Boss, was er nicht wusste? Erst nach einer scheinbar endlosen Zeit, fand er seine Sprache wieder. „Was wissen Sie? Ich meine, was soll das denn? Was macht Remy in Columbus?“ Anstatt einer Antwort, warf House Chase eines der Prospekte entgegen, die er aus der Mappe genommen hatte, die Remy ihm gegeben hatte. „Die brauen da wer weiß was zusammen und verabreichen es den Probanden. Vielleicht hilft es ihr ja noch, vielleicht auch nicht. Fest steht jedenfalls, dass Sie schleunigst dorthin fliegen sollten, um ihre Hand zu halten. Ob zur Unterstützung oder beim Sterben können Sie sich aussuchen.“

Chase hatte das Gefühl, als würde ihm ein unsichtbares Seil den Brustkorb zusammenschnüren. „Sie verarschen mich nicht?“, fragte er leise und malte sich schon die schlimmsten Szenarien in Gedanken aus. „Doch, natürlich, das habe ich alles inszeniert, was glauben Sie denn, wieso ich so früh hier bin? … Sie kriegen Urlaub und jetzt sehen Sie zu, dass die nächste Maschine nicht ohne Sie startet.“ House beobachtete den jungen Kollegen dabei, wie er sich nun schnell wieder anzog, sich seine Tasche umhängte und zur Tür hinaushastete. Obwohl seine Gesichtszüge dies nicht verrieten, war er innerlich erleichtert, was er natürlich nicht zugeben würde. Bald hatte seine Mitarbeiterin jemanden, auf den sie sich stützen konnte, was beruhigend war.


Chase warf, zu Hause angekommen, nur rasch einige Kleidungsstücke und die nötigsten Pflegeutensilien in eine handliche Reisetasche, bevor er auch schon in das nächste Taxi, das vorbeifuhr, sprang. Als er am Flughafen ankam, zahlte er mit einem ordentlichen Trinkgeld und hastete in die Vorhalle. „Verzeihung, wann geht der nächste Flug nach Columbus?“, fragte er keuchend, als er an der Informationsstelle ankam. „In einer halben Stunde, Sir. Aber alle Plätze sind ausgebucht, tut mir leid.“ – „Und der nächste?“ Die Dame sah in ihrem Computer nach und anschließend wieder auf Chase. „Morgen früh, ist aber leider auch schon ausgebucht.“

Chase schloss kurz die Augen und schüttelte leicht den Kopf. „Hören Sie, ich muss ganz dringend heute noch nach Columbus. Es ist wirklich wichtig!“ Er kam sich vor, als würde er aus einem sehr kitschigen Film zitieren, doch das war ihm egal. Er musste zu Remy und zwar schnell; schon jetzt machte er sich wahnsinnige Vorwürfe, dass er sie bisher damit allein gelassen hatte. „Ich bin da wirklich machtlos. Sie können gern die halbe Stunde hier warten, vielleicht wird ja noch ein Platz frei.“

In seiner Verzweiflung stützte Chase sich auf die Theke und lehnte sich weiter zu der Dame hinüber. „Mir tut es auch leid, aber ich muss in diesen Flieger. Meine Frau ist schwer krank und liegt in einer Klinik in Columbus… Morgen kann es schon zu spät sein…“ Chase musste sich eingestehen, dass er sich dafür schon etwas schämte, doch im Grunde genommen war doch die ganze Sache nur ein wenig übertrieben, die Grundzüge stimmten. „Wie gesagt, Sie können warten. Meist kommen nicht alle Fluggäste, die auch gebucht haben“, vertraute sie ihm schließlich an. „Und wenn doch, findet sich sicher noch etwas.“
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Kapitel 51

Chase konnte es kaum glauben, dass er es tatsächlich geschafft hatte, dieses Flugzeug zu besteigen. Richtig klar wurde es ihm erst, als er schon im Taxi auf dem Weg ins Krankenhaus saß, doch in diesem Moment schämte er sich nicht mehr für seine Notlüge, sondern war bereits voller Vorfreude auf seine Verlobte.

Ähnlich wie Remy betrat er die Lobby und wandte sich als erstes an die Rezeption, wo er nach einer Auskunft verlangte. Erst nach langem Zureden, dem Hinzuziehen eines Arztes und nachdem Chase Remys halbe Krankengeschichte, Daten und persönliche Kennzeichen heruntergerasselt hatte, ließ man ihn, wenn auch etwas zähneknirschend, zu ihr. Die Zimmernummer immerzu vor sich hinmurmelnd, lief er durch die Gänge und streifte die Türschilder immer kurz mit den Augen, den Strauß Tulpen, den er eben noch gekauft hatte, im Arm.

Schließlich fand er Nummer 335 und klopfte sanft an. Ein leises „Herein“, lud ihn dazu ein, das Zimmer zu betreten, doch es war nicht Remys Stimme, die er hörte. Dennoch schob er langsam die Tür auf und sah zuerst auf die junge Frau im Rollstuhl, die am Fenster saß und sich nun ihm zuwandte. „Sie sind Robert“, stellte sie halb verwundert, halb erfreut fest. Chase nickte leicht abwesend; zu fragen, woher sie das wusste, kam er nicht mehr, seine Augen hatten weiter nach Remy gesucht und sie schließlich gefunden. Zwar hatte er nach House‘ Ausführungen nicht damit gerechnet, dass sie ihm freudestrahlend entgegenspringen und um den Hals fallen würde, doch wie sie hier lag und schlief, erkannte er sie kaum wieder.

Das blasse Gesicht und die hohlen Wangenknochen wirkten gespenstisch, überhaupt wirkte ihr ganzes Erscheinungsbild viel schmaler. „Es ist gut, dass Sie da sind, sie… wollte nicht, dass Sie das sehen müssen, aber ich hab ihr die ganze Zeit gesagt, dass sie Sie anrufen soll. Ehrenwort.“ Emma lächelte ein wenig, kam mit dem Rollstuhl auf Chase zu und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Emma“, meinte sie freundlich, als Chase die Hand ergriff und leicht nickte. „Robert“, gab er zurück, ging in das Bad und legte die Blumen ins Waschbecken, damit er die Hände frei hatte. Seine Tasche hatte er gleich an der Tür abgestellt und nun trat er an Remys Bett und setzte sich.

„Anfangs ging es ihr gut… Es geht ihr auch jetzt nicht schlecht, was die Krankheitssymptome anbelangt, nur… Sie behält nichts im Magen, sogar einen kleinen Becher Wasser spukt sie wieder aus“, meinte Emma leise; Chase tat ihr leid, wie er ganz verstört auf Remy sah, die sich kein bisschen regte, nicht einmal, als er ihr sanft das Haar aus der Stirn strich. „Deshalb ist sie so schwach, sie schläft fast nur noch“, schloss sie ihre Ausführungen.

Chase legte sanft einen Arm über seine Verlobte und den Kopf an ihre Seite, während er die Augen einen Moment schloss. „Wieso hast du mir denn nichts gesagt?“, flüsterte er und streichelte ihr über die Hand. Remy war unruhig, sie schien schlecht zu träumen; zumindest warf sie hin und wieder den Kopf auf die Seite und krallte die Finger ins Bettlacken. „Schläft sie schlecht?“, fragte Chase nun wieder Emma zugewandt. „Meist wacht sie schreiend auf. Komischerweise nur nachts. Wenn sie tagsüber schläft, wälzt sie sich nur hin und her.“ Emma fand nicht, dass das jetzt viel zur Sache tat und hielt die Antwort daher knapp.


Nach einigen weiteren Minuten voller Schweigen, öffnete Remy schließlich die Augen einen Spalt breit und blinzelte gegen die Helligkeit, die ihr vom Fenster entgegenströmte. Erst spät bemerkte sie den Arm, der um ihren Körper geschlungen war und fand das passende Gesicht dazu. „Robert“, formte sie schwach mit den Lippen und strich ihm leicht über den Arm, was ihn aufsehen ließ. „Was tust du hier?“ Sie bemühte sich lauter zu sprechen, das einzige Ergebnis war jedoch ein trockenes Husten. „House hat es mir gesagt“, gab er zurück und passte sich ihrer Lautstärke an.

„Ich wollte nicht… Es tut mir leid, du solltest…“ Weiter kam sie nicht, denn Chase legte ihr einen Finger an die Lippen. „Schsch, jetzt bin ich hier und lass dich nicht mehr allein, hörst du?“ Sanft nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und sah ihr in die Augen. Remy versuchte nicht, den Blick abzuwenden, auch wenn ihre Augen voller Tränen waren. Sie nickte leicht, ehe sie ihre Hand an sein Hemd klammert und von ihm absah. „Nimm mich bitte in den Arm“, flüsterte sie und klang dabei ein wenig beschämt, doch Chase beugte sich sofort über sie und zog sie mit sich hoch, als sie eng umschlungen waren.

„Du musst mich nicht heiraten, hörst du? Ich wäre dir nicht böse, wenn du es dir anders überlegt hättest, besonders jetzt. Du solltest keine kranke Frau heiraten, niemand sollte das.“ Chase‘ Blick traf sich über Remys Schulter hinweg mit dem von Emma, die schmunzelnd mit den Schultern zuckte. Chase musste nun ebenfalls etwas lächeln: Ihr hatte Remy also all das auch schon gesagt, wie sie es ihm nun zum gefühlten tausendsten Mal erzählte. „Ich möchte dich aber heiraten“, meinte er leise. „Dann ist gut“, kam es von Remy zurück. Diese Reaktion allerdings war neu für ihn. „Ich lass euch beide dann Mal allein“, unterbrach Emma die Szene kurz und zwinkerte Chase zu, als sie den Türendrücker herunterdrückte, den Raum verließ und die Tür wieder hinter sich zuschob.

„Robert, entschuldige, aber ich muss mich wieder hinlegen“, kam es nach nur wenigen Augenblicken von Remy. Chase kam dieser Bitte sofort nach, denn wenn sie es schon aussprach, musste es wirklich dringend sein. Ihr Gesicht wirkte wirklich noch um einiges blasser, wenn dies überhaupt noch möglich war, als sie wieder in ihrem Kissen lag und erschöpft die Augen schloss.

„Warum hast du mich nicht für dich da sein lassen?“, fragte er nun und strich ihr wieder die Haare aus der Stirn, wie er es immer tat. Während sie sprach, ließ sie die Augen geschlossen. „Keine Ahnung, ich… Die Vision war, mich hier hinzusetzen, ein paar Injektionen zu bekommen und symptomfrei für die nächsten fünf Jahre zu sein.“ Ihr Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen. „Die… möglichen Komplikationen hab ich wohl etwas zu stark ausgeblendet“, gestand sie dann und zwang sich, ihn wieder anzusehen. „Es ist schön, dass du da bist“, flüsterte sie schließlich und lächelte ihn schwach an. „Danke.“

Zwar wusste Chase, dass sie sich immer darüber freute, doch es einmal wirklich ehrlich aus ihrem Munde zu hören, tat unwahrscheinlich gut. „Also ich würde sagen, wir gehen es folgendermaßen an: Du ruhst dich aus, solange es eben dauert, bis es dir besser geht und danach bringen wir dich Schritt für Schritt wieder auf die Beine und überstürzen nichts, in Ordnung?“ Für Remys Geschmack klangen diese Worten ihren eigenen, die sie nach Chase‘ Unfall an ihn gerichtet hatte, unwahrscheinlich ähnlich, doch sie nickte und bedeutete ihrem Verlobten, sich zu ihr zu beugen, um ihm anschließend einen zärtlichen Kuss zu geben.


„Du hast Emma schon ein bisschen kennen gelernt… Wie findest du sie? Ich meine, ist sie dir sympathisch?“ Remy hatte die Minuten, in denen Chase draußen gewartet hatte, da Remys Arzt sie untersucht und eine frische Kochsalzlösung angehängt hatte, auch als einen Themenwechsel genutzt. „Sie ist nett. Scheint ja um keinen Witz verlegen zu sein“ – „Willst du mich austauschen? Sie kann es eben: Krank UND witzig sein“, meinte Remy, doch es war nicht böse gemeint, man erkannte deutlich, dass sie nur scherzte.

„Nein, ich behalte dich. Aber es ist schön, dass ihr ein gemeinsames Zimmer habt, sie verhindert, dass du in Depressionen abrutschst“, zwinkert er und kuschelte sich neben sie, sanft streichelte er über ihr Handgelenk, das voller Hämatome war. Fragend blickte er ihr in die Augen. „Sie müssen mir andauernd den Zugang neu legen“, meinte sie leise. „Ich… neige dazu, mir die Nadel im Schlaf aus dem Arm zu reißen“, erklärte sie weiter und sah von ihm ab. „Du hast wieder Alpträume?“, stellte er fest und nahm sie fester in den Arm. „Sie sind nie weg, Robert. Nie“, wiederholte sie und starrte zum Fenster. „Bei mir schläfst du meist ganz entspannt“, befand er. „Ja, aber auch wenn du jetzt hier bist, kannst du nicht in meinem Bett schlafen, wie zu Hause. Es wird sich gar nichts ändern, wenn ich schlafe, nur tagsüber hab ich wieder einen Grund, nicht einfach alles hinzuschmeißen.“
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Kapitel 52

Remy versuchte es. Sie versuchte es wirklich sich selbst und Chase zuliebe, zu essen, doch bereits nach drei Löffeln von dem Gemüseeintopf, ließ sie sich erschöpft zurückfallen und atmete tief durch. Ihr war schon wieder unsagbar schlecht, sodass sie sich von Chase abwandte, der an ihrer Bettkante saß und ihr die Schüssel abgenommen hatte. „Es ist erstmal genug, du musst dich langsam wieder ans Essen gewöhnen. Versuch einfach, es im Bauch zu lassen“, meinte er leise, was leichter gesagt als getan war, denn Remys Körper wollte schon wieder nichts lieber, als den ‚Fremdkörper‘ loswerden. „Was glaubst du, was ich mache?“, fragte sie kurz genervt und konzentrierte sich weiter auf ihre Atmung.

„Der Hälfte der Teilnehmer ging es genauso, mich eingeschlossen. Und der Hälfte von denen geht es schon wieder gut, das wird schon wieder“, versuchte Emma ihr Mut zuzusprechen und schob ihre leere Schüssel auf das Tablett auf dem Tisch. Chase lächelte ihr kurz dankbar zu und beobachtete die junge Frau schließlich kurz, als sie sich wieder auf den Weg zu ihrem Bett machte, um sich hineinzulegen. Remy öffnete die Augen, als sie an ihrem Körper spürte, wie Chase die Muskeln anspannte und schüttelte kurz den Kopf. Emma wollte keine Hilfe, das hatte sie gleich am ersten Tag selbst zu spüren bekommen.

Wenig später lag sie auch schon in ihrem Bett und sah zu den beiden herüber. „Ich übe das bei jeder Physio, wenn es nicht mehr klappt, wird es Zeit für eine Notschlachtung“, grinste sie, drehte sich auf die andere Seite und steckte sich ihre Stöpsel in die Ohren, um ein wenig Musik zu hören. Dies war sozusagen zum täglichen Ritual geworden, denn auf diese Weise ließ sie den beiden ihren Freiraum. Weder Remy noch Chase hätten es schlimm gefunden, wenn sie sich an ihren Gesprächen beteiligt oder auch nur zugehört hätte, doch Emma fand es so viel anständiger, sodass sie sich einfach bei ihr für die Geste bedankt hatten und es dabei geblieben war.


Eine Woche später, an Remys Geburtstag, schenkte Chase ihr ein silbernes Kettchen mit zartem Anhänger, welches Remy sicher in ihrem Nachtkästchen verstaut hatte, aus Angst, sie könnte es kaputt machen, wenn sie nur im Bett lag. Was ihr Verlobter nicht wusste, war, dass sie es nachts durch die Finger gleiten ließ, wenn ein schlimmer Traum sie wieder geweckt hatte. Emma hatte wirklich Recht behalten; im Laufe der Woche war es Remy immer besser gegangen, das Essen fiel wieder leichter, die Übelkeit nahm ab. Trotzdem musste sie ihren Geburtstag im Bett verbringen, da sie zum Aufstehen noch viel zu schwach war. Während Chase viele Male sein Bedauern darüber ausgesprochen hatte, hatte Remy ihm immer und immer wieder zu verstehen gegeben, dass es doch auch nur ein Tag wie jeder andere sei und das schönste Geschenk neben ihr läge. Daraufhin hatte er nichts mehr zu sagen gehabt und ihr lediglich noch einen Kuss geschenkt.

Im Laufe der nächsten Woche begann Remy mit der Physiotherapie, die eigentlich schon überfällig war, da sie nach der Hälfte der Zeit, also nach einem Monat, damit hätte anfangen sollen, doch aufgrund ihrer körperlichen Verfassung war dies nicht möglich gewesen. So warf Chase ihr genau eine Woche nach ihrem Geburtstag ihre Jacke auf den Schoß. „Was ist los?“, fragte sie verwundert und blickte zwischen der Jacke und Chase hin und her. „Es wird Zeit, dass du hier raus kommst. Wir gehen ein Stück durch den Park“, meinte er, als ob es das Normalste von der Welt wäre. In ihren Augen erkannte er, dass Remy Angst bekam, sodass er sich neben sie aufs Bett setzte und ihre Hände nahm. „Ich glaube nicht, dass ich…“, begann sie, doch Chase schüttelte den Kopf. „Ich bin doch dabei. Komm schon“, flüsterte er fast und küsste sie auf die Wange.

Remy war bisher noch nicht wieder sehr viel gelaufen; ihre Muskeln schmerzten nach der langen Liegephase und weigerten sich, länger als ein paar Minuten korrekt zu arbeiten. Dem Blick, mit dem Chase ihr in die Augen sah, konnte sie jedoch einfach nicht wiederstehen. „Aber nicht so lang“, gab sie leise zurück und richtete sich mühevoll auf, bis sie neben ihm saß. Vorsichtig half er ihr, die Arme in die Jacke zu fädeln und stützte sie, als sie auf den Beinen war. Nur langsam kamen sie voran und bereits im Fahrstuhl fühlte Remy sich, als müsse sie auf den Boden zusammensacken, doch sie klagte nicht und ging mit Chase, als sich die Türen wieder öffneten. Glücklicherweise waren es draußen nur noch wenige Schritte bis zum Park, der zur Klinik gehörte, sodass Remy nicht gleich wieder den Mut verlor.

Bereits an der ersten Bank blieb sie stehen und zog Chase leicht in die Richtung. Ihr war übel geworden und sie wollte sich nur noch ausruhen; kurz schloss sie die Augen, als ihr Sterne im Blickfeld aufblitzten und sie umzukippen drohte. „Ich glaube, die Bänke sind zu kalt, um sich hinzusetzen“, meinte Chase, als Remy in seine Arme rutschte. „Mir ist scheißegal, wie kalt die Bank ist, ich muss mich jetzt setzen, egal wohin. Mir ist schlecht“, gab sie energisch zurück und machte die wenigen Schritte an der Seite von Chase, als ob sie betrunken wäre. „Es tut mir leid, ich dachte, du wärst schon soweit“, gab Chase schuldbewusst zu und hielt sie ihm Arm, damit wenigstens ihre Lehne warm war. „Du kannst nichts dafür, ich hätte Nein sagen können“, meinte Remy daraufhin überzeugt und schüttelte den Kopf. Nur nicht übergeben. Das war der einzig klare Gedanke, den sie fassen konnte. „Hast du ja auch… indirekt“, schmunzelte Chase und streichelte ihr über den Rücken.

„Tut die frische Luft wenigstens gut?“ Dies entlockte Remy wiederum ein Lächeln; inzwischen wich die Übelkeit auch mehr und mehr. „Ja, tut sie. Hör zu, du hattest Recht, ich muss ja raus gehen, aber… es ist schwer. Ich hab… solche Schmerzen“, vertraute sie ihm schließlich an und atmete tief durch. „Ich weiß. Aber die vergehen nur, wenn du dich bewegst“, meinte er darauf vorsichtig und streichelte ihr durchs Haar. Remy nickte und fuhr sich mit den Händen kurz über die Oberschenkel, als müsste sie sich vergewissern, dass ihre Muskeln nicht in Flammen standen. Nach einer Weile sah sie wieder zu Chase auf: „Lass uns wieder reingehen. Bitte.“ Der junge Mann hatte nichts dagegen einzuwenden, es hatte ohnehin nur ein kurzer Trip an die frische Luft werden sollen.

So stand er auf, schob Remy seinen Arm um den Rücken und half ihr auf die Beine. Die Ärztin konnte sich ein Stöhnen nicht verkneifen, als ihre Beine unter dem Gewicht ihres Körpers nachgaben. Glücklicherweise hatte Chase sie sicher im Arm; sie wog außerdem so wenig, dass er nicht wirklich viel an ihr zu tragen hatte. „Soll ich lieber einen Rollstuhl holen?“, fragte er besorgt nach und nahm sie in den Arm. Er hatte noch gar nicht richtig ausgesprochen, als Remy bereits energisch mit dem Kopf schüttelte und erneut versuchte, vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wenn auch langsam und unsicher, diesmal klappte es. „Ich weiß, dass du es kannst, du musst mir das nicht beweisen“, flüsterte er an ihrem Ohr und fing sie immer wieder ab, wenn sie ins Straucheln kam. „Kein Rollstuhl“, wiederholte sie nur knapp und biss einfach die Zähne zusammen.

Sie hatte schon so viel durchgemacht, hatte sich auch mehr oder weniger aufgrund ihrer Erkrankung verschiedene Verletzungen zugezogen, sei es die kaputte Schulter oder die Gehirnerschütterung oder die Medikamente selbst, die sie regelrecht ausgehungert hatten. Warum wusste sie nicht, doch was auch immer noch auf sie zukommen würde, die Phobie gegen Rollstühle war die größte. Zwar war Remy Ärztin, doch war sie in dieser Beziehung vielleicht nicht ganz objektiv. Rollstuhl bedeutete für sie kein Zustand, der vorbeiging. Keine Lappalie. Im Rollstuhl hatte sie ihr Kind verloren. Im Rollstuhl saß man, wenn man krank oder irreparabel verletzt war. Sie wusste, irgendwann würde sie an den Rollstuhl gefesselt sein, zu schwach zum Aufstehen, zu hilflos, nicht mehr in der Lage, die Muskeln zu kontrollieren. Und das würde ebenso nicht vorbeigehen, es würde nur von Tag zu Tag schlimmer. Daher war es ihr egal, wie sehr sie sich quälen musste, um zu Laufen: Wenn sie sich einmal dazu hinreißen ließ, sich in einen Rollstuhl zu setzen, würde sie nie mehr auf die Beine kommen.
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Kapitel 53

„Ich hab schonmal ein bisschen gestöbert, während ich allein war. Viel anderes konnte ich ja auch nicht machen.“ Chase gab seiner Remy einen sanften Kuss auf die Wange, während sie sich beim Frühstück am nächsten Tag mit ihrem Joghurtdeckel abmühte. Kurz kramte er in seiner Tasche und legte ihr dann die Ausdrucke mit den Wohnungen neben den Teller. „Was ist das?“, fragte sie gleich interessiert, da sie so vom Essen abgelenkt wurde. Chase erkannte ihr Vorhaben jedoch sofort als solches und zog die Zettel weg. „Erst aufessen“, grinste er. Remy rollte mit den Augen, während Emma ebenfalls grinsen musste. „Jetzt quäl sie doch nicht so, sonst spukt sie dir nachher alles übers Hemd.“ Seit es Remy besser ging, machte Emma gerne ihre Scherze über die Übelkeit, die sie beide durchgestanden hatten, oftmals auf ihre eigenen Kosten.

„Habt ihr zwei euch jetzt gegen mich verschworen? Na toll“, murmelte Remy für sich und machte sich wieder an dem Deckel zu schaffen. „Wieso denn gegen dich verschworen? Du sollst nur wieder auf die Beine kommen, dann können wir über den Rest re…“ – „Ich komme nicht wieder ‚auf die Beine‘, wie du es immer so schön zu sagen pflegst! Wann kapierst du das endlich?“ Man konnte nicht genau sagen, ob es am Joghurtbecher lag, der sich einfach nicht öffnen ließ und der nun einen Fleck an der gegenüberliegenden Wand hinterlassen hatte, oder ob Chase das sowieso schon seit Wochen volle Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Fest stand, dass es für Remy zu viel geworden war. Erschrocken darüber, dass sie ihn plötzlich anschrie, starrte Chase seine Verlobte kurz an, fing sich jedoch schnell wieder und legte die Arme um sie.

„Remy, red nicht so, du weißt, dass das nicht stimmt.“ Sie hörte ihm nur halb zu; vielmehr war die junge Frau damit beschäftigt, ihre Arme in eine abwehrende Haltung zu heben und so die Berührung durch seine Hände loszuwerden. Um sie nicht weiter zu bedrängen, kam Chase diesem stummen Wunsch auch gleich nach, doch er sah sich hilfesuchend nach Emma um, die jedoch genauso ratlos dreinblickte. Bisher war Remy ihr noch nicht so begegnet, bisher hatte sie sich um Haltung bemüht, um der lebensfrohen Zimmergenossin gerecht zu werden. „Remy“, setzte Chase erneut an. „Du bist nicht mehr allein, du hast mich, wir schaffen das“, flüsterte er und legte ihr sanft eine Hand um die Schulter, doch sie zuckte nur heftig zusammen. Emma schüttelte den Kopf und nickte zur Tür hin; wenn jetzt jemand an Remy herankommen würde, dann wohl eine Gleichgesinnte.


Als Chase den Raum verlassen hatte, drehte Emma sich mit ihrem Rollstuhl zu Remys Bett herum, ohne jedoch näher zu kommen. „Das ist ihm gegenüber nicht fair. Was ist los mit dir? Jetzt, wo es dir langsam besser geht, drehst du durch?“ Remy hob wütend den Blick. „Was weißt du denn schon? Ich…“ – „Ich bin noch nicht fertig“, unterbrach Emma sie ernst. „Du denkst vielleicht, dass es gar nicht mehr Berg auf gehen wird, aber das tut es, Robert und ich merken das eher, als du selbst, weil es dir zu langsam geht. Aber du bist noch nicht so krank, du wirst wieder arbeiten können. Gestern wart ihr gemeinsam draußen, du läufst, du isst und die Symptome sind kaum spürbar, was willst du noch?!“ Sie schüttelte leicht den Kopf, da Remy sie ansah.

„Ich bin heute aufgestanden, Remy. Ich hab mit zwei Schwestern ein paar Schritte in der Physio gemacht, das wollte ich euch erzählen. Das erste Mal seit über einem Jahr. Es war ein gutes Gefühl und das reicht mir schon, mehr will ich gar nicht. Aber du… du kannst noch so viel aus deinem Leben machen, es kann euer Leben werden, euer gemeinsames. Schmeißt du das jetzt hin, weil der blöde Deckel nicht vom Becher ging?“, fragte sie schmunzelnd; als sie das Zucken um Remys Mundwinkel bemerkte, wurde sie sicherer. „Na also. Dann schwing jetzt deinen Hintern aus dem Bett und hol deinen Verlobten wieder rein, damit er dich in den Arm nehmen kann, wie sich das gehört.“

Symbolisch streckte Emma ihr die Hand entgegen; Remy richtete sich langsam auf und griff schließlich danach, bevor sie Emma in den Arm nahm. „Ich freu mich wahnsinnig für dich“, flüsterte sie an ihrem Ohr und verharrte kurz in dieser Position. „Ich wäre gerne so wie du“, gab sie nach einer Weile zu, doch Emma schob sie leicht von sich fort. „Das möchtest du nicht, glaub mir.“ Dieses wissende Lächeln, welches die Lippen der jungen Frau umspielte, hatte Remy noch nie deuten können, doch sie konnte sie auch nicht darauf ansprechen und nachfragen, bevor sich der Gesichtsausdruck wieder in das gewohnte Grinsen verwandelte. „Na los jetzt, geh‘ zu deinem Verlobten, oder willst du nachher ohne deine Begleitung bei der Therapie erscheinen?“ ‚Ja‘, wollte Remy gern antworten, doch sie schüttelte nur kurz den Kopf, bevor sie zur Tür ging.

Schon die ganze Zeit über fragte sie sich, wieso einmal wöchentlich die Angehörigen mit zur Krankengymnastik kommen sollten, insofern sie, wie Chase seit nunmehr zwei Wochen, die Patienten mit ihrer Anwesenheit unterstützten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Verfahren positive Ergebnisse brachte, denn Remy persönlich fürchtete diesen Tag, seit Chase gekommen war. Sie wollte nicht, dass er sie bei einer Behandlung sah, es war schon schlimm genug, dass sie ihre Krankheit im Alltag nicht von ihm fern halten konnte und wollte ihn nicht noch weiter ‚integrieren‘, wie es die Therapeuten nannten.

Als sie die Tür öffnete, sah Remy Chase gleich an der gegenüberliegenden Wand im Gang lehnen. Er starrte auf den Boden; als er sie bemerkte, straffte er sich ein wenig, kam jedoch nicht auf sie zu, obwohl er sie gern gestützt hätte. „Entschuldige“, meinte Remy ganz leise und schüttelte den Kopf. „Ich hab im Moment das Gefühl, als würde nichts besser und lass das an dir aus. Es ist nicht deine Schuld, ok? Ich bin froh, dass du bei mir bist.“ Sie stand jetzt vor ihm und wartete auf seine Reaktion, die prompt in einer Umarmung endete. „Und trotzdem willst du nicht, dass ich dich heute begleite“, stellte er nüchtern fest, was die junge Ärztin eben noch gedacht hatte. „Woher…?“ – „Ich liebe dich, Remy. Ich spüre das. Du willst nicht schwach wirken und das tust du auch nicht.“ Chase streichelte ihr sanft die Haare hinter die Ohren und sah ihr in die Augen.

„Ich versuche es ja… aber es ist einfach nicht so leicht. Kann ich dich um etwas bitten?“ Chase nickte und legte den Arm um ihre Schultern, sodass sie nun beide mit den Rücken an dem Handlauf lehnten. „Emma hat niemanden hier, sie hat mir so oft gesagt, wie glücklich ich mich schätzen muss, weil ich dich habe. Sie wünscht sich so sehr einen Freund, dass es schon beinahe weh tut, ihr zuzuhören, deshalb… Gib dich heute bitte auch mit ihr ab, ich weiß, dass sie sich freuen würde, sie mag dich sehr und findet dich attraktiv.“ Remy schmunzelte etwas, wurde aber gleich wieder ernst. „Tust du das für mich? Und für sie?“

Chase war froh, Remy zu haben, er hätte sie auch dann noch genommen, wenn sie schwächer gewesen und nicht mehr hätte laufen können, doch das konnte nicht jeder von sich behaupten, sodass es für Emma schwer werden würde, einen Partner zu finden. „Natürlich.“ – „Sie hat mir gerade erzählt, dass sie heute gelaufen ist. Ich hab ihr die Nachricht mit meinem blöden Getue kaputt gemacht“, fügte sie leiser hinzu und lehnte sich gegen seine Brust. „Ich denke nicht, dass sie das so sieht. Aber es ist toll. Wenn es selbst ihr so viel besser geht… Ein paar Wochen, Remy, dann bist du wieder fit.“ Sie nickte sanft und streckte ihm ihre Hand hin. Seit einigen Tagen zitterte sie kaum noch und wenn, dann nur bei Belastungen und sehr geringfügig. Chase ergriff sie, drückte einen Kuss darauf und begleitete sie wieder in ihr Zimmer zurück.

„Na also, zwei lächelnde Gesichter, geht doch“, meinte Emma sofort lächelnd, als sie die beiden erblickte und setzte sich mühsam in ihrem Bett auf. Chase wollte seine Freundin zu ihrem eigenen begleiten, doch sie ließ seine Hand los und ging zu Emma hinüber, der sie einen Kuss auf die Wange gab und noch einmal ein ehrliches „Danke“, zuflüsterte. „Nichts zu danken. Bedank dich bei dir selbst, du musstest dich schließlich bei ihm entschuldigen, nicht ich.“ Remy erwiderte daraufhin nichts, da sie nicht fand, dass Emma recht hatte, sondern wandte sich Chase zu, um ihm dabei zu helfen, die Joghurtreste von Wand und Boden zu entfernen.
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Kapitel 54

Remy überstand es irgendwie, auch wenn sie sich vollkommen steif machte und sie sich nicht halb so gut bewegen konnte, wie sonst immer. Auch die übrige anderthalbe Woche verging sehr rasch und somit war der Tag der Heimfahrt herangerückt.

Chase packte Remys Tasche ein, während Remy Emma mit ihrer ein wenig half. „Was wird Michelle sagen, wenn du sie an Krücken begrüßt?“, fragte sie lächelnd und legte Emma freundschaftlich einen Arm um die Schultern. Die junge Frau hatte in den letzten Tagen weiter intensiv das Auftstehen geübt und konnte schließlich mit Hilfe ein paar wenige Schritte machen. „Wahrscheinlich wird sie sich freuen, dass sie mich nicht mehr andauernd die Treppen hoch und runter tragen muss“, grinste sie, wobei beide genau wussten, dass Emma weder jetzt noch in ferner Zukunft eine Treppe schaffen würde. „Ihr habt keinen Aufzug?“, fragte Remy überrascht, woraufhin sie ein Kopfschütteln als Antwort erhielt. „Ich geh sowieso selten nach draußen, da würde sich ein Umzug nicht lohnen.“ Remy schwieg zu diesem Thema und warf einen Blick zu Chase, wobei sie seinem Blick begegnete, der reichlich vielsagend war. „Ich will da lieber gleich vorsorgen“, fügte sie lediglich hinzu, was zwar eine Antwort für Emma, jedoch eindeutig an Chase gerichtet war.

Die letzten Stunden vergingen für die beiden Frauen viel zu schnell; Chase hatte sich noch auf eine kurze Sightseeingtour begeben, um ihnen noch etwas Zeit allein zu geben. „Wir bleiben in Kontakt, ok?“, fragte Remy schließlich, als es bald so weit war und sie zu ihrem Flieger mussten. Michelle war bisher noch nicht gekommen, sodass Emma allein weiter warten musste. „Sicher, wir schreiben Mails, wozu gibt’s denn das World Wide Web?“, tröstete Emma Remy, die eindeutig schlimmer mit dem Abschied zu kämpfen hatte. Sie nickte sachte und lehnte sich an Emmas Schulter.

„Du passt auf dich auf, ja? Und… wenn sie das nächste Mal ihre Drogen an uns ausprobieren wollen, sehen wir uns wieder.“ Remy zwang sich zu einem Lächeln und nahm die junge Frau fest in den Arm, als Chase klopfte und eintrat. „Wir müssen los“, meinte er leise, nachdem er noch einige Augenblicke abgewartet hatte. Remy nickte und stand langsam auf, griff nach ihrer Tasche, doch Chase nahm sie ihr gleich wieder ab, sie brauchte ihre Kräfte noch zum Laufen. „Wir sehen uns“, sagte Emma leise. „Wir sehen uns.“ Chase reichte ihr zum Abschied die Hand und wünschte ihr alles Gute, ehe er Remy einen Arm um die Schultern legte und mit ihr hinausging.

Remy konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, als die beiden schließlich im Flieger saßen und sie der Meinung war, dass Chase nicht mehr so genau auf sie achtete. Doch dabei irrte sie sich; kaum war die erste Träne ihrem Augenwinkel entwischt, hatte er schon seinen Arm um ihr liegen und lehnte den Kopf an ihre Schulter. „Sie ist stark, sie schafft das schon“, wollte er sie trösten. „Sie ist erst 22, Robert. Sie hat noch nicht mal einen Beruf! Sie ist krank geworden, bevor sie überhaupt gelebt hat!“ In diesem Moment fiel es Remy sehr schwer, nicht vollkommen die Beherrschung zu verlieren und die Aufmerksamkeit sämtlicher Passagiere auf sich zu ziehen. Chase streichelte ihr sanft durchs Haar und hielt sie ganz fest, wie sie nun völlig kraftlos an ihm lehnte. „Ich weiß. Aber sieh mal, sie hat ihre Schwester und jetzt hat sie noch dich. Sie ist fröhlich. Es wäre doch viel schlimmer, wenn sie unter Depressionen leiden würde, aber sie kommt zurecht.“ Remy blickte kurz an ihm auf, ehe sie den Blick aus dem Fenster wandte. „Damit kommt man nicht zurecht“, meinte sie leise, während ihr weiter Tränen übers Gesicht liefen; irgendwann schlief sie einfach ein.

„Aufwachen, mein Schatz“, flüsterte Chase, als sie gelandet waren und bereits alle Leute um sie herum mit ihren Taschen durch den Gang strömten. Nur langsam kam Remy wieder zu sich und sah sich verschlafen um, bevor sie wusste, was los war. Als es ihr jedoch klar wurde, richtete sie sich gleich auf und erhob sich, etwas zu schnell wahrscheinlich, da Chase sie gleich stützen musste. „Schon gut, ich hab dich. Willkommen in Princeton“, schmunzelte er und gab ihr einen zärtlichen Kuss, den die junge Frau sogleich erwiderte. „Endlich wieder“, gab sie zurück und konnte es nun wirklich kaum noch erwarten, wieder zu Hause zu sein.


Es dauerte eine Weile, ehe das junge Pärchen bei seiner Wohnung angekommen war, da alle Taxis bereits vergeben waren, als sie den Flughafen verließen. Zwar war das Wetter gut, sodass die beiden auf einer Bank warten und die Sonne genießen konnten, doch spürte Chase, wie Remy immer weiter an seine Schulter sank. Sie hatte schon lange nicht mehr am Stück so viel gesessen oder gestanden und brauchte nichts weiter als ein Bett oder Sofa, auf das sie sich kuscheln konnte. Schließlich trafen sie zwei Stunden nach der Landung des Flugzeugs zu Hause ein, wo Remy kaum noch stehen konnte und Chase ihr die Schuhe ausziehen musste, um zu vermeiden, dass sie stürzte.

„Na, hast du die Wohnung auch schön sauber gehalten, während ich weg war?“, fragte sie matt schmunzelnd und stützte sich von der Kommode hoch, auf die sie sich gesetzt hatte, während ihr Freund sich an ihren Schuhen zu schaffen gemacht hatte. Chase griff ihr gleich unter die Arme und Remy ließ ihn, anstatt ihn abzuschütteln, ausnahmsweise gewähren. „Das musste ich. Schon allein aus Angst, dass du anfängst mit Putzen, sobald du einen Schritt hier reinmachst“, gab er grinsend zurück, während er sie auf ihr Schlafzimmer zuführte. Da sie jedoch stehen blieb, musterte er sie besorgt. „Alles ok? Ist dir übel?“ Remy konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Weil ich stehenbleibe? Robert… So krank bin ich noch nicht. Es ist nur… Du bleibst doch hier, oder? Denn wenn das der Fall ist, würde ich mich lieber ins Wohnzimmer legen, wo du bist“, erklärte sie beinahe schüchtern und nickte zu der anderen Tür, neben der sie innegehalten hatte.

Nur wenige Sekunden später lag Remy auf mehrere Kissen gebettet und in eine Decke gekuschelt auf dem heimischen Sofa und ließ den Blick über die Schränke schweifen, während Chase ihr in der Küche einen Tee aufbrühte. Es tat gut, die vertraute Umgebung wiederzusehen, den gewohnten Geruch einzuatmen und die Gewissheit zu haben, dass in der nächsten halben Stunde kein Pfleger aufschlagen würde, um Blutdruck und Temperatur zu überprüfen oder der Zwang bestand, sich zu bestimmten Zeiten bei dieser und jener Therapie einfinden zu müssen.

„Was ist los?“, riss Chase die junge Ärztin schließlich aus ihren Gedanken, woraufhin sie ihn verständnislos ansah. „Was soll denn sein?“ – „Du lächelst“, meinte er und streichelte ihr durchs Haar, als er sich zu ihr setzte. Remy zuckte kurz mit den Schultern und zog ihre Mundwinkel noch ein Stück höher. „Ich bin einfach froh, wieder hier zu sein. Auch wenn du es nicht glauben kannst, deine staubigen Schränke haben mir gefehlt“, neckte sie ihn, was ihr auch sogleich einen Kniff in die Seite einbrachte. Das darauffolgende Zusammenzucken löste einen kurzen Schmerz in ihren Muskeln aus, der jedoch so schnell verging, wie er gekommen war. „Sei froh, dass ich mich nicht großartig wehren kann“, meinte sie gespielt drohend und hielt seine Hand mit ihren beiden umschlossen, während sie ihm in die Augen sah. Chase erwiderte den Blick für einen Moment, ehe er seinen zu Remys Händen schweifen ließ und sanft über die Hämatome an beiden Handgelenken strich.

„Ja, Dr. Chase, deine Junkie-Freundin braucht jetzt ihren Laptop, damit sie ihrer verrückten, todkranken Freundin schreiben kann, dass sie angekommen ist.“ Mit diesen Worten zog sie ihre Hände zurück und schob sich die Ärmel weiter nach vorn. Chase reichte ihr den Laptop, der seit ihrer Abreise noch immer unberührt im zweiten Sessel lag und half ihr etwas auf. „Deinen Tee hab ich hier auf den Tisch gestellt. Brauchst du noch irgendwas? Sonst würde ich kurz einkaufen gehen, der Kühlschrank ist leer“, gab er zu. Remy schüttelte gleich den Kopf. „Geh‘ ruhig, ich hab alles hier“, nickte sie ihm aufmunternd zu, wandte den Blick jedoch noch lange nicht von der Wohnzimmertür ab, nachdem Chase hindurch verschwunden war.
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Kapitel 55

Emma,
wir sind wieder zu Hause angekommen, der Flug war sehr entspannt, kein Wunder, ich hab die ganze Zeit geschlafen.
Ich bin froh, wieder hier zu sein; trotzdem ist es ein komisches Gefühl, nach der langen Zeit die gewohnten vier Wände zu sehen. Man könnte das leicht falsch auffassen, deshalb habe ich Robert nichts gesagt, aber ich habe etwas Angst, wieder hier zu sein. Die Klinik hat mir kurz das Gefühl gegeben, als ob die Zeit angehalten worden wäre. Jetzt, wieder zurück im Alltag, stürmt alles wieder auf mich ein und die Panik vorm Krankwerden ist schlimmer als zuvor.
Ich will dich nicht damit belästigen, ich frage mich nur, ob es nur mir so geht, oder du das gleiche Gefühl hast. Ich hoffe, ihr hattet auch einen guten Heimweg und euch geht es gut.
Grüß Michelle von mir.
Remy


Erst als Remy hörte, wie Chase den Schlüssel ins Schloss steckte und in den Flur trat, wurde ihr bewusst, wie lange sie bereits auf diese wenigen Zeilen gestarrt hatte, ohne sie abzuändern. So drückte sie nun auf ‚Senden‘ und klappte den Laptop zu, den sie jedoch auf ihren Beinen stehen ließ.

„Ich bin wieder da“, rief Chase schon von Weitem und Remy nickte für sich. „Weiß ich, mein Gehör ist in Ordnung“, gab sie schmunzelnd zurück und schloss kurz die Augen, bis sie seine Lippen auf ihren spürte. In den Kuss stahl sich ihr Lächeln und als Chase wieder vom Sofa aufstehen und die Einkäufe in den Schränken verstauen wollte, hielt sie ihn sanft am Handgelenk zurück. Sie hatte ihn lange genug angelogen, damit musste jetzt ein für alle Mal Schluss sein. „Du hast deinen Tee kalt werden lassen“, stellte er nüchtern fest, grinste jedoch.

Als er ihr Gesicht sah, wurde er wieder ernster. „Was ist los?“ – „Ich hab Angst.“ Sie hätte es bisher nie für möglich gehalten, diese Worte jemals laut auszusprechen. Gerade dadurch bemerkte sie, wie viel Chase ihr bedeutete. „Ich sollte froh sein, wieder hier sein zu können, aber… Hier bin ich die pflegebedürftige Freundin, die ihren Arzt-Freund so lange es geht zur Arbeit begleitet, bevor sie so krank wird, dass sie sich nicht um sich selbst und schon gar nicht um ihre Patienten kümmern kann. Ich will nicht, dass du denkst, es ist deine Schuld, wenn ich schlecht drauf bin, also… Gib mir ein paar Tage, wenn ich wieder arbeiten gehe, hört das schon auf.“ Sie rang sich ein Lächeln ab und streichelte ihm kurz über die Wange. „Kann ich dir beim Auspacken helfen?“, fragte sie schließlich bereitwillig und setzte sich weiter auf. Ursprünglich hatte er Nein sagen wollen, doch das hätte sie in ihren Worten nur noch bekräftigt. So nickte er wortlos und hielt ihr dann seine Hand hin, um ihr aufzuhelfen.

Remy tat sich bei den ersten Schritten sehr schwer, doch schließlich funktionierte es immer besser. „Übernimmst du die Kühlwaren?“, fragte er sie, in der Küche angekommen und hielt die Kühlbox hoch. Remy würde klar sein, dass er das tat, um ihr lange Wege durch die Küche zu ersparen, doch sie würde auch wissen, dass er sich nun einmal um ihr Wohl sorgte. „Klar, gib her“, antwortete sie deshalb möglichst begeistert und stellte sich an den Kühlschrank. „Wow, du hast ja richtig was vor… Bist du sicher, dass du das, was du da gekauft hast, auch wirklich zu was Genießbarem umwandeln kannst?“, fragte sie nach einer Weile grinsend, da Chase nicht gerade für seine Kochkünste bekannt war, die darin bestanden, Dosensuppen aufzuwärmen. „Du wirst staunen, was ich alles kreieren kann, wenn ich nur will“, meinte er beleidigt und musterte Remy, die sich mit einer Hand an der Theke abstützte, während sie mit der anderen die Lebensmittel in den Kühlschrank schlichtete.

Als ob er telekinetische Fähigkeiten besäße, fiel ihr in eben diesem Moment das Glas mit den Würstchen aus der Hand. Zwar ging es nicht kaputt, doch Remy bückte sich sofort erschrocken danach. Bevor der daraufhin sofort einsetzende Schwindel sie zu Fall bringen konnte, hatte Chase bereits seinen Arm um sie gelegt und ließ sie an ihn lehnen. „Komm, du solltest jetzt wirklich erstmal ein bisschen schlafen.“ Es war kein Drängen und kein Bitten, sondern nur eine nüchterne Feststellung, die Remy zustimmen ließ. „Vielleicht hast du Recht“, nickte sie und ließ sich von ihm zurück aufs Sofa bringen.

Als sie wieder lag, blieb Chase noch kurz bei ihr sitzen und streichelte ihr über die Hände. „Denkst du überhaupt, dass ich wieder arbeiten gehen kann?“, wollte sie wissen und sah ihm in die Augen, doch ihr Blick wurde nicht erwidert. Stattdessen starrte Chase auf den Boden vor sich. „Robert.“ Sie berührte ihn sanft am Arm, sodass er schließlich aufsah. „Ich bin zu schwach, um ein Würstchenglas festzuhalten und kann mich kaum auf den Beinen halten, wie soll ich…“ Sie brach ab, da sie nicht sicher war, ob er ihr überhaupt zuhörte. „Ich will einfach wissen, was du darüber denkst.“ Hatte sie bisher vollkommen ernst geklungen, wurde ihre Stimme nun leiser und unsicherer.

Es dauerte noch einen Augenblick, ehe Chase schließlich antwortete: „Ich würde dir gern sagen, dass du wieder gesund wirst, aber die Welt besteht nunmal nicht aus Süßigkeiten.“ Traurig lächelte er sie an. „Remy, ich weiß, dass deine größte Sorge ist, zu Hause zu sitzen und nichts tun zu können. Aber es dauert nicht lange und wir fahren wieder gemeinsam ins Krankenhaus.“ – „Ja, als Patientin mit Angehörigem“, flüsterte sie und wandte den Blick ab. „Nein, als Ärzteehepaar. Es geht dir besser, deine Symptome sind schwächer. Das wird nur dadurch verdeckt, dass deine Muskeln so stark abgebaut sind und du viel abgenommen hast. Wenn du erstmal körperlich wieder fit bist, wirst du sehen, wie viel die Behandlung dir gebracht hat. Und ab jetzt bist du Hard-Core, du hast die Nebenwirkungen hinter dir gelassen und bekommst sie bei den nächsten Verabreichungen nicht.“

Er grinste und schob seine Hand in ihre. „Du musst es mir nur glauben und dir vor allen Dingen selbst vertrauen.“ Er stand auf und breitete eine Decke über Remys ausgezehrten Körper. „Aber bevor du dich deinen tiefgründig-philosophischen Gedanken hingibst, solltest du wirklich etwas schlafen.“ Diese Worte brachten selbst Remy zum Schmunzeln und sie zog sich die Decke noch ein Stück höher. „Ich werd’s versuchen“, versprach sie, gab ihm noch einen Kuss, als er sich zu ihr hinunterbeugte und schloss dann die Augen, nachdem er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte und die übrigen Einkäufe wegräumte. Bereits wenige Minuten später war sie eingeschlafen.


In den folgenden drei Wochen bekam Remy weiterhin regelmäßig Physiotherapie und auch Chase tat was er konnte, um ihre körperliche Form zu verbessern, sowie ihr psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen. So wurde ihr nach einer abschließenden Untersuchung durch ihre Neurologin schließlich gestattet, ihre Arbeit wieder anzutreten, solange sie es langsam anging.

„Dafür sorg ich schon“, ahmte Remy ihren Verlobten nach, als sie Arm in Arm die Neurologie und schließlich das Krankenhaus verließen. „Ich dachte, ich hör nicht richtig.“ Auch wenn diese Worte sehr genervt und auch etwas wütend klangen, brachte Remy sie so ironisch und überzogen rüber, dass Chase herzhaft lachen musste. Als sie am Auto ankamen, drehte Remy sich zu ihm um und ihre Augen blitzten ihn schelmisch an. „Und was willst du tun? Mich über die Schulter werfen und aus der Klinik tragen, wenn ich meine Überstunden antrete?“, fragte sie herausfordernd, doch das Grinsen lag unverändert auf ihren Lippen.

„Tja, mal sehen. Sowas in der Art hatte ich mir schon vorgestellt“, gab er zurück und öffnete die Beifahrertür. „Jetzt aber rein da, oder willst du gleich mit der Nachtschicht anfangen?“, fragte er in Anbetracht der untergehenden Sonne. „Wer weiß. Was meinst du, fangen wir mit diesem Abend noch an?“, fragte sie süß schmunzelnd und zog ihn weiter zu sich. „Mir würde da schon was einfallen“, gab er leise zurück, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie zärtlich. Auch wenn sie inzwischen bereits eine ganze Weile ein Paar waren, scheuchten Momente wie dieser einen ganzen Schwarm Schmetterlinge in Remys Bauch auf. Vorsichtig, um ihr nicht weh zu tun, lehnte sich Chase mit ihr im Arm gegen den Wagen und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. „Darf ich dich zum Essen einladen, bevor wir uns den wichtigen Dingen des Lebens widmen?“, fragte er dann und zauberte ihr damit erneut ein Lächeln auf die Lippen. „Dann muss ich ja noch sooo lange warten. Aber… überredet“, meinte sie schließlich und gab ihm noch einen flüchtigen Kuss, ehe sie in das Auto einstieg und die Tür hinter sich zuzog.

Als Chase auf dem Sitz neben ihr Platz genommen hatte, wandte er grinsend seinen Kopf in ihre Richtung. „Jetzt hat es aber jemand eilig“, stellte er amüsiert fest und handelte sich damit einen Klaps gegen die Schulter ein. „Das hat gar nichts mit Eile zu tun. Ich wollte nur nicht noch ewig mit dir auf dem Krankenhausparkplatz herumstehen. Und jetzt fahr endlich.“ – „Nein, das ist wirklich keine Eile.“ Doch Chase kam ihrer Bitte nach und startete endlich den Motor. „Ich bin ein sehr geduldiger Mensch, ehrlich. Aber wenn mir jemand so verlockende Versprechungen macht, dann kann ich doch unmöglich noch länger widerstehen, oder?“, erklärte sie scheinheilig und legte ihre Hand um seine, bevor er sie nach dem Hochschalten wieder ans Lenkrad zurücklegen konnte. „Stimmt, unmöglich“, schmunzelte er, drehte jedoch nur flüchtig den Kopf zu Remy, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.
So kindisch Remy sich selbst auch vorkam, sie freute sich wahnsinnig auf diesen Abend und die Nacht mit ihrem Verlobten. Sie konnte eine solche Vorfreude nicht oft bei sich erkennen, doch nach der langen Zeit sehnte sie sich nach etwas Ruhe und Frieden und besonders nach der körperlichen Nähe zu einem ihr geliebten Menschen.
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Kapitel 56

Es war mitten in der Nacht, als Remy und Chase noch immer wach lagen und sich gegenseitig streichelten. Sie hatten beide am nächsten Tag Spätschicht und mussten daher nicht früh aufstehen. „Danke für den schönen Abend“, meinte Remy ehrlich und lächelnd. „Und die schöne Nacht“, fügte sie dann noch grinsend und neckisch hinzu. Chase verstand die Anspielung und grinste ebenfalls, ehe er seinen Arm um sie legte und ihr einen Kuss auf die Wange gab.

„Keine Ursache, wir können das gerne bald wiederholen“, gab er nur zurück und zog mit den Fingern ganz sanft die Konturen ihres Schlüsselbeins nach, was Remy ein liebes Schmunzeln entlockte, ehe ihre Augen etwas traurig wurden. „Was, wenn ich wieder Nebenwirkungen bekomme?“, fragte sie leise, ohne ihn anzusehen. Diese Frage beschäftigte sie nun schon die ganze Zeit, insbesondere jetzt, wo es ihr wieder gut ging, der Termin jedoch immer näher rückte. Remy war klar gewesen, dass sie jeden Monat für zwei Tage ins Krankenhaus musste, um die Medikamente zu bekommen; nachdem sich ihre Symptome so stark verbessert hatten, war ihr selbst dies wie ein kleines Opfer vorgekommen, doch da war noch immer die Angst, dass der Wirkstoff ihren Körper erneut vollkommen durcheinander brachte.

„Das wirst du nicht“, meinte Chase, auch wenn sich in dieser Beziehung niemand ganz sicher sein konnte. „Wieso nicht? Nenn mir einen Grund, weshalb es nicht so kommen sollte.“ – „Du bist wieder zu Hause, dein Körper hat sich daran gewöhnt und diesmal bin ich da. Das waren drei.“ Er grinste und Remy konnte nicht anders, als diesen Ausdruck zu erwidern und ihn zärtlich zu küssen. „Ich liebe dich“, flüsterte sie. Inzwischen fiel es ihr leichter, diesen Satz auszusprechen, ohne anschließend von Schuldgefühlen geplagt zu sein. „Ich liebe dich auch“, gab er zurück.

„Was ist?“ Chase bemerkte, wie Remy ihm unablässig in die Augen sah; als er sie jedoch direkt darauf ansprach, blickte sie auf die Bettdecke vor sich. „Ich hab gerade darüber nachgedacht… Ich meine… Ich hab überlegt, ob wir beide…“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist kompletter Irrsinn, vergiss es.“ Obwohl Remy sich auf die Seite drehte und dieses Gespräch für sie augenscheinlich beendet war, hatte sie Chase‘ Neugier natürlich geweckt. „Jetzt spuck‘ es schon aus“, forderte er und nahm ihre Hand. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie etwas zitterte, da dies nur noch selten vorkam, so sah er ihr gleich in die Augen. „So schlimm?“

Remys Lippen formten ein Schmunzeln. „Nein, so schlimm nicht… Ich hab mich gefragt, ob wir beide es nochmal mit einem Kind versuchen sollten“, gab sie schließlich leise ihre Gedanken zu und traute sich zunächst nicht, ihren Verlobten anzusehen. Chase gab vorläufig nur ein schnaufähnliches Geräusch von sich, ehe er einige Sekunden später antwortete: „Remy, versteh mich bitte nicht falsch, aber… Du hast diesen Medikamententest gemacht und bekommst jetzt neue Medikamente… Meinst du nicht, jetzt ist ein schlechter Zeitpunkt?“ Noch bevor er ausgesprochen hatte, nickte Remy. „Ich weiß, deshalb wollte ich es dir ja auch gar nicht erst sagen“, erklärte sie. „Das heißt aber nicht, dass ich es nicht möchte, verstehst du? Wir… es wäre schön, Kinder zu haben“, fügte er dann hinzu und drückte ihre Finger leicht, jedoch zugleich so zärtlich, dass sich Remy vollkommen geborgen und sicher fühlte.

„Ich weiß nicht, ob… Ich noch in der Lage sein werde, ein Kind zu bekommen, wenn wir warten.“ Remys Stimme war kaum ein Flüstern, doch sie brach den Augenkontakt nicht einen Moment lang, während sie sprach. „Das werden wir sehen, in Ordnung? Jetzt müssen wir uns aber erstmal um dich kümmern, bis dein Gleichgewicht wiederhergestellt ist und danach merken wir schon, welche Möglichkeiten wir haben.“ Chase wusste, wie schwer es Remy gefallen sein musste, um überhaupt über gemeinsame Kinder nachzudenken, nachdem sie mit ihrer Krankheit und der Fehlgeburt dieses Thema eigentlich abgeschlossen hatte. So bewunderte er sie für den Mut und die Überzeugung, die sie nun aufgebracht hatte.

Mit einem Nicken stimmte Remy ihrem zukünftigen Ehemann zu und schloss die Augen. „Findest du es seltsam, dass ich darüber nachdenke?“, fragte sie nach einigen Augenblicken, ohne die Augen wieder zu öffnen. „Nein, gar nicht. Es zeigt mir, dass du den Platz gefunden hast, an den du gehörst. Wir werden heiraten, du hast mir gesagt, du liebst mich, morgen Vormittag sehen wir uns ein Miethaus an. Wir sind eine Familie.“ Der Klang dieser Worte brachte beide unabhängig voneinander zum Lächeln, doch Remy fuhr sich kurz mit der Hand über die Augen. „Wie willst du das alles schaffen… mit mir?“, fragte sie unsicher, jedoch längst nicht mehr so hoffnungslos, wie sie es früher getan hätte. „Mit dir? Die Frage sollte eher lauten, wie ich es ohne dich schaffen sollte. Aber ich denke, wir beide sollten jetzt schlafen. Auch wenn wir Spätschicht haben, die Maklerin wartet auch nicht ewig“, grinste Chase und beugte sich über Remy, sodass sein Gesicht nur wenige Centimeter über ihrem schwebte. „Du hast recht“, nickte sie. „Schlaf gut.“ – „Du auch.“ Und mit Chase‘ Kuss auf den Lippen und seinem Arm um ihren Körper, schlief Remy fest ein.


Der heftige Schlag in Chase‘ Gesicht ließ ihn aufwachen und das Licht anschalten. Vollkommen verschlafen und sich die Nase reibend, blickte er sich kurz verständnislos um, bevor ihn Remys Hand erneut traf, diesmal am Arm. Er versuchte ihre Hand zu ergreifen, doch der Traum ließ sie sich nur noch heftiger wehren und ihre genuschelten Worte entwickelten sich zu einem herzzerreißenden Wimmern, das man eigentlich nur von frierenden Welpen kannte. „Tu‘ ihm nicht weh, bitte“, waren die einzigen Worte, die einigermaßen deutlich bei Chase ankamen. „Remy, ist ja gut, keiner tut dir weh“, flüsterte er und streichelte sie, doch sie drehte sich weiter hin und her, ohne aufzuwachen. „Remy!“, wiederholte er, diesmal etwas lauter und verbunden mit einem sanften, jedoch bestimmten Rütteln an ihrer Schulter.

Es dauerte einige Momente, bevor sie nach dem Aufwachen wusste, wo sie war und wer da mit ihr sprach, doch als es ihr klar wurde legte sie den Kopf auf die Brust ihres Verlobten. „Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken“, flüsterte sie und schloss die Augen, um die Bilder des Traums verschwinden zu lassen, doch so traten sie nur noch deutlicher hervor. „Schon gut, das macht nichts. Alles wieder ok?“, fragte er nach und wusste gleich, nachdem er sie ausgesprochen hatte, dass es die falschen Worte gewesen waren. „Ich hab dich nach einem Kind gefragt. Vergiss das bitte wieder, das wird nicht gehen, ich… kann nicht“, presste sie hervor und drückte sich die Faust gegen den Mund.

Dass dieser plötzliche Sinneswandel in unmittelbarer Beziehung zu ihrem Alptraum stehen musste, stand außer Frage. Mit Remy im Arm setzte Chase sich leicht auf und lehnte seinen Kopf an ihren. „Ist es immer der gleiche Traum?“, sprach er sie das erste Mal, seit sie sich kannten, auf ihre Schlafstörungen an. Remy schüttelte zögerlich den Kopf. „Manchmal ist er das, aber selten“, gab sie zu und schloss die Augen. „Es war Damien“, meinte sie plötzlich und starrte an die Zimmerwand. „Er… Sie hat ihn die Treppe runtergeworfen, weil er sich beim Spielen schmutzig gemacht hatte. Es war ein… ein himmelblaues Hemd, ein Grasfleck war drauf, er hat ihr seinen aus Zweigen gebastelten Hut gezeigt und sie hat ihn… sie hat ihn einfach die Treppe runtergeschubst.“

Chase schluckte und hielt sie noch fester umschlossen. „Er hat sich nur den Arm gebrochen, aber… Er war doch so klein und stolz auf seinen gebastelten Hut und… Ich will nicht irgendwann an dem Punkt stehen, dass ich meinem Kind wehtue, weil ich nicht mehr mitbekomme, wie impulsiv ich bin. Sie hat uns ständig geschlagen, aber sie konnte nicht anders, sie hat sich meist sofort entschuldigt. Das war das einzige Mal, dass mein Vater sie angeschrien hat.“ Remy entzog sich leicht dem Griff von Chase, der auch sofort locker ließ, und ließ sich wieder ins Bett zurückgleiten.

„Wir müssen noch etwas schlafen“, meinte sie, nun wieder vollkommen nüchtern und rollte sich in der Bettdecke ein. „Ich denke nicht, dass du wie deine Mum bist. Du siehst vielleicht aus wie sie, aber du hast einen anderen Charakter.“ – „Es ist nicht der Charakter. Es ist die Krankheit. Die Gleiche.“ So müde Remy auch war, dieser Gedanke ließ sie in dieser Nacht nicht noch einmal einschlafen.
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Kapitel 57

Die Besichtigung des Hauses war nicht sehr erfolgreich; obwohl alle Angaben in der Anzeige korrekt waren, entsprachen die Räumlichkeiten nicht den Anforderungen des jungen Paars. Dennoch verdarb dies den Tag nicht, denn sie hatten noch einige weitere Möglichkeiten, die sie sich im Laufe der nächsten Wochen ansehen würden und zudem war die Vorfreude auf die Hochzeit größer als die Enttäuschung, da es kaum noch zwei Wochen waren. Auch wenn kein großes Fest geplant war, war es doch etwas Besonderes, den Bund der Ehe einzugehen und insbesondere für die beiden stellte es einen Höhepunkt dar, hatten sie doch schon so viel gemeinsam durchgemacht. Doch zunächst mussten die schönen Dinge des Lebens in den Hintergrund rücken, da die Arbeit auf die beiden wartete.


„Ich fühle mich wie an meinem allerersten Arbeitstag“, gab Remy zu, als sie kurz den Blick von ihrem Fenster abwandte und den Kopf zu Chase drehte, der gerade an einer Ampel hielt. „Du bist lange nicht mehr dabei gewesen, ein bisschen Aufregung ist erlaubt“, gab dieser schmunzelnd zurück, nahm seiner zukünftigen Frau damit jedoch nicht die sich unendlich verwirbelnden Gedanken. „Was wird House sagen? Ich meine… er stellt uns sicher bloß.“ – „Wäre ja nichts Neues. Aber, mein Schatz, wir stehen über den Dingen“, meinte Chase mit weiser Stimme und musste anschließend sofort selbst darüber lachen. Remy grinste nur schweigend vor sich hin, schüttelte kurz den Kopf über Chase‘ Kindlichkeit und wartete dann das Ende der Autofahrt ab. Auf dem Krankenhausparkplatz stieg sie gleich aus, hängte sich ihre Handtasche über die Schulter und wartete dann auf Chase, der noch den Wagen verriegelte und ihr schließlich einen Arm um die Taille legte.
Kurz bevor die beiden die Eingangshalle betraten, zog Remy Chase am Arm etwas zu sich herunter und gab ihm noch einen zärtlichen Kuss auf den Mund, bevor sie ihren Weg nach drinnen fortsetzten.


„Ich kann das nicht.“ Ein erneutes Zögern Remys ließ die beiden kurz vorm Besprechungsraum stehen bleiben und Chase seinen Arm um ihre Schultern legen. „Und weshalb nicht?“, fragte er ganz ruhig und sah sie lieb an. „Weil… Ich weiß es nicht.“ – „Und genau deshalb gehen wir jetzt da rein und melden uns wieder zurück.“ Ohne auf Remys Reaktion zu warten, schob er sie mit sanfter Gewalt mit sich.

Foreman und Taub waren bereits anwesend, ebenso wie eine braungebrannte, junge Frau mit blondem Haar und braunen Augen. „Hey, jetzt sagt bloß, euch gibt’s noch!“, stieß Foreman hervor, als er das junge Paar bemerkte, erhob sich von seinem Platz und legte beiden nacheinander freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Wie geht es dir?“, fragte er schließlich an Remy gewandt, die zwar noch etwas blass um die Nasenspitze war, ansonsten jedoch fit wirkte. „Besser“, gab sie leicht lächelnd zurück und reichte nach Chase Taub die Hand. Bei der Fremden zögerte sie kurz, wollte ihr aber dennoch ebenfalls die Hand schütteln, als Taub auch schon zu erklären begann.

Das leichte Stottern und die sich immer wiederholenden Blicke zu Foreman verrieten jedoch, dass er sich nicht sicher war, ob es in Anbetracht von Remys labilem Zustand richtig war, was er tat. „Robert, Remy, das ist Laura Pierce. Sie… ist Spezialistin für Neurochirurgie und… House hat sie eingestellt.“ Remys Hand zuckte kurz, niemand konnte wohl genau sagen, ob es krankheitsbedingt oder der Schreck war. House hatte sich also bereits jetzt um ihre Nachfolgerin gekümmert, da er damit gerechnet hatte, dass sie nicht wieder arbeiten konnte. „Sehr erfreut“, meinte Remy und stellte sich selbst vor, ehe sie sich auf ihren angestammten Platz setzte und den Tisch betrachtete, als ob da ein Fleck wäre, der vor ihrer Abwesenheit noch nicht dort gewesen war. So in Gedanken erschrak sie beinahe über die Kaffeetasse, die Chase ihr zuschob, während er neben ihr Platz nahm. Doch mit ihm sprechen konnte sie jetzt nicht, da alle im Raum waren; irgendwie stand sie den Tag durch und dann hatten sie viel Zeit, die sie in Zweisamkeit verbringen konnten.


Als House eine halbe Stunde später regelrecht hereingeschneit kam, schien er als einziger nicht überrascht über die Rückkehr der beiden zu sein. Ohne ein Wort durchquerte er so den Besprechungsraum, bedeutete Remy mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen und verschwand dann in seinem Büro. Wenn auch widerwillig erhob sich die junge Frau, um sich einem der unangenehmen Gespräche mit ihrem Boss zu unterwerfen.

„Sie sind zurück“, stellte House nüchtern fest, nachdem die Tür zu war und Remy vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatte. „Ja, sieht wohl so aus“, gab die Ärztin zurück und hoffte mit dem gelangweilten Ton, den sie anschlug, ihre Nervosität verbergen zu können. Doch House konnte sie wohl nach wie vor nichts vormachen, denn seine Reaktion kam prompt: „Mein Gott, Pierce setzt Ihnen ja richtig zu.“ Remy wollte ihm gern sein Grinsen aus dem Gesicht wischen, doch eine Schlägerei mit ihrem Boss würde ihr den Job auch nicht zurückbringen. „Nein, es ist nur, ich wüsste gern, woran ich bin. Sie werfen mich raus? In Ordnung, dann ist es eben so. Dann besitzen Sie aber auch den Anstand, es mir JETZT zu sagen, denn irgendwelche langatmigen Spielchen, bei denen wir uns gegenseitig die Stirn bieten sollen, sind mir zuwider.“

House verstand die Anspielung auf das klinikweit bekannte Casting, durch das sie zu ihrem Job gekommen war und grinste weiter, doch er war auch besorgt. Früher hatte sie diese Herausforderung gereizt und angespornt; ging es ihr jetzt also schon so schlecht, dass selbst ihr Ehrgeiz gegen die Lethargie nichts mehr ausrichten konnte? „Sie werden einsehen, dass zwei fehlende Ärzte mindestens einer zu viel war und ich nicht anders konnte, als jemanden einzustellen. Ebenso sollte Ihnen klar sein, dass ich sie nicht einfach entlassen kann, genauso wenig wie Sie, also kriegen Sie sich wieder ein.“ Auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, beruhigten diese Worte Remy für’s Erste sehr. „Und nun möchte ich von Ihnen, dass Sie ehrlich sind und mir auf die folgende Frage antworten: Können Sie Vollzeit arbeiten, ohne andauernd zu fehlen, oder nicht?“

Alles Beruhigende war wieder zerstört, zerplatzt, wie eine Seifenblase und die Panik vereinnahmte die junge Frau körperlich so stark, dass sie ihre zitternden Finger an die Stelle ihres Oberteils legte, unter der ihr Herz wie wild von innen gegen den Brustkorb schlug. „Darüber… wollte ich auch noch mit Ihnen sprechen…“, begann sie, wurde jedoch von House unterbrochen. „Die weiteren Behandlungen, schon klar.“ Der überraschte Blick Remys brachte House zu einer Erklärung. „Jaa, auch ich informiere mich von Zeit zu Zeit, besonders wenn Sie mir die Materialien auch noch bereitwillig geben. Zudem war ich es schließlich, der Sie in Ihrer Misere immer wieder angerufen und aufgebaut hat, also weiß ich ja wohl einiges“, gab er noch zu bedenken, was Remy beschämt den Blick senken ließ. House hatte sich wirklich um sie gekümmert, wenn auch mit bissigen Kommentaren und den Worten ‚Ich hab es Ihnen ja gesagt‘, doch sie hatte jemanden gehabt, mit dem sie reden konnte, nachdem sie versucht hatte, Chase aus allem herauszuhalten.

„Sie haben Recht. Ich hab mich noch nicht Mal richtig bedanken können“, meinte sie leise und sah ihm in die Augen. „Danke, House“, kam es daher vollkommen ehrlich von ihr. „Gern geschehen“, war die knappe Antwort, ehe es wieder zum Geschäftlichen zurückging. „Folgendes: Sie gehen es langsam an. Wenn Sie sich mit weniger Arbeitszeit und dementsprechend etwas weniger Gehalt zufrieden geben könnten, kann ich die süße Schnecke im Nebenraum UND Sie behalten, na, wie klingt das? Und gesünder ist es für Sie auch noch.“ Remy nickte bereits, bevor House richtig ausgesprochen hatte. Er wusste, sie würde nicht mehr alle Tätigkeiten ausüben können, er wusste, dass sie die monatliche Behandlung hatte und alles, worum er sie bat, war, sich mit etwas weniger Geld zufrieden zu geben. „Vielen Dank“, meinte sie erneut ganz leise und verließ mit einem glücklichen Ausdruck auf dem Gesicht das Büro von House, nachdem er sie mit einem „Das war’s“, von dem Gespräch entlassen hatte.
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Kapitel 58

„Chase, Foreman, Sie durchsuchen die Wohnung der Patientin, Taub, Gespräch mit dem Freund, Dreizehn und Pierce – zapfen Sie ihr nochmal etwas Blut ab und untersuchen Sie es auf… alles was Ihnen so einfällt. Los.“ Remy wusste, dass House sie absichtlich mit der hübschen, neuen Ärztin losschickte, um sie zu ärgern und Foreman so Chase über Remy ausquetschen konnte. Dennoch beschwerte sie sich nicht, warf ihrem Freund noch ein Lächeln zu und verschwand anschließend mit dem Patientenblatt in der Hand hinter Pierce aus der Tür.


„Sie sind also die Unbekannte, über die die ganze Zeit geredet wurde“, schmunzelte Pierce und sah Remy von der Seite an, während sie auf den Fahrstuhl warteten. „Man redet über mich?“, fragte Remy und tat überrascht, obwohl sie es sich schon hatte denken können. „Von Zeit zu Zeit. Alle schienen keinen Schimmer von Ihrem Verbleib zu haben… Nur House hatte da so ein verschwörerisches Grinsen auf den Lippen, das die beiden Herren andauernd zur Weißglut gebracht hat.“ Wäre sie nicht die Neue, überlegte Remy, würde sie Laura Pierce wahrscheinlich nett finden. Doch so konnte sie nicht anders, als sie misstrauisch anzusehen und abzuwarten, wie sich alles entwickelte. „Ja, House ist Meister darin, andere verrückt zu machen. Aber man kann ihn auch bändigen, indem man zurückschießt“, vertraute sie ihr so nur an. „Danke, ich werd’s mir merken!“

Die Fahrt im Fahrstuhl verlief schweigend; erst als sich die Türen wieder öffneten, fiel Remy noch eine Frage ein. „Sie sind Neurochirurgin? Wie hat es Sie in die diagnostische Abteilung verschlagen?“ Pierce zuckte leicht mit den Schultern und steuerte das Zimmer der Patientin an. „Ich wollte mal was Neues. Einen Tapetenwechsel. Jeden Tag einen offenen Schädel zu betrachten mag der perfekte Kick sein, aber irgendwann ist es nicht mehr die volle Befriedigung. House hat jemanden gesucht, er hat mich genommen.“ Es war deutlich herauszuhören, dass die Erklärung damit beendet war.


„Guten Morgen, Mrs. Jenkins. Tut mir wirklich leid, aber wir müssen Ihnen noch einmal etwas Blut abnehmen“, erklärte Pierce mit einem freundlichen Lächeln, nachdem Remy sich als die andere Ärztin vorgestellt hatte. Während die ausgebildete Chirurgin der Patientin alles darüber erklärte, was sie bisher ausgeschlossen hatten und noch einige Fragen stellte, bereitete Remy alles vor und trat schließlich mit an das Bett. „Nur ein kurzer Piecks“, meinte sie, führte die Nadel ein und hatte bald zwei Röhrchen Blut für die Untersuchung. „Das war’s schon.“


Nach einem kurzen Zwischenstopp beim Labor, wo sie die Blutproben abgaben, kehrten die beiden jungen Frauen wieder zum Besprechungsraum zurück und ließen sich auf ihre Plätze sinken. Die anderen waren bisher nicht zurückgekehrt, sodass sie sich nun mit liegengebliebener Post und von House chaotisch angelegten Akten herumschlugen. Remy fühlte sich ein wenig beobachtet, da Pierce sie scheinbar nie komplett aus den Augen ließ, selbst wenn sie gerade in einem Schriftstück las. Daher blickte sie nach einer Weile auf und sah sie an. „Sie meinten vorhin, hier wäre die Gerüchteküche wie immer am Brodeln gewesen, während ich weg war. Was genau haben Sie aufgeschnappt und geht Ihnen jetzt nicht mehr aus dem Kopf?“ Pierce grinste, was Remy noch mehr verwirrte.

„Verzeihung, aber eine Sache war, dass Sie sich schon selbst zu helfen wissen. Kann ich nur bestätigen, Ihnen würde ich nicht im Dunkeln begegnen wollen, wenn Sie sauer sind“, lachte sie und presste sich schließlich die Hand vor den Mund. Obwohl Remy nun noch genervter war, versuchte sie den finsteren Gesichtsausdruck zu verbannen und ganz entspannt dreinzublicken. „Ok, sonst noch was? Oder wächst mir grade ein riesiges Pickel auf der Nase, weil Sie so starren?“ Pierce zögerte. Sie wusste von den Kollegen, dass sie bei Remys Anwesenheit nicht davon anfangen sollte, doch da sie ihre Blicke nicht besonders unter Kontrolle hatte, musste sie Remy nun eine Antwort geben. „Stimmt es, dass Sie aufgrund Ihrer Erkrankung so lange abwesend waren?“ Natürlich war Remy schon beinahe klar gewesen, dass dies kommen würde, doch es zu hören, ließ sie auf den Tisch hinunterblicken. „Wie viel wissen Sie?“, fragte sie leise, ohne aufzusehen.

„Wir können das Ganze auch vergessen, als ob ich nie danach gefragt hätte“, bot Pierce hoffnungsvoll an. Sie wollte nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der die ganze Zeit über schwieg, da er sie nicht ausstehen konnte. „Nein, schon gut, Sie haben nunmal gefragt. Also?“ Remys stechender Blick traf Lauras braune Augen und ließ sie beinahe zusammenzucken. „Sie hatten vor vier Jahren die Diagnose Chorea Huntington, mussten eine Behandlung durch ein neues Medikament jedoch aufgrund unvorhergesehener Nebenwirkungen absetzen. Seitdem bekommen Sie die üblichen Medikamente, die jedoch kaum eine Verbesserung zeigen, sodass sie vor inzwischen fast drei Monaten in einen neuen Test eingestiegen sind.“ Remy konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen und sah von ihr ab. „Da sind Sie ja besser im Bilde, als ich selbst“, gab sie beinahe flüsternd zurück, stand auf und kochte etwas Wasser, um sich einen Tee aufzubrühen.

Während sie sich mit einer Hand auf den kleinen Küchenschrank stützte, massierte sie mit der anderen leicht ihren Nacken. „Und Sie sind natürlich rein zufällig Neurochirurgin?“, fragte sie dann plötzlich, als alles einen Zusammenhang zu ergeben schien. Sicher konnte, wenn überhaupt, nur House auf diese Idee gekommen sein. „Allerdings. Oder ist Ihnen eine Operation bekannt, mit der man Sie kurieren könnte? Dann nur raus damit.“ Auf diese Worte hin schien Remy erst einmal in die Realität zurückzufinden. Sie war so sauer gewesen, dass sie gar nicht richtig nachgedacht hatte. „Nein“, war ihre knappe Antwort, ehe sie sich mit ihrem Tee wieder an den Tisch setzte und einen Blick auf das Display ihres Handys warf, wobei sie feststellte, dass sie eine E-Mail erhalten hatte. Froh über die Ablenkung, lehnte sie sich zurück und öffnete sie.

Remy,
entschuldige, dass ich länger nicht geschrieben habe, aber im Moment geht alles drunter und drüber bei uns. Michelle hat sich das Handgelenk
gebrochen und tut nun so, als kämen wir überhaupt nicht mehr zurecht, dabei geht es mir die Tage eigentlich recht gut.
Um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich gehe auch mit gemischten Gefühlen auf die nächste Behandlung zu.
Aber hey, wir schaffen das schon!
Ich freue mich, dass du wieder arbeiten kannst, den ersten Tag wirst du schon überstehen (oder hast ihn wahrscheinlich schon fast überstanden).
Was macht die Hochzeitsplanung? Und die Wohnungssuche?
Bitte erzähl mir alles, ich brauch Urlaub von Michelles Durchdrehen!
Grüß alle, die mich kennen (oder von mir gehört haben)!
Emma.


Hin und wieder musste Remy über Emmas Formulierungen schmunzeln und legte ihr Handy schließlich wieder auf den Tisch. Beinahe hatte sie vergessen, dass sie nicht allein im Raum war; Laura sah sie wieder an, während sie das Gesicht auf die Hände gestützt hatte. „Sind Robert und Sie verheiratet?“, fragte sie, als sie wieder Remys ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. „Ah, jetzt wissen Sie über das Tiefgründige Bescheid, da können wir nun mit Smalltalk fortfahren? Eigentlich macht man das in umgekehrter Reihenfolge, wissen Sie?“ Remy atmete tief durch und schüttelte schließlich den Kopf. „Noch nicht, aber der Termin steht“, erklärte sie schließlich doch noch und trank einen Schluck aus ihrer Tasse.

„Remy, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, verstehen Sie? Wir müssen das nicht tun… Ich meine, so eine gezwungene Unterhaltung führen. Es wäre nur schön, wenn wir miteinander auskämen.“ Remy nickte schweigend und richtete ihren Blick aus dem Fenster. Sie überlegte, wie sie es formulieren sollte und drehte den Kopf wieder in Pierce‘ Richtung: „Es liegt nicht an Ihnen. Ich kann mit anderen nur schwer über mich sprechen, schon gar nicht, wenn ich denjenigen nicht kenne. Was ich will, ist wie eine Kollegin behandelt zu werden. Die mitleidigen Blicke und Fragen zu meinem Befinden kommen schon von den übrigen dreien. Ein normales Arbeitsverhältnis wäre also wirklich eine Wohltat für mich. Schaffen Sie das?“ Laura nickte und hob die Mundwinkel zu einem sanften Lächeln.
Zuletzt geändert von Remy Hadley am Mo 5. Jan 2015, 18:50, insgesamt 2-mal geändert.
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Kapitel 59

„Aufwachen.“ Nur vage trat das Wort in Remys Bewusstsein und auch Chase‘ streichelnde Finger an ihrer Wange bemerkte sie erst nach einer Weile. Als sie schließlich noch ein weniger wacher wurde und sie über den anstehenden Tag nachdachte, zog sie sich mit einem Stöhnen die Bettdecke über den Kopf. „Hey, nicht wieder einschlafen. Wir müssen aufstehen“, wiederholte Chase geduldig und küsste sie auf ihr Schulterblatt. „Nein“, gab Remy nur unter der Decke zurück und schloss erneut die Augen.

Nach einer arbeitsreichen Woche, die sie regelrecht genossen hatte, wenn es auch noch etwas anstrengend für sie gewesen war, war nun der Tag, den sie gefürchtet hatte, wie keinen anderen, herangerückt. „Remy, bitte. Wir haben doch gestern ausführlich darüber gesprochen“, meinte Chase hilflos und zog die Decke ein wenig zurück um wenigstens Remys Kopf freizulegen. „Was nichts daran ändert, dass ich nicht ins Krankenhaus will“, gab sie sofort mürrisch zurück, wobei wohl nur Chase von dem ängstlichen Ton, der in diesen Worten mitschwang, Notiz nahm.

„Du willst mich doch heiraten, oder?“, fragte er schließlich mit einem Grinsen auf den Lippen. „Was wird das jetzt? Erpressung? Wenn ich mich nicht behandeln lasse, heiratest du mich nicht?“ – „Nein. Aber wenn du es vor dir herschiebst, kann auch die Hochzeit nicht stattfinden. Übermorgen bist du wieder zu Hause, wenn nicht sogar schon morgen. Und dann hast du eine Woche Entspannung und eine Hochzeit vor dir. Klingt doch gut, oder?“ Unverständliches vor sich hinmurmelnd, Chase ging davon aus, dass sie ihn verfluchte, schwang die junge Frau ihre Beine aus dem Bett, strich sich kurz mit der Hand durchs Haar und verschwand dann ohne ein weiteres Wort im Badezimmer.


Beim Frühstück rührte Remy kaum ihr Essen an, sondern sah sich schweigend in der kleinen Küche um. „Hey, du musst dir die Wohnung nicht einprägen, du bist nur einen Tag weg“, meinte Chase und griff nach ihrer Hand, die zwischen ihnen auf dem Tisch lag. „Man kann nie wissen“, gab Remy nur trocken zurück und dachte gar nicht daran, noch einen Bissen zu essen. „Und im Krankenhaus ist das Essen auch nicht grade der Hammer, also…“, setzte er an, doch Remy unterbrach ihn mit einem strengen Blick, der nur eines bedeuten und auch nicht missdeutet werden konnte: ‚Lass mich in Ruhe, ich bin erwachsen.‘ Chase zog seine Hand zurück und ließ ihr ihren Freiraum, woraufhin sie ihn dankbar ansah.


„House weiß Bescheid, du musst also nicht nochmal davon anfangen und alle wieder von ihrer Arbeit ablenken“, erklärte Remy, als sie mit ihrem Freund an der Seite in Richtung Notaufnahme lief. „Schon klar“, gab er nur knapp zurück und nahm dann neben ihr Platz, als sie sich angemeldet hatte. „Du musst wirklich nicht hier warten, das kann dauern“, meinte Remy nach einer Weile leise und lehnte den Kopf kurz an seine Schulter. „Ist schon ok.“ Chase spürte Remys Unruhe und streichelte ihr beruhigend über den Rücken, woraufhin sie wirklich etwas entspannte, jedoch nicht damit aufhörte, einen unbestimmten Punkt in der Ferne zu fixieren. Auch wenn sie es nicht laut aussprach, so war sie doch sehr froh, dass er bei ihr war.

„Hast du mit Emma geschrieben?“, fragte er daher, um sie abzulenken. Remy nickte leicht und strich sich mit der Hand übers Gesicht. „Wie fühlt sie sich? Hat sie auch solche Bedenken?“ Ein kurzes Schulterzucken gab Chase den Eindruck, dass sie nicht darüber, oder gar nicht, sprechen wollte, doch schließlich antwortete sie doch noch. „Ein wenig, aber du kennst sie ja, sie sieht es positiv.“ Damit konnte sich der junge Arzt zunächst zufrieden geben und lehnte nickend seinen an Remys Kopf.


Die junge Ärztin hatte recht behalten: Nach fast zwei Stunden und damit kürzer als erwartet, wurde sie aufgerufen und nach einigen Untersuchungen schließlich zu ihrem Zimmer gebracht, wohin Chase sie begleitete. „Ich stelle deine Tasche unten in den Schrank, deine Waschsachen leg ich ins Bad. Ich denke ansonsten willst du nicht erst auspacken?!“, fragte er und drehte sich dabei zu seiner Freundin um, die gedankenverloren aus dem Fenster starrte. „Remy?“ Er nahm neben ihr auf der Bettkante Platz und legte ihr seine Hand auf die Schulter.

„Mach nur“, antwortete sie knapp und zog sich sowohl ihre Straßenschuhe als auch ihre Jacke aus, um sich gleich darauf hinzulegen. Chase reichte ihr die Bettdecke nach oben und streichelte ihr kurz über die Wange. „Ich hab heute Spätschicht, aber ich schau ab und zu nach dir, versprochen“, meinte er leise und sah ihr in die Augen. „Mach dir keinen Stress, ich bin ja bald wieder zu Hause.“ Ihre Worte klangen nicht überzeugt, sondern vielmehr schien sie nur die seinen zu wiederholen. Dennoch rang sie sich ein Lächeln ab, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn lange und zärtlich. „Na los, ab mit dir zu House und den anderen“, grinste sie und drückte seine Hand kurz sanft.

Als er ihr Zimmer verlassen hatte, drehte sie sich auf die Seite und blickte auf die Bäume draußen, die ihre grünen, sonnenbeschienenen Zweige im Wind räkelten.


Mit einem munteren „Hallo“, betrat Chase wenig später den Besprechungsraum und zog sich den Riemen seiner Tasche über den Kopf. Alle im Raum blickten ihn erwartungsvoll an, doch er tat so, als ob er nichts bemerken würde, wie er es Remy versprochen hatte. Gerade, als Foreman zu einer Frage ansetzen wollte, unterbrach ihn das Eintreten von House und lenkte alle Gedanken wieder auf den Patienten. House warf Chase lediglich einen abschätzenden Blick zu, bevor er noch einmal die Erkenntnisse des Vortags zusammenfasste und schließlich Foreman mit Pierce gemeinsam ins Labor schickte. „Und welche Gemeinheit haben Sie sich für mich ausgedacht?“, fragte Chase schließlich, als die beiden den Raum verlassen hatten.

„Haben Sie nicht irgendwas zu tun? Ich hab gehört, eine Hochzeit steht an, gibt’s da nichts mehr vorzubereiten?“, fragte House ironisch, ohne von seiner Kaffeetasse aufzusehen. „Sie geben mir frei, damit ich mich um meine privaten Sachen kümmern kann? Was hat man Ihnen angetan, wer bedroht Sie?“, gab Chase grinsend zurück. „Niemand, soweit ich weiß. Aber ich habe im Moment keine Verwendung für Sie, also tun Sie, was immer Sie für richtig halten.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und bog links ab. Wenn auch noch immer verwundert, nahm Chase dieses Angebot an und dankte seinem Boss im Stillen dafür, denn er stellte ihm frei, ob er den Tag mit Remy verbringen wollte, oder nicht. Da House jedoch auch damit Recht hatte, dass es noch einiges für die Hochzeit zu erledigen gab, ging er zunächst einigen Telefonaten und Besorgungen nach, bevor er sich um seine Freundin kümmern würde.


Als ob House mit dieser Entscheidung gerechnet hätte, machte er selbst sich zu Remys Zimmer auf, wo er sich gar nicht erst die Mühe machte, anzuklopfen, sondern gleich eintrat. Remy, die leicht eingedöst war, schreckte hoch und sah ihren Chef etwas verschlafen an. Als sie ihn erkannte, richtete sie sich weiter auf und grinste etwas schief. „Hallo, House. Was führt Sie hierher?“, fragte sie und fuhr sich kurz mit den Fingern durchs Haar. „Langeweile, Neugier…“, gab er knapp zurück und setzte sich auf den Stuhl an ihrem Bett. „Wie geht es Ihnen?“, erkundigte er sich schließlich nach einigen Minuten der Stille und blickte auf die Infusion, die man Remy in der Zwischenzeit gelegt hatte. Remy folgte seinem Blick auf ihren Arm und zuckte mit den Schultern. „Ich langweile mich hier zu Tode. Mit anderen Worten: Es geht mir gut. Noch zumindest.“ Sie war sich nicht sicher, ob dieser Zustand anhalten würde, doch zumindest konnte sie darauf hoffen.

„Sie haben nicht zufällig irgendeine Beschäftigung für mich?“, fragte sie beinahe flehend und richtete sich weiter auf, sodass sie ihm im Schneidersitz entgegenblickte. House überlegte nur kurz und grinste dann. „Seit Sie wieder auf Hochtouren arbeiten, bleibt meine Post liegen.“ Unschuldig blickte er sich im Raum um, ehe sein Blick wieder an Remy haften blieb, die bereits in ihre Schuhe schlüpfte und aufstand. „Sind Sie sicher, dass Sie Ihren Verlobten so kurz vor der Hochzeit verärgern wollen?“ Remy musste über ihre Entgegnung nicht lange nachdenken: „Wenn ich vor Langeweile gestorben bin, wird es keine Hochzeit geben.“
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Kapitel 60

Während Remy am Schreibtisch von House dessen Post sortierte, surfte dieser im Internet und sah nur ab und zu von seinem Bildschirm auf. Mehrfach hatte er betont, sie solle aufhören, wenn sie sich nicht wohl fühlte und ihm vor allem Bescheid sagen, doch bisher arbeitete sie wortlos und mit sichtlicher Freude. „Was wird Chase sagen, wenn er davon erfährt?“, fragte House nach einer Weile und stützte den Kopf in die Hände, während er Remys geschickten Händen dabei zusah, wie sie Couverts öffnete, Blätter entfaltete und sie sortierte. „Das muss er doch nicht, oder?“, gab Remy grinsend zurück und sah nur kurz zu ihm auf, ehe sie sich wieder konzentriert über ein Schreiben beugte.

Kaum drei Briefe weiter, löste sich Remys Plan jedoch in Luft auf und das kurze „Ups“ von House, ließ sie aufblicken. Sie konnte nicht genau sagen, ob es nur Unglaube war, der sich in Chase Augen abzeichnete, die unverwandt zwischen Remy und House hin und her wanderten. Wahrscheinlicher war zudem eine große Portion Ärger, was er mit seinen Worten bestätigte. „Ich hab ewig mit dir geredet, du hast mir versprochen, dass du dich ausruhst und nicht überanstrengst!“ – „Ich überanstrenge mich ja auch nicht, jetzt komm mal wieder runter“, konterte Remy sofort und sah ihm in die Augen. „Robert, bitte“, setzte sie leiser hinzu. Sie wollte nicht mit ihm streiten, zumal es ihr sehr gut ging. Hätte ihr kleiner Ausflug ihr sehr zugesetzt, hätte sie seine Reaktion zumindest etwas verstehen können, doch so verletzte sie sein Verhalten einfach nur.

„Diesen einen Tag im Monat wirst du doch Mal ohne Arbeit auskommen, ist das so schwer? Einmal zur Ruhe kommen?“ Remys Lippen bebten, doch sie wusste, es bestand keine Gefahr, dass sie weinen musste. Es war eher eine Mischung aus Schreck über Chase‘ Reaktion und der Wut, die nun auch in ihr hochkochte. „Mir ist nicht schlecht, schwindelig oder sonst irgendwas. Robert, ich bin vielleicht nicht ganz auf dem Posten, aber ich hab keinen Krebs, die Medikamente sind kein Gift für meinen Körper, das mir hilft oder mich umbringt!“ – „Das haben wir ja beim letzten Mal gesehen“, gab er sofort barsch zurück. Bevor sie wieder etwas erwidern konnte, sprang House ihr zur Seite.

„Hören Sie auf, sie anzuschreien, es war meine Idee, ok? Ich hab sie gefragt, ob sie Lust hat und sie hat natürlich nicht gesagt, dass sie lieber liegen bleiben will.“ Chase fuhr sich mit der Hand durch seine kurzen Haare und blickte nun auf House. „Wie konnte ich auch glauben, Sie geben mir grundlos frei“, meinte er sarkastisch und trat auf Remy zu, die House gerne ebenfalls verteidigt hätte, jedoch nicht wusste, wie sie dies anstellen sollte. Sanft legte er ihr einen Arm um die Schultern, wobei seine Hand auf ihrem nackten Oberarm zum Ruhen kam, da sie nur ein T-Shirt trug. „Du bist ganz kalt, verdammt nochmal.“

An House gewandt, fuhr er fort: „Haben Sie keinen Moment darüber nachgedacht, dass sie nicht zum Spaß im Krankenhaus liegt? Sie ist krank, House!“ Remy legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm. „Er hat mich keine Sekunde allein gelassen und andauernd gefragt, ob es mir gut geht. Wenn du auf jemanden wütend sein willst, dann auf mich, ich hab mein Versprechen gebrochen!“, versuchte sie es erneut, doch Chase schien gar nicht zuhören zu wollen. Als er zu einer weiteren Erwiderung ansetzen wollte, meldete sich jedoch sein Pager. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, wandte er sich der Tür zu. „Der Patient. Ich muss da kurz hin. Und wenn ich wieder da bin, bringe ich dich in dein Zimmer zurück. Und geh‘ nicht allein!“


House blickte Remy an, die beinahe beschämt auf den Schreibtisch vor sich starrte. Es dauerte einige Momente, bevor er sie ansprach. „Er schreit Sie an? Was war das denn eben, so hab ich den gutmütigen Golden Retriever ja noch nie kennengelernt“, meinte er nüchtern und verschränkte die Arme vor der Brust. „Tut mir leid, es war nicht Ihre Schuld“, meinte sie sofort, was House noch stutziger werden ließ. „Und jetzt entschuldigen Sie sich bei mir für sein Verhalten? Was ist los bei Ihnen?“ Remy blickte ihn seufzend an und stand auf, um sich gleich darauf auf den Fenstersims zu stützen und nach draußen zu blicken.

„Er macht sich solche Sorgen. Er hat Angst, deshalb schreit er so“, begann sie und musste feststellen, dass es ziemlich grotesk klang. „Sie haben ihn doch gehört.“ Kurz drehte sie sich wieder zu ihrem Chef um, ehe sie ihren Verlobten zitierte. „‘Sie ist krank‘ – Das ist alles, was ihm im Kopf herumgeht. Irgendwie kann ich ihn ja auch verstehen, aber… er zerbricht daran. Er will nicht, dass mir was passiert oder es mir schlechter geht. Sobald er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren, wird er laut. Es ist kein Ärger, ich kann die Angst in seiner Stimme hören.“ Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich kurz über die Augen. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr wirklich etwas kalt war, sodass sie sich mit den Händen über die Arme fuhr.

„Manchmal glaube ich, er vertraut mir nicht, wenn ich sage, dass es mir gut geht. Er musste sich schon so oft Sorgen um mich machen, ich würde es ihm ja gerne etwas erleichtern, aber ich will auch nicht in einer sterilen Box durch die Welt gehen.“ Remy wusste nicht, warum sie House das alles anvertraute, doch er war da und er war eine neutrale Person, auch wenn er oftmals ihre Worte nur ins Lächerliche zog; auf ihn war Verlass. „Haben Sie ihn nie darauf angesprochen? Sagen Sie ihm nicht, was Sie stört?“ Die junge Frau war so in Gedanken, dass sie gar nicht bemerkte, wie ernst und ohne jeglichen dummen Kommentar House mit ihr sprach. „Natürlich habe ich das, aber die Angst, dass mir etwas passieren könnte, geht nicht dadurch weg, dass ich mit ihm darüber spreche.“ Sie stöhnte kurz und schüttelte für sich erneut den Kopf, während sie die Augen kurz schloss. Diesen Moment nutzte House, um aufzustehen und ihr eine Hand auf den Rücken zu legen. „Sie sollten sich wieder setzen, Sie sind ganz blass um die Nasenspitze. Ich will doch nicht doch noch schuld sein, wenn sie beschließen sollten, die Welt ein paar Minuten auszublenden“, grinste er und Remy kam seiner Bitte sogleich nach.

Während sie nun auf Chase‘ Rückkehr wartete, starrte sie auf den Teppichboden und wünschte sich ein paar Monate in die Vergangenheit, als sie beide noch relativ sorglos hatten sein können. In das Schweigen hinein formten sich plötzlich Worte in ihrem Kopf, die sie noch dringend loswerden musste. Sie sprach nur sehr leise, als sie ihr schließlich über die Lippen kamen. „Ich wünschte, er würde verstehen, dass ich von Zeit zu Zeit einfach nur Leben will, ohne lange darüber nachzudenken, ob mein Vorhaben mit meiner Krankheit vereinbar ist, oder nicht.“
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