No way back [FF]

Moderator: Housekatze

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Remy Hadley Online
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Kapitel 37

„Geh bitte hin!“ Flehend sah Remy Chase in die Augen und hielt seine Hand fest, nachdem mehrere Versuche, sich aufzurichten, misslungen waren. „Du hast dich darauf gefreut, ich will nicht immer schuld daran sein, wenn du nicht weg kannst!“ Das Diskutieren war zu viel für ihre Stimme; erneut musste sie husten und rollte sich auf dem Sofa zusammen. Chase strich ihr sanft durchs Haar und setzte sich auf den Sofarand.

„Es ist doch nur die dumme Weihnachtsfeier, ich muss da nicht hin“, erklärte er ruhig und drückte Remys Hand leicht. „Aber… du… wolltest doch.“ Müde schloss die junge Frau ihre Augen, ihre Stimme war nur ein Flüstern. „Bitte.“ Chase seufzte leise, hob ihren Kopf etwas an und schob ein Kissen darunter. „Ich lass dich nicht hier alleine. Wir wollten zusammen gehen, das klappt jetzt sowieso nicht, da bleib ich lieber zu Hause.“ Remy zwang sich dazu, ihre Augen wieder zu öffnen und musterte ihren Freund mit fiebrigem Blick. „Ich mach immer alles kaputt“, kam es heiser von ihr, ehe sie wieder husten musste und das Gesicht schmerzerfüllt verzog.

„Nein, das tust du nicht. Tu mir einfach den Gefallen und werd schnell wieder gesund“, gab er flüsternd zurück und legte seine Finger an ihre Schläfe. „Versuch zu schlafen, vielleicht sinkt das Fieber dann“, schlug er vor, stand auf und legte eine weitere Decke über seine Freundin, die von dem Schüttelfrost am ganzen Leib zitterte. „Ich kann nicht“, gab sie sofort leise zurück und es stimmte; das Fieber und besonders die Schmerzen in der Brust ließen sie kein Auge zumachen.

„Versuch es“, wiederholte er lieb und strich ihr das Haar aus der Stirn, bevor er in die Küche ging, Wasser heiß machte und anschließend mit der gefüllten Wärmflasche zu seiner kranken Freundin zurückkam, wo er sie ihr auf die Brust legte. „Gut so?“ Remy nickte und schluckte gequält. „Danke“, flüsterte sie und streichelte Chase kurz schwach über die Hand, bevor sie zur Tür nickte.

"Du solltest gehen. Wenigstens aus dem Zimmer, du… steckst dich an“, meinte sie besorgt und zog sich schnell die Decke über den Mund, als sie erneut husten musste. „Ich steck mich nicht so leicht an, ich arbeite in einem Krankenhaus, wo mich täglich hunderte Patienten anhusten“, gab er zu bedenken und nahm neben Remy auf dem Sofa Platz. „Das tu ich auch“, flüsterte sie mit geschlossenen Augen, kuschelte sich jedoch an seinen Arm und genoss die Wärme an ihrer schmerzenden Brust.

Chase musste ihr nicht sagen, dass ihr Immunsystem durch die Grunderkrankung schwächer war als seines, das wusste sie auch so. Daher strich er ihr sanft über den Arm und beobachtete den Sekundenzeiger der Wanduhr, wie er langsam über das Ziffernblatt glitt und neben Remys pfeifender Atmung das einzige Geräusch verursachte. Hin und wieder hustete sie einige Male hart, doch er spürte, dass sie ruhiger wurde und auch froh war, dass er nicht ins Krankenhaus gefahren war, auch wenn sie es ihm gegenüber niemals zugegeben hätte. Nach einer Zeit nahm das Fieber sie so sehr ein, dass ihr Körper sie zum Einschlafen zwang.

Bevor er den Raum verließ, gab Chase seiner Freundin einen sanften Kuss auf die Stirn. War sie zunächst nur leicht erkältet gewesen, hatte sich das Ganze schon bald zu einer akuten Bronchitis ausgeweitet. Da Remy jetzt im Wohnzimmer schlief, zog Chase sich in die Küche zurück und überlegte, mit welchem Essen er ihr etwas Gutes tun könnte, wenn sie wieder wach wurde.


„Ich hol‘ mir noch einen Eierpunsch. Soll ich dir was mitbringen?“, fragte Taub seinen Kollegen, der die ganze Zeit schon zum Haupteingang hinüberstarrte. „Was? Ach so, nein danke.“ Taub folgte Foremans Blick und drehte sich dann wieder zu ihm zurück. „Ich denke nicht, dass sie noch kommen werden“, erklärte er und wartete auf eine Antwort. „Sie wollten kommen.“ – „Ja und? Sind sie aber nicht. Und ganz ehrlich: Ich denke, die beiden haben was Besseres zusammen vor, als diese langweilige Party.“ Mit diesen Worten ging er hinüber zu der kleinen eingerichteten Theke und holte sich ein neues Glas voll Eierpunsch.

Foreman hingegen war nicht so optimistisch wie er, im Gegenteil: Er machte sich Sorgen. Chase hatte ihnen berichtet, dass Remy wegen einer Erkältung nicht zur Arbeit kam, er aber auf jeden Fall bei der Weihnachtsfeier mit von der Partie sein würde. Ging es ihr so schlecht, dass er nun nicht fort konnte? Als Taub wieder zu ihm stieß, zog er sich gerade seinen Mantel über und schlüpfte in seine Handschuhe. „Wo willst du hin?“

Verständnislos blickte Taub ihn an und nippte an seinem Getränk. „Zu Chase. Sehen, ob alles in Ordnung ist.“ – „Aber… Die zwei sind erwachsene Menschen und denken sicher, du bist vollkommen durchgeknallt, wenn du da jetzt auftauchst!“, rief Taub seinem Kollegen noch nach, doch dieser war bereits in Richtung Ausgang unterwegs.


„Foreman?“ Chase war sichtlich überrascht, als er den Kopf aus der Tür steckte und seinen Kollegen vor sich stehen sah. „Hey, ihr… darf ich reinkommen?“, fragte er und versuchte einen Blick nach drinnen erhaschen zu können. „Klar, immer rein in die gute Stube. Ich bin grade in der Küche.“ Chase schob sich an ihm vorbei und zeigte ihm den Weg, um ihm dort angekommen einen Stuhl anzubieten. „Willst du vielleicht was trinken?“, fragte er dann und rührte den Eintopf, den er auf dem Herd stehen hatte, kurz um.

„Nein, danke. Ich komme von der Weihnachtsfeier. Ich hab mich gefragt, wo du bleibst. Meinung geändert und doch zu Hause geblieben?“, fragte er so nebensächlich er konnte und sah sich in der Küche um. „Ja, wir wollten uns einfach einen gemütlichen Abend machen. Weihnachtsfeiern… die kennen wir doch von den letzten Jahren und die waren ja nicht grade der Wahnsinn“, erklärte er grinsend und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

„Aber mal ganz im Ernst: Du bist doch nicht gekommen, nur weil wir nicht da sind?!“ Foreman fühlte sich ziemlich ertappt und erwiderte den Blick von Chase einige Momente, bevor er antwortete. „Ist mit Remy alles ok?“ Chase grinste. Jetzt kamen sie schon eher zu dem Punkt, den er erwartet hatte. „Sie ist erkältet.“ – „Das hast du diese Woche schonmal gesagt.“ – „Ja, und daran hat sich bis jetzt auch nichts geändert.“ Foreman sah ihn geknickt an und wollte wieder aufstehen, um nach Hause zu fahren, doch Chase unterbrach ihn in dieser Bewegung, indem er weitersprach.

„Sie schläft und ich denke nicht, dass sie Besuch will, wenn sie aufwacht. Sie hat Fieber und Schmerzen und braucht einfach ein bisschen Ruhe, das ist alles.“ Foreman nickte zögerlich und sah zu der Zwischentür, die ans Wohnzimmer angrenzte, bevor er nun doch aufstand und zu der anderen Tür ging. „Entschuldige die Störung, macht euch noch einen schönen Abend und gute Besserung!“ Chase rührte erneut in dem Topf und folgte seinem Kollegen in den Flur. „Ich werde ihr sagen, dass du hier gewesen bist“, versprach er, woraufhin Foreman sich bedankte und ging.

Auf dem Weg in die Küche zurück, hörte Chase Remy bereits von weitem husten und trat leise zu ihr ins Wohnzimmer. Als er sich zu ihr setzen wollte, warf sie den Kopf von einer Seite auf die andere und sagte heiser: „Du sollst nicht so nah an mich rankommen, bitte!“ Chase ging gar nicht darauf ein, sondern legte ihr eine Hand auf die Stirn. „Foreman war grade hier, er wollte nach dir sehen und wünscht dir gute Besserung“, erklärte er, wand den Lappen in der Schüssel, die neben dem Sofa stand, aus und kühlte das Gesicht der jungen Frau damit etwas.

Sie war überrascht und streichelte ihm zitternd über den Rücken. „Danke“, war alles was sie herausbrachte, bevor der Husten wieder stark losbrach. „Essen ist fertig. Ich hab Eintopf gemacht. Die warme Suppe wird deiner Brust guttun“, versprach er und half ihr auf, damit sie richtig auf dem Sofa sitzen konnte. „Und danach mach ich dir eine frische Wärmflasche.“ Remy konnte nichts erwidern, bevor er aus dem Zimmer war und das wollte sie auch gar nicht: Niemand hatte sich bisher so lieb und fürsorglich um sie gekümmert, wie Chase es tat.
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Kapitel 38

Dank Chase‘ liebevoller Pflege hatte Remy die Krankheit bald überstanden und die beiden gingen wieder gemeinsam zur Arbeit. Dennoch wurde die Stimmung der jungen Frau von Tag zu Tag schlechter, was nicht nur Chase, sondern auch den anderen Kollegen auffiel.
„Alles in Ordnung?“, war etwas, was sie täglich mehrfach zu hören bekam, wodurch ihre Laune noch tiefer sank und Chase schließlich zu Hause den ganzen Frust abbekam.

„Ich hab schon wieder vergessen, Gewürzgurken zu kaufen! Kannst du mich da nicht mal dran erinnern, wenn wir heimfahren?“ Als hätte sie es eilig, lief sie durch die Wohnung, warf verschiedene Sachen in ihre Handtasche und zog sich im Flur schließlich Stiefel, Mantel und Schal an. Chase lehnte ruhig in der Durchgangstür und sah ihr dabei zu. „Wo willst du denn jetzt hin?“ Ohne inne zu halten, gab sie schroff „Wohin wohl? Einkaufen natürlich“, zurück. Noch bevor ihr Freund ihr sagen konnte, dass sie vorsichtig sein sollte, war die Tür ins Schloss gefallen.

Die kühle Luft draußen sorgte dafür, dass das Chaos in Remys Kopf für eine Weile betäubt war und sie, während sie auf dem Gehweg entlang lief, die viel zu schnell aufsteigenden weißen Wölkchen ihres Atems beobachtete. Sie hatte Chase schon wieder angefaucht, obwohl er kaum mit ihr gesprochen hatte, nur weil sie auf sich selbst wütend war. So war ihr nichts Besseres eingefallen, als erst einmal aus der Wohnung zu flüchten. Als sie im Supermarkt ankam, griff sie nach den Gewürzgurken, einer Packung Lebkuchen und einer Backmischung für Plätzchen. Sie wollte ihn wenigstens mit den Leckereien ein wenig entschädigen, wenn es auch nicht viel war, was sie tun konnte.

Als sie bezahlt hatte und mit den drei Sachen im Arm den Laden verließ, wartete Chase vor der Tür im Auto auf sie. Sie wollte sich nicht gleich wieder beschweren, so stieg sie ein, schnallte sich an und sah ihm in die Augen. „Wieso bist du hier? Ich hätte auch laufen können“, erklärte sie so im ruhigen Tonfall. „Ich wollte nur sicher gehen, dass du in deinem Ärger nicht unvorsichtig wirst.“

Er fuhr los in Richtung seiner Wohnung, die wirklich nur ein paar hundert Meter entfernt war. Mit seinen Worten machte er Remy jedoch schon wieder wütend. „Ich bin kein kleines Kind, also behandel mich nicht immer so! Ich will einmal das Haus verlassen können, ohne dass du mir folgst wie ein Stalker!“ – „Jetzt mach dich doch mal locker, Remy! Das ist doch nicht auszuhalten!“ Sobald sie angekommen waren, stieg sie aus und rannte gleich die Treppen hoch, anstatt den Aufzug zu nehmen.

Als Chase einige Minuten später die Wohnungstür aufschloss, saß Remy im Flur auf der Kommode und starrte vor sich hin. Langsam trat er vor sie, legte ihr erst die Hände auf die Schultern, dann zog er sie an sich. „Was ist denn los? Du weißt doch, dass du über alles mit mir reden kannst.“ Sie rührte sich nicht, abgesehen von ihren zitternden Fingern in ihrem Schoß. „Ich hab es nicht so gemeint, ehrlich. Ich will dir nur so gerne helfen, aber ich weiß nicht, was nicht stimmt.“ Remy stand auf und drehte sich erst an der Tür wieder um. „Bei mir stimmt gar nichts“, meinte sie monoton und ging in ihr Zimmer.

Chase traute sich erst eine halbe Stunde später zu ihr, er wollte nicht zu aufdringlich sein. „Ich finde, wir sollten uns nach einer anderen Wohnung umsehen. Es ist verständlich, dass du hier in dem kleinen Gästezimmer immer unzufriedener wirst, du hast hier nur ein paar von deinen Sachen, ich wäre wohl schon längst verrückt geworden.“ Remy, die verkehrt herum auf einem Stuhl am Fenster saß, drehte sich zu Chase um, der auf ihrem Bett Platz genommen hatte. „Das ist es nicht“, meinte sie ohne eine weitere Erklärung und sah ihm entschuldigend in die Augen, ehe sie den Blick wieder senkte.

„Was dann?“ Der junge Arzt war langsam wirklich mit seiner Weisheit am Ende. Da Remy ihm nicht von der Studie erzählen konnte, wählte sie den weniger wichtigen Grund aus. „Es ist bald Weihnachten. Ich hasse Weihnachten“, meinte sie leise und wandte ihren Blick wieder nach draußen, wo gerade vereinzelt ein paar Schneeflocken vom Himmel kamen. „Und das ist alles? Aber warum? Jeder liebt Weihnachten, es ist gemütlich drinnen, alle sind glücklich, tun Dinge gemeinsam, die das ganze Jahr über zu kurz kommen…“ – „Ich bin Weihnachten immer allein“, unterbrach sie ihn und schluckte ihre Tränen hinunter.

„Weihnachten ist eine Erinnerung daran, dass man niemanden hat.“ Chase erhob sich, trat hinter sie und schlang die Arme um sie. „Dieses Jahr bist du nicht allein“, gab er leise zurück und kuschelte sich mit seiner an ihre Wange. Nach einigen Momenten lehnte sie sich zurück und gegen Chase, wo sie sich regelrecht an ihn klammerte.

„Ich hab Plätzchenteig gekauft. Ich wollte dir Plätzchen backen“, meinte sie plötzlich und sah ihn an. „Mh, lecker. Ich mag Plätzchen“, meinte er lächelnd und gab ihr einen Kuss. „Und das mach ich jetzt auch“, fuhr sie fort, als hätte er gar nichts gesagt. Sie stand auf und ging mit ihrem Kollegen an der Hand bis vor die Küchentür. „Schau einen Film oder irgendwas, ich will keine Hilfe.“ Bittend sah sie ihm in die Augen und er verstand, dass sie allein sein wollte. Daher widersprach er auch kein bisschen und ging brav ins Wohnzimmer, wo er jedoch in einer Fachzeitschrift zu lesen begann und nicht fernsah.

Remy begann damit, den Teig einzurühren, war jedoch mit den Gedanken an einem ganz anderen Ort und in einer anderen Zeit. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich mit drei Jahren, auf einer Fußbank stehend, um über den Tisch schauen zu können, wie sie mit ihrer Mutter Plätzchen ausstach. Obwohl die junge Frau lächelte und ihre vergnügte Tochter lobte, sah man ihr deutlich an, dass sie nicht gesund war. Früher hätte es Remy nicht gemerkt, aber jetzt kannte sie das blasse Gesicht und die dünnen Handgelenke nur zu gut. Wie bei ihrer Mutter war dies auch bei ihr die erste Stelle, an der man deutlich sehen konnte, wenn sie abgenommen hatte. Zurück in der Gegenwart, wirkte die Küche kalt und verlassen. Da war kein Kind, Remy backte allein und so würde es bleiben. Sie hatte versagt, sie hatte ihr Kind verloren und jetzt war es zu spät, erneut schwanger zu werden.

Als das zweite Blech im Ofen war und sie aus dem übrigen Teig erneut Formen ausstach, begannen ihre Hände wieder stärker zu zittern, doch sie versuchte es zu ignorieren. Im Stillen dachte sie jedoch an den vergangenen Tag: Auf Arbeit hatte sie keine Pause gehabt; während ihrer regulären Pause gab es einen Notfall beim Patienten. Nach dem Heim kommen war sie erneut losgegangen, um einzukaufen und anschließend hatte sie beinahe sofort mit dem Backen angefangen. Ihr Körper brauchte Ruhe, die sie ihm nicht geben wollte, nicht zugestehen wollte. „Früher ging es auch“, murmelte sie für sich und biss die Zähne aufeinander. Sie wusste nicht wirklich, was sie sich damit beweisen wollte. Sie stach nur Plätzchen aus, niemanden würde es interessieren, wenn sie nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein würde. Nur sie.

Nach einer Zeit stützte sie die Unterarme auf die Arbeitsplatte und bewegte nur noch ihre Hände, als Chase hereinkam. „Die ganze Wohnung duftet schon“, meinte er lächelnd und küsste sie von hinten auf die Wange. Als er bemerkte, wie verbissen sie war, legte er seine Hände auf ihre Schultern und massierte sie leicht. „Mach doch eine Pause, die im Ofen sind sowieso noch nicht fertig“, schlug er vor, bekam jedoch keine Antwort. So zog er einfach einen Stuhl vom Esstisch heran und stellte ihn hinter Remy, die nur noch kurz weiter ihre Plätzchen ausstach, ehe sie sich setzte. Sie wollte nicht noch vor Chase zusammenbrechen. Als er um den Stuhl herumtrat, schloss sie die Augen. Chase musste nicht sehen, dass sie voller Tränen waren.
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Kapitel 39

„Du hast dich selbst übertroffen“, befand Chase, als er am Abend auf dem Sofa saß und jede ausgestochene Figur probierte, obwohl Remy darauf beharrte, dass sie doch sowieso alle gleich schmecken würden. „Danke“, meinte sie leise und brachte sogar ein kleines Lächeln zu standen. Sie war froh, dass sie Chase eine Freude bereiten konnte und suchte so auch noch immer den richtigen Zeitpunkt, ihm von der Studie berichten zu können, denn ihre Ärztin brauchte eine Entscheidung und zwar möglichst schnell.

„Willst du gar nichts essen? Ich muss auf meine schlanke Linie achten, da kann ich doch nicht den Keks-Berg alleine auffuttern“, grinste er und hielt Remy ein Gebäck vors Gesicht. Erst zog sie den Kopf zurück, dann nahm sie es ihm jedoch ab und knabberte etwas lustlos daran herum. Sanft streichelte Chase ihr über die Wange und musterte ihre traurigen Züge. „Das müssen wir bis Heilig Abend aber noch hinbekommen“, befand er, zog sie in seine Arme und kuschelte sich fest an sie.
Remy genoss seine Nähe, doch sie wusste, dass sie es nicht hinbekommen würden, denn der Grund für ihre Stimmung konnte nicht einfach mit einem Kuss aus der Welt geschafft werden. Ihre Hand steigerte das Zittern, bis Remy ihren Arm mit der anderen Hand umfasste und festhielt. „Ich denke, ich geh ins Bett“, erklärte sie, als sie den besorgten Blick von Chase bemerkte und stand beinahe hastig auf. Er sagte nichts dazu, sondern blickte ihr nur nach, bis sie aus der Tür und im Bad verschwunden war.


Seufzend lehnte Remy sich im Bad an die Wand und schloss für einen Moment die Augen, doch obwohl sie nur nach einer Fluchtmöglichkeit gesucht hatte, spürte sie nun, wie müde sie tatsächlich war, machte sich somit fürs Bett zurecht und verschwand gleich in ihrem Zimmer, nachdem sie Chase eine gute Nacht gewünscht hatte. Wie sie dort lag, starrte sie gedankenverloren an die dunkle Zimmerdecke, auf der nur die Lichtkegel der vorbeihuschenden Autos zu sehen waren.

Sie redete sich ein, dass sie Chase noch nicht lang genug kannte, um mit ihm über private Dinge wie Therapiepläne zu sprechen und sie somit nichts Falsches tat, wenn sie ihm mit dem Besuch bei ihrem Vater einen Bären aufband. Doch ihr Gewissen wusste, dass das nicht stimmte und er sehr wohl dazu bereit war, den Kampf gegen die Krankheit mit ihr durchzustehen.

Das alles ging Remy durch den Kopf, als sich nach einem leisen Klopfen die Tür einen Spalt breit öffnete und das Licht aus dem Flur in einem schmalen Streifen auf den Boden fiel. Sofort wurde es ausgeschaltet und Chase trat leise in das kleine Zimmer. Remy beschloss, sich schlafend zu stellen; mit ihm zu reden, war sie jetzt nicht bereit und was er sonst wollte, wusste sie nicht, so beschloss sie, einfach ruhig atmend und mit geschlossenen Augen abzuwarten.

„Remy, schläfst du?“, kam ein kaum hörbares Flüstern über die Lippen des jungen Mannes, der sich vorsichtig über seine Freundin beugte. Da Remy wohl gut schauspielerte, ging er nach einer Weile um das Bett herum und legte sich neben sie. Anstatt mit unter die Decke zu kriechen, schlang er sie vorsichtig noch etwas um Remy und legte dann seinen Arm um sie. Die kranke Ärztin musste sich Mühe geben, nicht dankbar zu seufzen und sich an ihn zu schmiegen, so froh war sie, ihn bei sich zu haben.

Bevor sie dergleichen aber auch nur ansatzweise tun konnte, begann Chase in die Stille hinein zu flüstern. „Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann.“ Remy öffnete die Augen, was nicht weiter schlimm war, da sie von ihm abgewandt lag. Sie überlegte, ob sie antworten sollte, doch an seinen nächsten Worten erkannte sie, dass er nicht wusste, dass sie ihn hören konnte. „Du siehst immer so friedlich aus, wenn du schläfst. Ich wünschte, das wäre auch tagsüber so.“ Seine Worte waren von einem sanften Streicheln über Remys Rücken begleitet, das sie noch mehr beruhigte, als es schon seine Anwesenheit vermochte.

„Du denkst ich weiß nicht, dass du mir was vorspielst, schon klar… Und ich weiß, dass das nicht an mir liegt, du vertraust niemandem, außer dir selbst, aber… Ich wünschte, du würdest es mir erzählen. Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine Lösung finden könnten.“ Nach einem Kuss auf ihr Haar zog Chase Remy weiter zu sich und wärmte sie mit seinem Körper. Remy wusste nach einer Weile, dass er eingeschlafen war und legte ihre Hand über seine, die über ihre Taille hing. „Danke“, flüsterte sie zurück, schloss die Augen und war ebenfalls bald eingeschlafen.


Remys Wecker riss Chase am nächsten Morgen sehr früh aus dem Schlaf, sodass sie ihn schnell abschaltete und sich zu Chase umdrehte, ohne dieses nervtötende Piepen dabei hören zu müssen. Sie selbst hatte schon davor wach gelegen. Der junge Arzt öffnete zunächst verschlafen die Augen, riss sie jedoch schließlich auf, als ihm klar wurde, wo er sich befand.

Sofort richtete er sich auf, doch Remy zog ihn wieder ins Bett zurück und kuschelte sich an ihn. „Ich wollte nicht hier schlafen, ich bin wohl eingenickt, tut mir leid“, begann er gleich, doch Remy verschloss seine Lippen mit einem Kuss und streichelte ihm durchs Haar. „Ich freu mich, dass du hier bei mir geschlafen hast“, gab sie zu, während sie ihm in die Augen sah; anschließend vergrub sie ihr Gesicht wieder an seiner Brust. Chase lächelte auf diese Aussage vor sich hin und streichelte seine Freundin zärtlich mit beiden Händen über den Rücken.

„Wieso der Wecker? Du hast doch frei?“, fragte er nach einer Zeit verwirrt und hielt mit dem Streicheln inne. Remy blickte vor sich hin und zögerte mit der Antwort kurz, doch sie war sich sicher, dass er von ihren Schlafstörungen wusste. „Wenn der Wecker klingelt, weiß ich, dass es spät genug ist, um aufstehen zu können“, erklärte sie. Da sie eine Standpauke von Chase erwartete, war sie über seine Reaktion gleichermaßen überrascht und glücklich. „Aber du willst doch jetzt nicht gehen, oder? Wo ich einmal wach bin und Spätschicht habe?!“ Um seine Worte zu unterstreichen, zog er sie weiter zu sich und küsste sie lange und intensiv. „Nein, ich denke, ich kann heute mal eine Ausnahme machen“, befand Remy und drehte sich schmunzelnd zu ihm um.

„In drei Tagen ist Weihnachten. Irgendwelche Wünsche?“, fragte der junge Mann nach einer Zeit einfach aus dem Blauen heraus. Remy schüttelte ohne darüber nachzudenken den Kopf. „Was ich mir wünsche, kann man nicht einpacken“, fügte sie dann jedoch noch flüsternd hinzu. Er musste auf diese Antwort spekuliert haben, denn die Reaktion darauf kam prompt. „Aber wenn man es könnte… Was wäre das? Ein Wunsch ist mir klar, den hab ich auch… Aber ist das wirklich alles?“ Remy sah ihm schweigend in die Augen.

Sie wussten beide, dass dieser eine Wunsch war, dass Remy gesund wurde, keiner von ihnen musste dies aussprechen. „Ich will…“, setzte sie an und schüttelte schmunzelnd den Kopf, als ihre Hand in der von Chase zuckte. „Ich will eine Familie haben, einen Mann und Kinder. Kinder, die gesund sind. Und ich will dabei zusehen, wie sie aufwachsen, wie sie zur Schule kommen, ihren Abschluss machen, studieren und ihre eigenen Kinder aufziehen. Kannst du mir das verpacken?“ Sie sah ihn durchdringend an und Chase kam sich vor, als würde er in ihren Augen ertrinken. „Wenn nicht, dann will ich kein Geschenk“, schloss sie ihre Antwort ab, schwang die Beine aus dem Bett, zog sich ihren Bademantel über und ging ins Badezimmer.

Seit Jahren schenkte sie sich zu Weihnachten selbst etwas, meist etwas, was sie brauchte: Ein Radio, wenn das Alte den Geist aufgegeben hatte, einen neuen Fußabstreicher für die Wohnungstür, wenn der Alte zu abgenutzt war. Und nun kam Chase mit so einer Frage! Als würde er die Antwort darauf nicht ohnehin kennen. Manchmal wusste sie wirklich nicht, was er mit solchen Fragen bezweckte; sie kam sich dann bloßgestellt vor und das konnte kaum sein Ansinnen sein.

Wahrscheinlich tat sie ihm Unrecht, wahrscheinlich reagierte sie einfach über, zum Teil wegen ihrer allgemeinen Angespanntheit, zum anderen Teil, da ihre Wahrnehmung durch ihre Krankheit ohnehin anders geworden war. Sicher wusste sie jedoch, dass sie Chase nie richtig einschätzen konnte.
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Kapitel 40

„Ich glaub das ist mein erstes freies Weihnachten seit… Ich arbeitstüchtig bin?!“ Remy grinste Chase über den Tisch hinweg an, der gerade seinen Gänsebraten auf dem Teller schnitt. Remy sah ihm bei den ersten Bissen nur zu, ohne selbst zu beginnen, da sie es gern sah, wenn er sich an ihrem Essen erfreute. Schließlich hatte sie auch den ganzen Nachmittag in der Küche gestanden, um ein gutes Festmahl auf den Tisch zu zaubern. Sie kam sich selbst etwas kindisch dabei vor, doch sie wollte diesen Tag einfach zu etwas Besonderem machen, weil er anders war, als alle Weihnachtsfeste vorher; sie war bei einem Menschen, den sie liebte und der diesen Tag mit ihr teilen wollte.

„Meins nicht. Aber es ist auf jeden Fall das schönste Weihnachtsfest“, gab der junge Mann zurück und riss Remy damit aus ihren Gedanken. „Willst du gar nicht essen? Hast du es extra für mich vergiftet?“, neckte er sie und grinste. Remy schüttelte schmunzelnd den Kopf und begann nun ebenfalls zu essen. „Ich musste erstmal den Moment auf mich wirken lassen. Ich meine, wer weiß, ob mir das hier nochmal vergönnt ist.“ Chase sah auf und blickte Remy in die Augen. „Sag sowas nicht. Und wenn es dich beruhigt: Ich werd dich nicht verlassen, falls das deine Angst ist.“ Kopfschüttelnd lächelte Remy und setzte dann ihre Mahlzeit fort, die weitestgehend schweigend verlief, bis beide ihre Teller geleert hatten.

„Aufwaschen können wir morgen“, befand Chase, als Remy schon dabei war, alles in die Spüle zu stellen und griff nach ihrer Hand, um sie mit sich ins Wohnzimmer zu ziehen. „Das will ich sehen, wie du morgen früh aufstehst und aufwäscht, um dann pünktlich bei der Spätschicht zu sein“, grinste sie, ging jedoch mit ihm und ließ sich neben ihn auf das Sofa fallen. „Na dann wirst du staunen“, bekam sie nur zur Antwort, ehe ihr Freund sie zärtlich küsste und ihr damit eine Gänsehaut über den Rücken jagte, so sehr genoss sie diesen Moment. Sie wollte nicht, dass der Kuss je endete und lehnte sich so weiter zu Chase, um sein Gesicht zwischen ihre Hände zu nehmen. „Ich liebe dich“, flüsterte sie in voller Überzeugung.

Sie war sich nicht ganz sicher, doch sie glaubte zu wissen, dass es das erste Mal war, dass sie ihn diese Worte so sicher und ohne sich beweisen zu wollen, hören ließ. „Ich liebe dich auch“, meinte Chase glücklich und sah ihr tief in die meergrünen Augen, bevor er einen Briefumschlag aus der Schublade des Beistelltisches nahm, um den er eine Schleife gebunden hatte. „Der perfekte Moment, für mein Geschenk“, befand er und legte ihn Remy auf den Schoß. Diese strich kurz zitternd darüber und starrte eine Weile nachdenklich darauf. „Wir wollten uns doch nichts schenken“, gab sie dann leise zurück.

„Ich hab nichts dafür bezahlt. Nur den Umschlag.“ Er grinste und nun blickte auch Remy lächelnd auf. „Umso besser, ich hab nämlich auch was für dich… Und es hat nichts gekostet!“ Mit diesen Worten stand sie auf, ging schnellen Schrittes in das Gästezimmer, welches schon seit längerer Zeit ihres war, um ein kleines, mit buntem Papier eingepacktes Päckchen zu holen, welches sie nach ihrer Rückkehr Chase überreichte. „Keine Geschenke, ah ja“, grinste er, gab ihr jedoch einen Kuss auf die Wange. „Kein ausgegebenes Geld“, verteidigte sich Remy und nahm den Umschlag wieder in die Hand. „Zusammen?“ Er nickte und zog an dem Geschenkband, auch Remy öffnete vorsichtig die Lasche.

Chase hielt bald einen schlichten Bilderrahmen in der Hand, in den ein sepiafarbenes Bild von Remy eingespannt war. Wie es aussah, hatte sie das Bild extra für ihn aufgenommen, denn sie trug das Oberteil, das er am liebsten an ihr mochte und hatte die Haare offen.

Vor sich hin lächelnd strich er mit den Daumen über das Foto und traf, als er wieder aufsah, auf Remys Blick, die mit dem Öffnen des Umschlags innegehalten hatte, um seine Reaktion mitzubekommen. „Ich weiß, es ist nichts Besonderes, aber ich dachte, wenn ich dir fehle, dann kannst du es immer anschauen“, versuchte sie sich zu erklären, doch das war gar nicht nötig, denn Chase gab ihr schon einen liebevollen Kuss, der sie ihre Lippen verschließen ließ. „Danke, es ist wunderschön“, flüsterte er und drückte den Rahmen an sich. „Na los, weitermachen“, grinste er dann und nickte zu dem Umschlag in Remys Händen.

Sofort öffnete sie ihn und zog den Zeitungsausschnitt, der sich darin befand, heraus. Es war ein zerknittertes Stück von der Tageszeitung, abgegriffen und mit Filzstift beschrieben. Um genau zu sein, hatte Chase einen Artikel eingekreist, den Remy nun nur kurz überflog, bevor sie ihren Kollegen leicht ungläubig ansah. „Ich… Du… Ich hoffe, ich deute das richtig und du willst mir damit sagen, dass du mit mir zusammen ziehen willst? Ich meine… so richtig?!“, fragte sie unsicher, als sie die Wohnungsannonce in die Höhe hielt. „Ja, das deutest du richtig. Wir können natürlich gemeinsam suchen, das hier ist nur ein Vorschlag und symbolisch“, beeilte er sich zu erklären und wartete kurz ab. Remy schien kurz mit sich zu ringen, doch dann lächelte sie ihn an. „Ich hab dann mehr als eine Abstellkammer, oder?“, fragte sie schmunzelnd, was Chase als ein Ja deutete und sie fest in den Arm nahm.

Anschließend geschah etwas, womit Remy nicht gerechnet hatte: Sie spürte, dass Chase an ihrer Seite etwas unruhig wurde; so sah sie ihn an und fragte ihn schmunzelnd: „Was ist los? Kriegst du jetzt Panik?“ Er schüttelte den Kopf, lehnte sich von ihr weg und strich sich kurz die Hosen glatt. „Du hast gesagt, du willst zu Weihnachten nichts, was man einpacken kann“, erklärte er und sah ihr in die Augen. „Ich hab hin und her überlegt, wie ich dir trotzdem eine Freude machen kann.“ – „Das hast du damit wirklich getan“, erklärte sie, doch das war nicht alles, Chase fuhr unbeirrt fort. „Ich kann dir deinen größten Wunsch nicht erfüllen, ich kann dich nicht heilen… niemand kann das“, meinte er traurig. „Kinder… Naja, wir wollen es nicht gleich übertreiben“, grinste er dann jedoch gleich wieder. „Und einen Mann… mit dem kann ich schon eher dienen.“

Remy schloss die Augen und schüttelte den Kopf, nervös, was jetzt kommen würde. „Remy, willst du meine Frau werden?“ Sie hatte die Augen noch immer geschlossen, lächelte jetzt jedoch und öffnete sie langsam. Chase sah sie noch immer an, hielt ihr jetzt jedoch einen schlichten, aber dennoch wunderschönen, silbernen Ring entgegen. Ihr Mund schien wie zugeklebt, ihre Kehle wie ausgedörrt, sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. „Ich…“, war alles, was sie zunächst herausbrachte. „Ist dir klar, dass ich nicht mehr lange so bin, wie jetzt?“, fragte sie schließlich leise und sah von ihm ab.

„Bitte, sag jetzt nicht Nein, hast du eine Ahnung, wie lange ich das geübt habe?“, fragte Chase im Scherz und nahm ihre zitternden Hände in seine. „Es ist mir klar. Und ich weiß, dass du nicht mehr so viel Zeit hast. Aber ich möchte, dass diese wenige Zeit so schön für dich wird, wie es nur geht und ich weiß, dass ich sie mit dir verbringen möchte… Wenn du natürlich jemand anderen bevorzugst, dann musst du mir das sagen. Ich will nur, dass es dir gut geht und du glücklich sein kannst.“ Remy sah ihn lange an, ihr Gesicht ließ es nicht zu, irgendeine Gefühlsregung von ihr erkennen zu lassen.

Die Minuten verstrichen und selbst Chase, der sonst immer so ausgeglichen war, wurde langsam nervös und begann unruhig mit den Füßen über den Teppich zu streichen. „Jemand anders? Ist das dein Ernst?“, löste Remy schließlich die Spannung und lächelte, als sie sich an ihn kuschelte und die Arme um seinen Oberkörper schlang. „Ich will“, flüsterte sie ihm ins Ohr, schloss die Augen und seufzte. Nicht mehr allein. Immer bei ihm. Nicht mehr allein. Etwas anderes konnte sie in diesem Moment nicht denken, als Chase ihr den Ring ansteckte, der perfekt passte und ihren schlanken Fingern schmeichelte. „Ich will“, wiederholte sie leise und wischte sich einen Moment später die Freudentränen aus den Augenwinkeln.
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Kapitel 41

Die darauffolgenden Tage sahen die beiden sich nur sehr wenig, da sie die nächsten neun Tage arbeiten mussten, jedoch nur dreimal gemeinsam Schicht hatten und zudem nicht viel Zeit für private Gespräche blieb. Während Chase sich von seiner Nachschicht ausschlief, stand Remy früh auf, machte sich leise für die Arbeit zurecht und fuhr dann ins Krankenhaus, wo alle anderen, abgesehen von House, bereits eingetroffen waren.

„Morgen, Remy“, begrüßte Foreman sie und sie erwiderte den Gruß mit einem Lächeln. Auch wenn ihre gemeinsame Zeit mit Chase so knapp bemessen war, fühlte sie sich seit der Verlobung viel besser und war auch wieder selbstbewusster geworden. „Wie geht es dem Patienten?“, fragte sie schließlich und schlug die Akte auf, die sie nur kurz überflog, ehe sie den Blick wieder zu ihren Kollegen hob. „Besser. Noch einige Tests, morgen die Nachuntersuchung, dann kann er heim.“ Die junge Frau nickte still vor sich hin. „Gut, das ist gut… Braucht ihr mich hier? Ansonsten hätte ich kurz was zu erledigen“, erklärte sie. „Geh nur, wenn was ist, benutzen wir einfach den Pager“, zwinkerte Taub ihr zu, sodass sie aufstand und hinausging.


„Sie haben sich entschieden?“ Remy war nur froh, wenn sie dieses Gespräch endlich hinter sich gebracht hätte, zumal sie sich sehr zusammenreißen musste, um ernst zu bleiben und nicht die Nerven zu verlieren. „Ja, ich… habe mich für die Studie entschieden“, erklärte sie ihrer Neurologin, die daraufhin den Kopf schief legte und sie musterte. „Sie wirken bedrückt. Sie sollten das nicht tun, wenn Sie sich nicht absolut sicher sind“, erinnerte sie sie erneut, doch Remy schüttelte schnell den Kopf.

„Ich bin mir sicher. Es ist nur… Naja, zwei Monate sind eine lange Zeit, ich kann nicht gut mit Veränderungen umgehen.“ Dr. Stroud nickte und schob Remy ein Formular über den Tisch hinweg zu. „Lesen Sie sich alles in Ruhe durch und füllen Sie es aus. Sie müssen das nicht hier machen, Sie können es mir jederzeit einfach vorbeibringen oder draußen an der Rezeption abgeben“, erklärte sie. Remy nickte und wollte schon aufstehen, als ihre Ärztin sie noch einmal unterbrach.

„Haben Sie eine Begleitung gefunden? Ich habe gehört, Sie haben sich verlobt. Meinen Glückwunsch.“ – „Danke“, flüsterte Remy und sah zu Boden. „Er wird nachkommen, er hat noch zu tun“, erklärte sie leise und ging zur Tür. „Bis bald“, verabschiedete sie sich, ohne noch einmal aufzublicken.

Sie hatte Chase nichts gesagt und sie hatte nicht vor, etwas daran zu ändern. Die Verlobung hatte sie sicherer gemacht, aber sie hatte auch starke Schuldgefühle in ihr ausgelöst, die sich nicht so einfach abstellen ließen. Denn je stärker sie sich an ihn band, desto schlimmer würde er ihren langsamen Verfall hautnah miterleben. Und diese Studie war nur der erste Schritt in diese Richtung.

Vermutlich half sie ihr, reduzierte die Symptome, doch bis dahin war es ein langer Weg und nicht jedes Medikament wirkte sich positiv auf den Organismus aus. Das hatte sie schon einmal am eigenen Leib erfahren müssen, noch einmal wollte sie dieses Pech nicht haben. Damals war Foreman bei ihr gewesen, doch diese Beziehung hatte nicht gehalten. Dennoch hatte sie gespürt, wie fertig er selbst gewesen war, als sie um ihr Augenlicht gebangt hatten.


Als sie in den Besprechungsraum zurückkam, war keiner der anderen anwesend, sodass Remy die Dokumente vor sich auf dem Tisch ausbreitete und darin zu lesen begann. Etwas nervös trug sie die ersten Daten ein, Name, Anschrift, das Übliche eben, wozu sie keine Versicherungsnummern nachschlagen musste. Die Studie begann Ende dieses Monats, dem 27. Januar und endete genau 60 Tage später. Remy schloss die Mappe und mit ihr die Augen: Sie wollte nicht so lange allein sein, besonders nicht jetzt, wo Chase ihr vollkommen vertraute und erwartete, dass sie ihn nicht anlog.

„Träumen Sie oder arbeiten Sie?“, fragte House, der eben den Raum betreten und sich gesetzt hatte, womit er Remy erschreckte. „Keine Ahnung, suchen Sie sich was aus“, schlug sie daher vor und zuckte mit den Schultern. Doch sie wusste auch, dass sie mit House reden musste und welcher Moment bot sich besser an, als dieser, wo sich niemand anders mit im Raum oder auch nur Nachbarzimmer aufhielt.

„House, ich möchte Sie bitten, mich eine Zeit lang zu beurlauben, Sie bekommen den Antrag auch noch schriftlich.“ Die beiden sahen sich eine Zeit lang schweigend an und Remy wurde es bereits unangenehm, als House endlich etwas sagte. „Und aus welchem Grund soll das Ihrer Meinung nach geschehen?“, fragte er nur knapp. Eigentlich eine leichte Frage, doch Remy wusste nicht, ob die Vater-Besuch-Geschichte bei House funktionieren würde, so entschied sie sich schließlich dazu, bei der Wahrheit zu bleiben. „In Ohio beginnt diesen Monat eine klinische Studie, an der ich teilnehmen möchte. Sie dauert allerdings zwei Monate.“

Da war er wieder, dieser unergründliche Blick, mit dem House sie musterte, oder eher mit dem er sie zu röntgen schien. „Sie brauchen noch Studien? Ich dachte die letzte Erfahrung damit hätten Ihren Drang dazu eliminiert.“ Remy schüttelte verzweifelt ihren Kopf; ihr war klar gewesen, dass House sie nicht verstand, doch sie hatte wenigstens gehofft, dass er nicht weiter Fragen stellte. „Also gestatten Sie es nicht?“ – „Doch, der ganze Schriftkram der anfällt, wenn ich jemand Neues einstellen muss, ist noch sehr viel größer.“ Sie nickte und lehnte sich zurück, während sie gedankenverloren aus dem Fenster blickte.

„Kann ich Sie um etwas bitten?“ – „Nochwas?“ House grinste, wurde dann jedoch gleich wieder ernst und wartete darauf, dass sie weitersprach. „Sagen Sie Chase nichts. Bitte.“ House war für einen Moment sehr verwirrt, was er sich jedoch nur gestattete, da Remy ihn nicht ansah, sondern weiter mit ihrem Blick ein Loch in die Fensterscheibe brannte. „Sie haben es ihm nicht gesagt? Frisch verlobt und dann sowas?“ Er machte ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und grinste sie an.

„Ich hab das schon länger entschieden, schon bevor er mich gefragt hat, ob…“ – „Ob Sie mit einem Fliegengitter vor dem Gesicht Ihre Liebe vor Gott bekunden.“ Remy verdrehte die Augen. „Wir heiraten standesamtlich.“ – „Natürlich.“ – „Ja.“ Wieder schwiegen die beiden sich an. „Ich habe also Ihr Wort?“ House nickte; genau in diesem Moment meldete sich Remys Pager zu Wort. Sie blickte wieder von dem Gerät auf und sah House‘ erwartungsvollen Blick. „Der Patient hat Multiorganversagen und ist ins Koma gefallen“, erklärte sie und rannte aus dem Zimmer.

House nutzte diese Gelegenheit, um die Mappe durchzusehen, die die junge Frau durch den Notruf einfach auf ihrem Platz hatte liegen lassen. Ihre Ärztin hatte ihr neben den Papieren auch einige Prospekte dazugelegt, die die Verfahren erklärten oder die Klinik vorstellten. House las sich einige Details durch und zog die Brauen zusammen. Seine Angestellte musste wirklich sehr verzweifelt sein, wenn sie sich darauf einließ, gerade weil sie schon so schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

Die Therapie war aggressiv und der Erfolg minimal, zudem war die Behandlung so gut wie zwecklos, wenn sie nach den zwei Monaten nicht regelmäßig fortgeführt wurde. Bei Gelegenheit würde er sie noch einmal darauf ansprechen, doch sie schien nicht so, als wollte sie ihren Entschluss noch einmal überdenken. Dennoch machte er sich Sorgen: Zumindest Chase sollte davon erfahren, was seine zukünftige Frau plante und sie auch möglichst dorthin begleiten.


Chase schlief zu dieser Zeit noch tief und fest in seinem Bett; in der Nachtschicht war viel los gewesen und er war kaum dazu gekommen, einen Müsliriegel zu verspeisen. Ruhig atmend lag er da, das Foto von Remy auf dem Nachttisch und hatte dabei keine Ahnung, dass sie ihm dieses Bild genau deshalb geschenkt hatte: Weil sie nicht wusste, was sie bei der Studie erwartete und ob sie überhaupt wieder richtig auf die Beine kommen würde, oder der Wirkstoff sie noch schneller umbringen würde, als es ihre Krankheit ohnehin schon tat.
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Kapitel 42

Remy schaffte es erst am späten Nachmittag, das Krankenhaus zu verlassen, da es noch viel zu tun gab. Doch als sie in der Straßenbahn saß und auf die untergehende Sonne blickte, verspürte sie den Drang, noch einmal ihrem alten Ich nachzugeben, bevor sie sich auf die Behandlung ihrer Krankheit und geordnete Verhältnisse mit Chase an ihrer Seite einließ. Zudem brauchte sie einfach einige Momente für sich, um über alles in Ruhe nachdenken zu können, was sich derzeit in ihrem Leben alles veränderte.

Anstatt in der Querstraße von Chase‘ Wohnung auszusteigen, fuhr sie daher einige Haltestellen weiter und stieg an einer der ihr sehr vertrauten Bars aus. Der Barkeeper erkannte sie sogar wieder, als sie eintrat und einen Scotch bestellte. Doch anders als sonst galten ihre Gedanken nicht den übrigen Anwesenden, unter denen sie sonst immer sehr leicht junge Frauen herausgepickt hatte, die sich gern auf ein Abenteuer einließen. Sie konzentrierte sich einzig auf das Glas in ihrer Hand, die sie locker auf dem Tresen abgelegt hatte und starrte in die schillernde, alkoholische Flüssigkeit.

„Lange nicht hier gewesen“, stellte der bärtige Mann fest, als er ihr einen Teller mit Snacks hinstellte. Remy ging gar nicht auf ihn ein: Sie wusste, dass er alles und jeden so lange bearbeitete, bis er die gesamte Biografie kannte, ohne dass der Betroffene etwas davon mitbekam. Und sie hatte wahrlich keine Lust auf ein solch ewig andauerndes Gespräch.

Wäre sie noch schwanger, wäre sie nun nicht in dieser Bar. Und wäre sie noch schwanger, würde sie auch nicht in wenigen Tagen ein hoch dosiertes Medikament in ihren Körper spritzen lassen. Doch alles hatte seinen Preis und alles hatte einen Grund; manche mochten es Schicksal oder Karma nennen, für Remy war es einfach eine Tatsache, dass manchmal etwas geschah, was unerklärlich war. Genauso überraschend wie sie damals schwanger geworden war, kam auch der Heiratsantrag von ihrem Kollegen, wobei sie jedoch einfach zugeben musste, dass es ihr tief im Herzen wahrhaft gut tat, zu wissen, dass sie so geliebt wurde.

Als ihr Handy klingelte und Chase in der Leitung war, nahm Remy gleich ab. Und es war wieder einer dieser Momente: Gerade dachte sie an den jungen Mann, schon sprach sie mit ihm. „Wo bist du, Remy? Immer noch in der Arbeit?“ Er klang noch ziemlich verschlafen, was die junge Frau leicht schmunzeln ließ. „Ich bin in meiner Lieblingsbar, entschuldige, ich hätte dir Bescheid geben sollen“, erklärte sie ehrlich. „Ich brauchte ein paar Minuten für mich, sei mir nicht böse.“ Remy war erleichtert, dass die nächsten Worte so ehrlich gemeint klangen. „Ich bin dir doch nicht böse. Ich hab mir nur Sorgen gemacht, aber dann ist ja alles ok. Soll ich dich später abholen?“ Remy sah an die Uhr und musste feststellen, dass es bereits ziemlich spät war. „Wenn du das machen würdest… Fahr los, sobald du kannst, aber stress dich nicht, ja?“ – „Ich bin in ein paar Minuten da.“ Remy konnte in seiner Stimme hören, dass er grinste, sodass auch sie grinsend und kopfschüttelnd das Gespräch wegdrückte.

Als sie ausgetrunken und gezahlt hatte, stand Remy auf und ging nach draußen. Zwar konnte Chase noch nicht hier sein, doch sie konnte ebenso gut draußen auf ihn warten, wo sie wenigstens noch ein paar Augenblicke frische Luft abbekam. Als die Tür hinter ihr wieder ins Schloss gefallen war und sie auf den verschneiten Bürgersteig hinaustrat, fiel ihr zum ersten Mal auf, wie ruhig es in diesem Teil der Stadt war. Die Bar war gut besucht, jedoch einige Straßen von der Hauptstraße entfernt gelegen und wer nicht von der Gaststube wusste, würde wohl nie dorthin finden.

Während sie beobachtete, wie ihr Atem in kleinen Wölkchen vor ihr aufstieg, hörte sie, wie sich hinter ihr die Tür öffnete. Sie schenkte diesem Geräusch nicht weiter Beachtung, da sie nichts weiter damit verband, als einen Gast, der, wie sie vor ein paar Minuten, das Gebäude verließ, doch dass er sie ansprach, erschreckte sie ein wenig. „Na Süße, war’s dir drinnen zu warm?“ An der schweren Zunge und dem Gestank, der ihr entgegenschlug, konnte Remy eindeutig sagen, dass er einiges mehr getrunken hatte als sie selbst.

Sie wandte sich leicht ab, doch er schien nicht gehen zu wollen. „Hey, jetzt sei doch nicht zickig. Hör mal, ich wohn hier ganz in der Nähe, hättest du nicht Lust auf einen kleinen Abstecher?“ Als er sie am Arm berührte, schreckte Remy sofort zurück und machte hastig einen Schritt nach vorn. „Fass mich nicht an“, zischte sie. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, wieder in die Bar zu gehen, doch der Typ stand direkt zwischen ihr und der Tür und er hatte, wie sie bemerkt hatte, einen ziemlich festen Griff. So entfernte sie sich ganz dezent ein paar Schritte, rannte jedoch nicht, um ihm nicht noch einen Grund zu geben, ihr erst recht nachzustellen. „Jetzt warte doch mal!“, rief er ihr nach und hatte sie plötzlich wieder am Arm gepackt, dieses Mal rannte Remy jedoch los so schnell sie konnte.

Sie war überrascht, wie schnell der Trunkenbold war, die Schritte hinter ihr entfernten sich nicht und für einen Moment bekam sie Panik, dass er sie einholen könnte. Als sie sich nur kurz nach ihrem Verfolger umsah, rutschte sie aus und stürzte; ehe sie sich wieder aufrappeln konnte, war der stämmige Kerl bei ihr und drückte sie auf den Boden, während er ihr die Arme auf den Rücken verdrehte. Remy schrie vor Schmerz und konnte nichts dagegen tun, doch je lauter sie schrie, desto fester zog er ihr die Arme nach hinten. Insgeheim hoffte sie, jemand würde sie hören, doch die Musik in der Bar war so laut, dass sie bis auf die Straße zu hören war und Wohnhäuser waren zu weit entfernt, hier gab es nur leerstehende Fabrikhallen.

„Ich weiß ja nicht, wieso du es so eilig hattest, aber ich kann dir nur sagen, du hättest was verpasst“, lachte der Betrunkene und Remy trat ihm mit aller Kraft, die sie noch hatte, zwischen die Beine. Er stöhnte sofort auf und ließ von ihr ab, Remy nutzte diese Gelegenheit, ein Stück über den Boden von ihm wegzurutschen. „Du Miststück, du! So bedankst du dich? Das kannst du auch von mir haben.“ Noch ehe sie sich drehen konnte, bekam sie einen Schlag ins Gesicht, der ihr beinahe die Besinnung raubte, doch als die explodierenden Sterne vor ihren Augen wieder verschwunden waren, sah sie den hünenhaft wirkenden Kerl die Gasse hochlaufen und hinter der nächsten Biegung verschwinden.


Sie konnte nicht einschätzen, wieviel Zeit vergangen war. Es konnten Minuten gewesen sein, oder auch Stunden, bis der warme Lichtschein von Autoscheinwerfern in ihr Bewusstsein trat und ihre geschlossenen Augenlider streifte. Ein abgeschalteter Motor. Das Klatschen einer Autotür. Hastige Schritte im knirschenden Schnee. Sie konnte nicht anders, als zu einem Schrei ansetzen, als sie angefasst wurde. „Bitte nicht“, brachte sie nur erstickt hervor, als sie die Hände an ihren Armen spürte. „Remy!“, schrie Chase sie an und strich ihr durchs Haar.

Langsam öffnete sie die Augen und hielt sich an seiner Jacke fest. Als er ihr aufhelfen und sie in seine Arme ziehen wollte, stöhnte sie vor Schmerz auf. „Was ist passiert?“, flüsterte er und sah sich nach allen Seiten um. „Da war so ein Typ…“, begann Remy leise. „Hat er dir was angetan?“, fragte Chase sofort laut und ließ sie gar nicht zu Ende sprechen. „Nein, er… Ich bin weggerannt“, versuchte sie zu erklären und hielt sich ihren schmerzenden Arm. Chase stand noch immer halb unter Schock und sah sie an, doch abgesehen von der leicht geschwollenen Wange konnte er wirklich keine Verletzungen erkennen.

„Ich… Ich muss dich erstmal hier wegbringen, aus der Kälte“, meinte er ganz durcheinander. „Kannst du aufstehen?“ Remy nickte, doch ganz sicher war sie sich da nicht. Sie hatte das Gefühl, als ob jemand ihren linken Arm mit einer Schraubzwinge auf ihrem Rücken befestigt hätte. Als Chase ihr hoch half, rutschte sie sofort in seinen Armen wieder zusammen. „Mein Knöchel“, stöhnte sie auf. „War er das?“ Chase biss die Zähne zusammen. Wenn ihm dieser Mensch über den Weg laufen würde, könnte er für nichts garantieren. „Nein, das war ich selbst. Ich bin… ausgerutscht und umgeknickt, als ich weggerannt bin, es war nicht seine Schuld“, erklärte sie leise. „Du nimmst ihn in Schutz?!“ Chase‘ Stimme überschlug sich beinahe, doch er konnte sich schon vorstellen, dass sie vollkommen unter Schock stand und nicht wusste, was sie da redete. „Sieht so aus“, gab sie leise und verwirrt zurück und schloss die Augen.
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Kapitel 43

Chase versuchte nicht weiter, die junge Frau auf die Beine zu bekommen, sondern trug sie die wenigen Schritte bis zum Auto auf seinen Armen, wo er sie schließlich vorsichtig auf den Beifahrersitz gleiten ließ. Bevor er losfuhr, blickte er kurz zu ihr hinüber, doch sie hatte bereits die Augen geschlossen und biss die Zähne aufeinander. Die Haltung, in der sie ihren Arm hatte, gefiel ihm jedoch ganz und gar nicht; er wollte sie so schnell wie möglich heimbringen.

„Du musst zur Polizei gehen“, befand er nach einer Weile. „Weißt du, wie er ausgesehen hat?“ Remy schüttelte nur leicht den Kopf, was Chase aus den Augenwinkeln registrierte und ein Seufzen bei ihm auslöste. „Lieblingsbar“, wiederholte er abfällig Remys Wort am Telefon. „Das ist mir noch nie passiert“, gab sie leise zurück und öffnete die Augen einen Spalt breit. So wütend hatte sie Chase schon lange nicht mehr gesehen, oder wenn sie es sich eingestand, wohl überhaupt noch nie. „Dann hattest du bis jetzt eben Glück!“, gab er barsch zurück und entgegnete für den Rest der Fahrt nichts mehr.


Als sie am Haus angekommen waren, half Chase seiner Verlobten aus dem Wagen und stützte sie, sodass sie, leicht hinkend, hineinlaufen konnte, wo er sie anschließend gleich zu ihrem Bett brachte. Nachdem er sich selbst rasch seiner Jacke entledigt hatte, zog er ihr vorsichtig die Schuhe aus und tastete den verstauchten Fuß ab. „Es ist nicht schlimm, ehrlich“, beharrte sie, ließ sich jedoch ohne ein Widerwort den Stützverband von Chase um das Gelenk wickeln.

„Was ist mit deinem Arm?“, fragte er, als er damit fertig war und sie musterte. Remy schüttelte den Kopf. „Sicher nicht schlimm, er hat mir die Arme auf den Rücken gedreht, ist bestimmt nur überdehnt“, beruhigte sie ihn, konnte einen Schmerzenslaut jedoch nicht zurückhalten, als er versuchte, ihr die Jacke auszuziehen. Mit der anderen Hand drückte sie weiter ihren Arm gegen den Körper und wandte sich leicht von ihm ab.

Ohne weiter auf sie einzureden, setzte Chase sich neben seine zukünftige Frau und strich ihr leicht über den Rücken. „Ich bin nicht böse auf dich“, meinte er ganz ruhig und streichelte ihr über die geschwollene Wange. „Ich bin nur auf den Kerl so wütend, ich hör auf hier rumzuschreien, versprochen… Aber du musst mich trotzdem den Arm ansehen lassen.“ Als Remy endlich aufblickte, gab er ihr einen kurzen, aber zärtlichen Kuss und streckte auffordernd seine Hände wieder nach Remys Jacke aus.

Zögerlich nickte die junge Frau. „Komm her, erst den anderen Ärmel, dann zieh ich sie einfach von hinten runter“, meinte er lieb und tat dann genau das. Doch obwohl er nur ganz langsam und Millimeter für Millimeter zog, um den Arm ruhig zu halten, stöhnte Remy des Öfteren und starrte einfach auf einen Punkt irgendwo auf dem Boden. „Siehst du, schon geschafft. Wo genau tut’s weh?“ – „Die Schulter“, flüsterte Remy und schloss die Augen. Sie wollte nicht schon wieder eine Schulterprellung haben, die letzte hatte für ihren Geschmack schon lang genug gedauert und selbst zum Schluss hatte sie bei einigen ungünstigen Bewegungen noch immer Schmerzen gehabt.

Schon bevor Chase ihr die Sweatjacke von den Schultern gestreift hatte, hatte er eine leise Vorahnung gehabt, was er gleich sehen würde, doch nun ließ der Anblick erneut Wut in ihm hochkochen. „Der Scheißkerl hat dir den Arm ausgekugelt!“ Remy blickte kurz an sich nach unten, ehe sie den jungen Arzt mit ihrer anderen Hand am Arm festhielt und dazu zwang, sich zu setzen. „Du kriegst sie doch wieder rein?!“ Bittend sah sie ihn an; er war ein guter Arzt und sie vertraute ihm, nur wollte sie in erster Linie nicht ins Krankenhaus.

Chase sah sie verwundert an, doch dieser Ausdruck verwandelte sich schnell in Unglauben. „Remy, ich bin kein Orthopäde. Ich würde vielleicht mehr kaputt machen, als zu helfen, zumal ich auch keinen Röntgenblick habe“, gab er zu bedenken und wollte sie mit seinen Worten umstimmen, doch die junge Ärztin lehnte sich daraufhin einfach in ihrem Bett zurück und schloss die Augen. „Kein Krankenhaus“, meinte sie leise, ohne ihn noch einmal anzusehen. „Bitte, Remy. Möglicherweise wird der Arm nicht richtig durchblutet, wir können nicht bis morgen warten, das muss behandelt werden.“ Er konnte nicht fassen, dass sie sich gerade ernsthaft hingelegt hatte, um einfach zu schlafen, doch er schob es noch immer darauf, dass sie einfach viel zu geschockt war, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Andererseits wusste er, wie sehr sie Krankenhäuser hasste, wenn es um ihre eigene Gesundheit ging und ebenso gut wusste er, dass sie, einmal ausgesprochen, auf ihrer Meinung beharrte.

„Wenn ich den Arm wieder einrenke, versprichst du mir dann, dass du dich morgen früh röntgen lässt oder wir gleich ins Krankenhaus fahren, wenn die Schmerzen schlimmer werden?“ Langsam öffnete sie die Augen und sah ihn an. Chase. Er war hier. Niemand würde ihr mehr etwas antun, das ließ er nicht zu. So nickte sie langsam und richtete sich wieder auf.


Während die beiden auf das Einsetzen der Wirkung der Schmerztabletten, die Chase aus dem Badezimmer geholt hatte, warteten, hielt der junge Mann Remy sanft im Arm und streichelte ihr durch das Haar. „Ich fass es nicht, dass ich mich darauf eingelassen habe“, murmelte er und schüttelte über seine eigene Dummheit den Kopf. „Ich vertraue dir… Außerdem… Du hast das schon zig Mal gemacht und oft hab ich sogar dabei zugesehen, also sag nicht wieder, dass du es nicht kannst.“ Obwohl sie nichts davon sagte oder auch nur durch ihre Körpersprache preisgab, genoss sie es sehr, so fest von Chase gehalten zu werden. Sie wusste nicht wieso, doch es war ihr lieber, wenn er nichts davon bemerkte, was sie gleich kategorisch ausschloss, da sie viel zu abgelenkt von den Schmerzen war.

„Ich denke, wir haben genug gewartet“, meinte sie nach einer Zeit leise, als ihre Schulter langsam zur Ruhe kam. Sanft half Chase ihr auf und ließ sie auf einem Stuhl Platz nehmen, wo er seine Hände an den verletzten Arm legte und sie ansah. „Bist du dir sicher?“ Ohne zu zögern oder auch nur kurz den Augenkontakt zu unterbrechen, nickte sie.

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde: Das feste Zupacken, eine kurze Drehung, ein heftiger Ruck, Remys Schmerzensschrei. Kaum war die Schulter wieder da, wo sie hingehörte, kniete der junge Arzt schon vor seiner Verlobten und hielt sie beruhigend im Arm, während er ihr die Tränen aus dem Gesicht wischte. „Es ist vorbei, schsch, ist ja gut“, flüsterte er leise, bandagierte ihr den Arm und legte sie wieder in ihr Bett, wo er die Decke sanft über sie zog und sich dann neben sie legte.

„Danke“, gab sie leise zurück; sie war wieder ruhiger geworden und auch wenn das Gelenk nun vom Einrenken pochte, war es ein anderer, ein, wenn man es so nennen konnte, angenehmerer Schmerz, als zuvor. „Dafür nicht, ich hab dir wehgetan.“ Remy brachte auf diese Worte hin sogar ein Schmunzeln zu Stande, auch wenn es nur ein ganz kleines war. „Ich liebe dich“, gab sie ehrlich zu und legte ihren Kopf an seine Brust. „Ich liebe dich auch.“ Seine Hand lag zärtlich an ihrer Wange, die schon gar nicht mehr ganz so unnatürlich gerötet war und fuhr darüber. „Versuch zu schlafen, ich bin hier“, bat er sie nach einer Weile und schaltete die Nachttischlampe aus.

Das musste man Remy nicht zweimal sagen. Die Augen hatte sie ohnehin bereits geschlossen und nun gab sie sich auch keine Mühe mehr, noch wach zu bleiben. Zwar hielt der traktierte Arm sie noch eine Weile wach, länger als es gebraucht hätte, dass sie ganz normal eingeschlafen wäre, doch auch so brauchte sie kaum eine halbe Stunde, bis sie Chase‘ Hände nicht mehr spürte und in die Dunkelheit um sich herum hinabglitt.
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Kapitel 44

Als Chase aufwachte, war der Platz neben ihm leer. Verschlafen richtete er sich auf und sah sich in dem kleinen Zimmerchen um, wo er Remy schließlich am Fenster stehen sah, den Blick nach draußen gewendet. „Guten Morgen“, meinte er leise, um sie nicht zu erschrecken, doch sie reagierte nicht, sondern starrte einfach nur auf die Stadt hinaus. Der junge Mann stand auf und legte ihr locker seine Arme von hinten um die Taille. „Mein Schatz, was ist denn?“

Sie schwieg noch einen Moment, ehe sie kurz den Kopf zu ihm drehte und in seine Augen sah. „Ich bin einfach… Ich wäre gestern fast vergewaltigt worden und meine Schulter ist im Eimer, also… sag du es mir!“, schlug sie vor. „Wir gehen jetzt erstmal in die Küche, essen was, dann schau ich mir im Krankenhaus den Arm an und dann sehen wir weiter, in Ordnung?“ Remy hob nur gleichgültig die gesunde Schulter und ging in Richtung Tür davon.

Erst als Chase ihr leichtes Humpeln sah, fiel ihm ein, dass sie sich auch den Knöchel verstaucht hatte und kam neben sie, um sie leicht zu stützen. „Ich komm schon zurecht“, meinte sie daraufhin sofort barscher, als es beabsichtigt war und schob seine helfende Hand weg, als sie mit einem entschuldigenden Blick im Bad verschwand.

Chase wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, sich allein umzuziehen, doch er fragte auch nicht nach, sondern ging rasch ins Bad, als sie sich wortlos an den Küchentisch setzte, damit sie anschließend gleich essen konnten. „Rührei mit Schinken… Hast du Appetit?“, bot er ihr an, als er sich noch im Gehen das Oberteil über den Kopf zog und an den Herd trat. „Nein danke, ich bin nicht hungrig.“ – „Tja, dann muss ich das wohl oder übel alles allein essen“, befand er und schüttete sich den Berg auf den Teller.

„Eine Kleinigkeit musst du aber schon essen“, doch als Antwort erhielt er nur ein Kopfschütteln. Remy zog es vor, ihm nicht zu sagen, dass es sich bei jedem Schlucken anfühlte, als würde sie an ihrem eigenen Speichel ersticken; zu essen, war gerade undenkbar. Während Chase aß und Remy winzige Schlucke von ihrem Tee nahm, hielt er ihr nach einer Weile eine Gabel voll Ei hin, doch sie zog den Kopf zurück. „Und ich bin auch kein Baby, das man füttern muss.“ Verärgert stand sie auf und ging langsam in ihr Zimmer. „Remy!“, rief Chase ihr nach und seufzte. Oftmals wusste er nicht, weshalb sie schlecht gelaunt war, doch dieses Mal brauchte er gar nicht darüber nachzudenken. Die Aussicht, dass sie irgendwann in der gleichen Situation sein würden, nur dass sie dann wirklich nicht selbstständig essen konnte, machte ihr sicher zu schaffen.


Entgegen seinen Erwartungen, musste Chase Remy nicht regelrecht dazu zwingen, ihn ins Krankenhaus zu begleiten. Bereitwillig stand sie vom Bett auf, als er die Tür öffnete und zog sich mit den Worten „Können wir los?“, im Flur die Schuhe an. Für die wenigen Schritte zum Auto legte er ihr den Anorak nur um die Schultern und hackte sich bei ihr unter, falls der Boden rutschig wäre.

„Kannst du bitte dafür sorgen, dass uns niemand sieht?“, fragte sie nach einer Weile Schweigen, wandte den Blick jedoch nicht dem Fahrer zu. Dieser musste leicht schmunzeln. „Niemand? Das dürfte in einem Krankenhaus nur schwer durchführbar sein“, gab er zu bedenken. „Niemand, den wir kennen“, verbesserte sie somit ruhig und lehnte den Kopf wieder an. „Ich geb mir Mühe“, versprach Chase und sah sie kurz an, bevor er wieder weiter die Straße beobachtete.

Am Krankenhaus angekommen, gingen die beiden in die Ambulanz und suchten sich dort ein leeres Behandlungszimmer, wo Chase seiner Verlobten aus dem Oberteil half und den Arm anschließend röntgte. „Sieht alles gut aus“, erklärte er. „Der Knochen ist nicht beschädigt und sitzt wieder da, wo er sein soll. Ein paar Tage Schonung und alles ist wieder wie neu.“ Lächelnd gab er ihr einen Kuss auf die Wange, doch Remy brachte nicht einmal ein Grinsen zu Stande. „Wie neu“, wiederholte sie leise, rutschte von der Liege und zog sich wieder an, doch sie hatte noch Schmerzen, sodass Chase ihr helfen musste, was ihr gar nicht gefiel und was sie ihn auch deutlich spüren ließ.

„Ich denke, du solltest nicht schon nächste Woche zu deinem Dad fliegen. Den Flug kann man doch verschieben und auf eine Woche früher oder später kommt es doch auch nicht an.“ Remy sah ihn entgeistert an; das erste Mal an diesem Tag, so kam es ihm zumindest vor, dass sie ihn überhaupt richtig wahrnahm. „Auf keinen Fall! Ich fliege planmäßig und komme planmäßig zurück! Mein Arm tut ein bisschen weh, na und? In einer Woche ist es schon viel besser.“ Ihre impulsive Reaktion ließ Chase einen Moment die Augenbrauen heben, doch er verkniff sich jeglichen Kommentar dazu. Stattdessen sagte er nur knapp: „Naja, wir werden sehen, wie es wird.“


Wieder zurück zu Hause ging Remy ohne weiteres Wort auf direktem Wege in ihr Zimmer und legte sich hin. Je näher der Beginn der Studie rückte, desto nervöser und unausstehlicher wurde sie, was sie auch selbst bemerkte, doch sie konnte nichts dagegen tun. Das einzige, was dagegen geholfen hätte, wäre eine Beichte gegenüber ihrem Verlobten gewesen, doch dazu konnte und wollte sie sich nicht hinreißen lassen; so lange hatte sie sich nun schon in Schweigen geübt, den ganzen Druck allein ausgehalten und war Fragen umgangen oder hatte sie mitunter auch mit kleinen Notlügen beantwortet. Diese letzten paar Tage würde sie also auch noch durchstehen, ohne sich zu verplappern oder es plötzlich mit der Angst zu bekommen.

Diese ganzen Überlegungen änderten jedoch nichts daran, wie es in ihrem Innern aussah, nämlich finster und trostlos und vor allem hoffnungslos, wenn sie an die Zeit ohne Chase dachte. Andererseits sagte sie sich: Sie würde sich einleben, sie war dort nicht der einzige Mensch und wenn sie wiederkam, ging es ihr besser und sie konnte Chase endlich die Seite von ihr geben, die er mehr als verdiente.

Das leise Klopfen an ihrer Tür riss Remy aus ihren Gedanken und um ihm ein wenig entgegen zu kommen, sagte sie leise: „Komm rein.“ Chase trat daraufhin mit einer Schüssel Kartoffelsuppe mit Wienerwürstchen in der Hand ein und schloss die Tür hinter sich wieder. „Du hast heute noch nichts gegessen“, meinte er zur Erklärung und stellte ihr die Suppe auf den niedrigen Couchtisch, der ihr als einzige Ablage im Zimmer diente.

Sie nickte nur kurz und setzte sich im Bett auf; sie kam sich albern vor, zu liegen, wenn jemand mit ihr sprach. „Bleib ruhig liegen, es stört mich nicht“, erklärte Chase daraufhin gleich, als hätte er ihre Bedenken in ihrem Gesicht abgelesen. „Aber mich“, war die Antwort ehe sie etwas zittrig nach der Schüssel griff, sie auf ihren Beinen abstellte und anfing, in kleinen Bissen zu essen.

Unschlüssig, was er tun sollte, stand Chase neben ihr und bemühte sich, sie nicht beim Essen anzustarren. „Danke für die Suppe“, sagte Remy so nach einer Weile und als Chase zu einem ‚Kein Problem, du musst dich nicht bedanken‘, ansetzen wollte, schnitt sie ihm das Wort ab und strich neben sich über die freie Bettfläche. „Setzt du dich bitte ein bisschen zu mir?“, bat sie ihn und sah ihm in die Augen, doch das musste sie ihm ohnehin nicht zweimal sagen, schon lag sein Arm um ihre Taille. Remy schloss für einen Moment die Augen und lehnte den Kopf an seine Schulter.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie. „Ich liebe dich und es tut mir leid, wie ich mich benehme, ich hasse mich dafür, wie undankbar ich dir gegenüber bin und kalt und dir das Gefühl gebe, als wärst du ein Trottel.“ Sie musste diese Worte loswerden, sie wollte nicht einfach gehen und ihn in dieser eisigen Stimmung zurücklassen. Sie erwartete, dass er es abstreiten würde, wie er es immer tat; dass er sagen würde, dass ihre Krankheit Schuld war und nicht sie und dass es ihn nicht störte, doch er sagte nur: „Ich weiß“, und streichelte ihr sanft durch die Haare. Und es tat gut. Nicht nur die Liebkosungen, sondern diese beiden kleinen Worte. Ich weiß. Es war so befreiend, dass er einmal aussprach, was er dachte und ihr nicht die verschönerte Version auftischte. Er war nicht sauer auf sie, oder wegen ihr genervt, aber er gab zu, dass sie sich abwehrend verhielt und er wusste, dass sie sich genauso dafür hasste, wie er sie wahrscheinlich im Geheimen dafür hasste.
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Kapitel 45

Erst im Taxi auf dem Weg zum Flughafen gestattete sich Remy einige Tränen, die sie dann jedoch flüchtig in ihren Ärmel wischte und aus dem Fenster starrte. Sie hatte auf einen Abschied zu Hause bestanden; zum einen, da Chase nicht sehen durfte, wohin ihr Flug sie tatsächlich führte, denn es war definitiv nicht New York. Zum anderen hätte sie es nicht ausgehalten, seinen Blick zu sehen, während sie im Begriff war, das Flugzeug zu besteigen. Wie ein kleines Kind hätte sie sich ihm hemmungslos heulend an den Hals geworfen und ihm gebeichtet. Um dies zu wissen, kannte sie sich gut genug.

Doch für eine Umkehr war es nun zu spät. Das wusste sie mindestens dann, als sie ihren Sitz eingenommen hatte und die Plätze um sie herum sich langsam aber sicher immer mehr auffüllten. Sie war insgeheim froh, dass der Flug nur eineinhalb Stunden dauern würde, doch die Gewissheit, dennoch so weit von den Menschen entfernt zu sein, die sie liebte, war kaum erträglich.

Beim wohl sechsten Handyklingeln, das House auf dem Weg zum Flughafen verursachte hatte, hatte sie kurzerhand das Telefon ausgeschaltet, das wäre spätestens im Flugzeug sowieso nötig geworden. Sie wusste nicht, was es so dringend geben konnte; dass er ihr das Vorhaben ausreden wollte, hatte er ihr mehr als einmal deutlich gemacht und es jetzt noch zu versuchen, wäre selbst für House übertrieben.


Dieser tat jedoch genau das: Als sich nun von vorn herein Remys Mailbox meldete, drückte er fluchend auf den roten Hörer, schwang die Beine von seinem Sessel und humpelte zur Neurologie-Station. „Dr. Stroud, macht es Ihnen eigentlich Spaß, Angestellten von mir tödliche Medikationen zu verschreiben?“ Eine Begrüßung gab es nicht, es war schon viel, dass House überhaupt ihren Namen kannte, als er sie so auf dem Gang mit einer Akte in der Hand stehen sah.

„Ich habe keine Ahnung, wie Sie darauf kommen, dass die Medikamente tödlich sind, aber haben Sie schonmal daran gedacht, dass sie… Nun ja, wie soll ich sagen… ihre einzige Chance sind?“ House verdrehte genervt die Augen; keiner der beiden musste erwähnen, um welche Patientin es sich handelte. House war berühmt wie ein bunter Hund und Dr. Stroud war nun einmal Remys Ärztin, sodass House alles über sie nachgeforscht hatte.

„Es ist nicht ihre einzige Chance, sie hat ein Leben, wer weiß, was das Zeug mit ihr anstellt.“ Die Neurologin schwieg einen Moment und sah House nur prüfend an. „Sagen Sie, sind Sie ihr Vater? Es ist schön, und im Übrigen ungewohnt, dass Sie sich um ihre Mitarbeiter sorgen. Aber sie hat diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen, sondern lange darüber nachgedacht. Vielleicht hilft es ihr, vielleicht nicht. Auf alle Fälle bekommt sie jede Unterstützung, die sie nur haben kann und darüber bin ich sehr froh. Nicht jeder Partner kommt damit zurecht, sie kann sich glücklich schätzen.“

House schmunzelte in sich hinein. Er hielt jeden für einen Idioten, doch er hatte Dr. Stroud nicht zu den Menschen gezählt, die sich nicht um ihre Patienten sorgten und sich auch um deren privates Glück kümmerten. „Ihr Partner kommt also damit zurecht?“, fragte er verschwörerisch und lehnte sich zu ihr, als ob er sie auf ein geheimes Date einladen wollte, von dem niemand etwas erfahren sollte.
„Er regelt alles in der Arbeit und kommt dann nach. Was könnte man sich noch wünschen?“ House zog die Brauen hoch. Sie gehörte also doch zu der idiotischen Sorte Mensch und das nicht nur, weil sie alles ausplauderte, wobei sie sich andererseits wahrscheinlich denken konnte, dass er bestens informiert war und so gar nicht erst damit anfing, verschlüsselte Botschaften durch die Blume von sich zu geben.

„Ihr Partner, wie Sie so schön sagen, arbeitet ebenfalls für mich, sollten Sie das vergessen haben. Und ich kann Ihnen versichern, dass er nichts auf Arbeit zu regeln hat und weiterhin kann ich Ihnen versichern, dass der kleine Gigolo keine Ahnung davon hat, was seine Angetraute treibt. Er geht nämlich seit etwa einem Monat davon aus, dass seine Schnecke ihren Daddy besuchen möchte und konnte sie noch nicht einmal davon abhalten, sofort zu fliegen, als sie sich ihre Schulter demoliert hat, bei einem Sturz, der mysteriöser nicht sein könnte und bei dem beide schweigend auf ihre Zehen starren, wenn das Gespräch darauf fällt. Und jetzt sagen Sie mir noch, Sie kümmern sich um Ihre Patienten und wissen um deren psychischen Zustand, bevor Sie sie für die Studie vorschlagen. Schönen Tag noch.“

Sie öffnete den Mund, zweimal, dreimal, doch sie wusste nichts zu erwidern. House gab ihr sogar einige Sekunden, in denen er sie ansah, doch nachdem diese abgelaufen waren, machte er kehrt und lief in sein Büro zurück.


Chase starrte derweil ungeduldig und nervös auf sein Handy. Remy hatte ihm versprochen, dass sie anrufen würde, wenn sie gelandet war. Zwar wusste er nicht genau, wann ihr Flug gegangen war, doch sie war nun schon zwei Stunden weg und die Strecke dauerte kaum eine halbe Stunde. Selbst wenn sie also eine ganze Stunde früher am Flughafen gewesen wäre, müsste sie längst da sein. Insgeheim verfluchte er sich nun, dass er nicht darauf bestanden hatte, sie zu begleiten.

Sie brauchte Zeit mit ihrem Vater, schon klar, aber er war ja auch keine Klette, er hätte auch mal einen Tag allein im Hotel verbracht oder sich die Stadt angesehen, wenn die beiden ihre Ruhe wollten. Es ging einfach darum, dass sie heiraten wollten, jedoch keinerlei Bindung bestand, die bei Ehepaaren eigentlich selbstverständlich sein sollte. Andererseits war Remy auch alles andere als gewöhnlich. Alles in ihrem Leben hatte sie so werden lassen, begonnen bei ihrer schweren Kindheit, in der sie schon sehr früh selbstständig werden musste, bis hin zu ihrem Studium, bei der sie eine Mutter, die ihr Mut zuspricht, sicher gut hätte gebrauchen können. Und dann die Selbstdiagnose, die sowieso alles noch einmal von neuem durcheinander gewirbelt hatte.

Doch für diese Überlegungen war es nun auch zu spät. Sie war weg, allein geflogen, und würde erst in zwei Monaten zurückkommen. Nicht, dass er ihr diese verdiente Auszeit nicht gegönnt hätte, das war es nicht. Für ihn war es nur unerträglich, ohne sie zu sein. Sie wohnten nun schon so lange zusammen, dass es zu einer Selbstverständlichkeit geworden war, dass jemand zu Hause war, wenn er heim kam, oder anders herum. Es war so gewohnt geworden, dass er eine Veränderung gar nicht in Betracht gezogen hatte. Doch nun war sie da, wenn auch lange vorbereitet, es fühlte sich anders an, als in seiner Vorstellung. Seit er mit Remy zusammen war, konnte er dem Alleinsein nichts mehr abgewinnen, rein gar nichts.


Als Remy, in Columbus gelandet, endlich ihren Koffer gefunden und sich einen Weg durch die Menschenmengen gebahnt hatte, blieb sie erst einmal stehen, um sich zu orientieren. Mit der rechten Hand hielt sie ihren Koffer fest, einen Taschendiebstahl konnte sie nicht auch noch gebrauchen, in der linken, mit der sie noch nicht schwer heben konnte, befand sich ein Stadtplan, der ihr vor Zittern fast aus den Fingern rutschte. Sie beschloss, sich einfach in ein Taxi zu schwingen und die Anschrift der Klinik zu nennen; die Karte konnte sie immer noch die nächsten Tage studieren, sie würde ab jetzt sehr viel freie Zeit haben.

Gesagt, getan: Bald schon war sie auf dem Weg in die Forschungsklinik, von der der Fahrer Remy versicherte, dass sie keine zehn Minuten vom Flughafen entfernt lag. Wahrscheinlich wollte er sagen, zehn Minuten, wenn wir die einzigen Menschen auf der Welt wären. Die Fahrt dauert, inklusive Ampeln und Staus, eine volle Stunde und Remy musste sich Mühe geben, nicht auf der Rückbank des Autos einzuschlafen.

Als sie schließlich endlich angekommen war, bezahlte sie den Fahrer, nahm ihren Koffer und schritt auf den Haupteingang zu. Je näher sie diesem kam, desto langsamer wurde sie und eine Angst überkam sie, wie sie sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Eigentlich hatte sie sie erst einmal verspürt, als der Test positiv gewesen war. Diese Angst vorm Sterben. Mit dem Betreten der Klinik kam sie ihr so greifbar vor, wie noch nie zuvor.
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Kapitel 46

Als Remy schließlich an der Rezeption die noch fehlenden Papiere, unter anderem ihre Versichertenkarte und ihren Ausweis, vorgelegt hatte, wurde sie von einer freundlichen Schwester rasch durch die Klinik geführt, sodass sie sich grob orientieren konnte und anschließend auf ihr Zimmer gebracht. Dafür, dass es sich um längere Aufenthalte handelte, hätte es für Remys Geschmack etwas mehr wohnlich und etwas weniger steril und krankenhausähnlich sein dürfen, doch das störte sie jetzt gerade am wenigsten.

„Sie bekommen noch eine Zimmergenossin, darüber waren Sie ja auch im Voraus informiert. Sie dürfte im Laufe des Tages eintreffen, ich hoffe, Sie beide verstehen sich.“ Remy spürte, wie viel Mühe die Frau mittleren Alters vor ihr sich gab, freundlich zu sein und da es wirklich von Herzen zu kommen schien, rang Remy sich ein Lächeln für sie ab. „Sicher kommen wir miteinander aus, wir sind doch schon groß“, zwinkerte sie ihr leicht zu und schwieg dann. Die Schwester schien zu spüren, dass sie nun allein sein wollte und verabschiedete sich daher mit den Worten: „Wenn Sie noch Fragen haben oder es ein Problem gibt, das Schwesternzimmer habe ich Ihnen ja gezeigt.“

Als die Tür schließlich zu war, setzte Remy sich langsam auf die Bettkante und strich die weiße Decke zu beiden Seiten ihres Körpers glatt. Die Sicht aus dem großen Fenster, das sich beinahe über die ganze Zimmerwand zog, war gut und versprach ein wenig Ablenkung, sollte sie doch eine Zeit lang nicht in der Lage dazu sein, aufzustehen. Diesen Gedanken ließ sie schnell fallen, schüttelte leicht den Kopf, sodass ihr die Haare zurück über die Schultern fielen und stand auf, um ihre Sachen in den Kleiderschrank in der Ecke zu räumen. In der Bewegung hielt sie inne; ihr war eingefallen, dass sie Chase anrufen musste, bevor er unruhig wurde. Schon allein die Tatsache, dass der Flug nach New York längst nicht so lange gedauert hätte, müsste ihn stutzig machen, sodass sie nun einfach das Beste hoffte.

Nach nur wenigen Freizeichentönen ging der junge Arzt an sein Telefon. „Na endlich, ich hab mir schon Sorgen gemacht!“, war das erste, was Remy zu hören bekam. „Entschuldige, ich… Das Wiedersehen, wir kamen ins Reden, dann hab ich ausgepackt und dich glatt vergessen“, meinte sie beschämt und war überrascht, wie leicht ihr die Lüge über die Lippen kam. Am Telefon war alles so viel einfacher, wenn sie nicht mit den warmen, grünen Augen gemustert wurde. „Jaja, und schon ist man nicht mehr wichtig“, ertönte es vom anderen Ende der Leitung, doch der spöttische Tonfall in der Stimme war nicht zu verkennen. „Es tut mir ehrlich leid.“ Remy verkniff sich weitere Ausführungen; wenn er nicht fragte, wollte sie nicht noch von sich aus irgendwelche Schwindeleien erfinden müssen.

„Wie ist das Wetter bei euch? Hier schüttet es, seit du los bist, wie aus Eimern.“ Verdammt. Das Wetter. Wieso fragte er ausgerechnet nach dem Wetter? Wenn sie sich etwas ausdachte, dann würde er das nachprüfen können und sie konnte nur mutmaßen. „Es ist angenehm mild“, meinte sie so nur. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies zutraf, war noch einigermaßen hoch. „Schön. Also ich merk schon, du willst jetzt nicht reden. Kann ich verstehen. Komm erstmal richtig an, gewöhn dich ein und in ein paar Tagen hast du bestimmt mehr zu erzählen.“ Remy schloss die Augen und atmete tief durch. „Ja, sicher.“ – „Danke, dass du Bescheid gegeben hast, dass du da bist. Wir hören voneinander, ja? Ich liebe dich, mein Schatz.“ Die junge Frau presste für einen Moment die Lippen aufeinander, bis sie sich wieder gesammelt hatte. „Ich liebe dich auch“, gab sie leise zurück und wartete, bis Chase aufgelegt hatte, ehe sie es tat.


Ihre ‚Mitbewohnerin‘ traf im späten Nachmittag ein; Remy hatte sich ein wenig hingelegt, nachdem sie ihre Sachen ausgepackt hatte, um sich von der Anreise zu erholen. Ein zaghaftes Klopfen verriet, dass sich die Tür gleich öffnen würde, daher setzte Remy sich auf und rief „Herein!“. Zwei junge Frauen betraten das Zimmer… Oder zumindest eine von ihnen betrat das Zimmer. Sie schob die andere im Rollstuhl vor sich her, beide lächelten jedoch freundlich, als sie Remy erblickten.

„Hi, ich bin Emma. Und bitte bloß nicht siezen!“ – „Hey, Remy. Und bitte auch nicht siezen.“ Sie schmunzelte. Es war ungewohnt für sie, einmal eine grob zitternde Hand zu schütteln und nicht diejenige zu sein, der diese gehörte. Remy erfuhr bald, dass es sich bei der anderen Frau um Emmas Schwester Michelle handelte, die sie hierher begleitet hatte, jedoch zurück nach Hause musste, da sie sich nicht hatte frei nehmen können. Nachdem auch ihre Sachen ausgepackt waren, verabschiedeten sich die beiden daher ganz herzlich voneinander, wobei Remy sich reichlich fehl am Platz vorkam und sich in Richtung Fenster abwand. „Ich hab dich lieb. Keine Dummheiten, ja?“, waren Michelles letzte Worte, ehe sie ihre kleine Schwester mit Remy allein ließ.


„Ihr kommt gut klar, oder?“, traute Remy sich zu fragen. „Ich meine, mit der Situation.“ Sie sah der jungen Frau, die nicht älter als 25 sein konnte, in die stahlblauen Augen. „Naja, man engagiert sich damit, oder? Und seit wir wissen, dass ich es habe und sie nicht, kümmert sie sich rund um die Uhr um mich, als würde sie sich schuldig fühlen oder so. Ist manchmal beinahe lästig“, grinste sie und kam in ihrem Rollstuhl neben Remy, um die Distanz im Raum zu überbrücken.

„Und du? Auch allein hier, kein Freund?“ Remy wirkte noch nicht krank und sah zudem sehr gut aus, daher war ein Freund nach Emmas Meinung durchaus denkbar. Zur Antwort hielt Remy ihre Hand hoch. „Ich bin verlobt. Aber er denkt, ich besuche meinen Vater“, erklärte sie. Warum sie dieser Fremden all das sofort auf die Nase band, wusste sie selbst nicht, doch sie konnte es vermuten: Zum einen musste sie einfach mit einer neutralen Person sprechen, bisher hatte sie allein damit fertig werden müssen; nur House wusste Bescheid. Zum anderen war Emma jemand, der es nicht anders ging, als ihr selbst. Sie saßen sozusagen im selben Boot.

„Wieso hast du es ihm nicht gesagt? Die Studie ist doch eine gute Sache. Oder weiß er nicht, dass du krank bist?“ Diese Möglichkeit schien ihr gerade eingefallen zu sein, doch man merkte ihr an, dass sie nicht damit rechnete, dass es so war. „Doch, er weiß es natürlich!“, verteidigte Remy sich sofort. „Es ist nur… Er hätte darauf bestanden, mitzukommen. Und ich will nicht, dass er wegen mir seine geliebte Arbeit aufgeben muss. Und ich verstehe das. Ich bin auch nur hier, damit ich länger arbeiten kann, weil ich meine Arbeit liebe.“

Emma legte den Kopf leicht schief, jedoch nur für einen Moment, sodass Remy nicht ganz sicher war, ob sie diese Bewegung geplant ausgeführt hatte. „Was kann das für ein Job sein, dass er der Grund ist, weiterleben zu wollen?“, fragte sie schließlich entgeistert. „Wir sind beide Ärzte“, gab Remy darauf sofort zurück. Diese Aussicht schien die junge Frau ziemlich aus der Fassung zu bringen. „Oh Gott, du bist Ärztin? Wie kannst du da überhaupt noch mit dir leben?! Ich meine… Das kommt jetzt sicher falsch rüber aber… Wie kommst du damit klar, dass du alle um dich herum gesund machst, außer dir selbst? Und besonders dein Mann, wie schafft der das?“ Remy schmunzelte leicht in sich hinein, ehe sie ihrem Gegenüber in die Augen sah. „Glaub mir, es hat lange gedauert, bis ich damit klar gekommen bin. Sehr lange. Aber ehrlich gesagt, will ich darüber jetzt nicht reden. Für die Krankengeschichte haben wir zwei Monate Zeit. Erzähl lieber was von dir, deiner Familie, deinen Freunden,…“, schlug Remy vor und lehnte sich entspannt im Bett an.

Emma bewegte ihren Rollstuhl zu dem anderen Bett; als sie sich hochstützte, wollte Remy gleich aufstehen, um ihr zu helfen, doch sie schüttelte den Kopf. „Ich kann das allein. Noch kann ich das allein, aber danke.“ Remy wusste nicht, wie sie das schaffte, aber das Lächeln verließ nie Emmas Gesicht. Nicht einen Moment, seit sie hier war, hatte sich auch nur eine Falte auf ihrer Stirn gebildet. Sie wünschte sich insgeheim, dieses Talent ebenfalls zu besitzen, als sie ihr dabei zusah, wie sie sich mühevoll in das Krankenbett legte und zudeckte.
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Kapitel 47

In den nächsten Stunden erfuhr Remy so einiges über die junge Frau im Bett neben ihr. Sie war 22 Jahre alt, ihre Schwester war 30. Vor vier Jahren war ihr Vater an Huntington gestorben, kaum ein Jahr später hatten bei Emma die ersten Symptome angefangen, woraufhin sich Michelle testen ließ: Negativ. Da ihre Mutter schon gestorben war, als sie noch kleine Kinder waren, lebten die beiden von diesem Moment an zusammen, sodass Michelle für ihre kleine Schwester da sein konnte.

Emma liebte Bücher, ganz besonders traurige Liebesgeschichten und Thriller und hatte das Talent, sich Melodien nach einmaligem Hören zu merken und exakt nachzusingen. Sie hoffte, das betonte sie ganz besonders, dass ihr diese Fähigkeit noch eine Weile erhalten blieb. Sie hatte eine Schwäche für Erdbeertorte und ging gern zu alten Filmen ins Kino. Auf Remys Frage, ob es ihr nichts ausmachte, in der Öffentlichkeit zu sein, erhielt sie schlichtweg eine Antwort: „Sollen sie doch glotzen, ich glotz zurück.“ Mehr als einmal brachte sie die junge Ärztin durch solche Erwiderungen zum Schmunzeln und Remy hatte schon bald erkannt, dass sie eine optimistische Kämpfernatur vor sich hatte.

„Bei mir sieht das alles nicht so rosig aus“, erklärte sie, als Emma nach ihrer Lebensgeschichte fragte. „Du bist verlobt, du bist klug… Denke ich zumindest, schließlich bist du Ärztin geworden… Was kann da schlecht dran sein?“ Remy schmunzelte vor sich hin und schwieg einige Sekunden lang. „Ich bin nicht wie du. Ich sehe immer schwarz. Und mein Bruder… Damien war nicht gesund, er war genauso krank wie Mum. Und ich hab ihm geholfen, zu sterben. Ich kann darüber nicht reden, es begleitet mich ohnehin 24 Stunden am Tag.“ Entschuldigend schüttelte sie den Kopf. „Aber Liebesromane mag ich auch, nur bei mir muss es gut ausgehen“, lockerte sie das ganze etwas auf und zwinkert Emma zu.

„Und du liebst deinen Freund?“ Die Frage kam unvermittelt und Remy sah sie einen Moment überrascht an. „Ja, natürlich“, gab sie verwirrt zurück und wartete auf eine Erklärung. „Warum ist er dann nicht hier?“ Remy fand, dass sie diese Antwort schon zur Genüge ausgedehnt hatte, doch sie versuchte es erneut umzuformulieren. „Ich will ihm das ersparen. Keiner weiß, wie es uns die nächsten Tage gehen wird, er soll das nicht mit ansehen.“ – „Er will dich heiraten. Er wird sich ganz andere Sachen mit ansehen müssen“, gab Emma zu bedenken, während ihr Kopf kurz zur Seite schlug.

„Hast du ein Foto von ihm?“, fragte sie Remy schließlich und versuchte, ihr in die Augen zu sehen. Die junge Ärztin nickte, rutschte vom Bett und nahm ihr Portemonnaie aus ihrer Handtasche. Dann trat sie mit dem Bild, welches sie darin liegen hatte, zu Emma ans Bett und reichte es ihr. Schon bald hatte sie ein breites Lächeln auf dem Gesicht, wie Remy es schon kennengelernt hatte. „Ja, der sieht echt toll aus. Hast du gut gemacht“, grinste sie und reichte das Foto an Remy zurück. Diese steckte es nicht wieder in ihre Tasche, sondern legte es in den Schubkasten ihres Nachttisches und kuschelte sich dann wieder in ihr Bett.

„Du siehst müde aus, ruh dich aus, ich les ein bisschen in meiner Schnulze“, grinste Emma und zog das Buch aus ihrer Tasche, die sie neben ihrem Bett stehen hatte. Remy lächelte ein wenig und schloss die Augen. „Viel Spaß dabei!“ Es dauerte nur ein paar Minuten, ehe sie eingeschlafen war.


Als Chase an diesem Abend zur Nachtschicht eintraf, war er nicht so gut gelaunt, wie sonst immer, da er auf ein leeres Bett treffen würde, wenn er wieder heim kam. Obwohl er permanent an Remy denken musste, kümmerte er sich wie immer sehr korrekt um seine Patienten und hatte beinahe die ganze Nacht durch alle Hände voll zu tun. So war es kein Wunder, dass er äußerst genervt war, als House ihn am nächsten Morgen noch zurück hielt, als er nach Hause fahren wollte.

„Ich bin hundemüde, also machen Sie’s kurz“, meinte der junge Arzt und lehnte sich in den Türrahmen, durch den er gerade einen Schritt hatte machen wollen. „Schon was von Dreizehn gehört?“, fragte er so gerade heraus und löste damit einen ungläubigen Gesichtsausdruck bei seinem Angestellten aus. „Das ist alles, was sie wissen wollen? Ob es ihr gut geht? Ähm… Ja, ich denke schon, dass ihr Vater sie nicht links liegen lassen wird und sie gut versorgt ist.“ House sah ihm kurz zögernd mit seinen blauen Augen in seine.

Es war eine dieser Pausen, in denen man darauf wartete, dass noch etwas gesagt wurde und House war im Innern auch hin und hergerissen, doch schließlich nickte er nur und humpelte in sein Büro. Chase schüttelte kurz verwirrt den Kopf, ehe er sich dann endlich auf den Heimweg machte und sich, als er dort angekommen war, sofort in sein Bett legte.


Bei Remy und Emma war zu dieser Zeit ein junger Arzt im Zimmer, der die beiden bei Zeiten geweckt hatte, um den noch am Vorabend besprochenen Therapieplan exakt einhalten zu können. Somit beobachtete Remy ihn gerade dabei, wie er ihr den Zugang am Handgelenk legte, was er bei Emma schon erledigt hatte. Als er ihren prüfenden Blick bemerkte, hielt er kurz inne. „Alles in Ordnung, haben Sie Schmerzen?“, fragte er, was Remy gleich den Kopf schütteln ließ. „Nein, alles okay, tut mir leid“, schmunzelte sie und legte ihren Kopf im Kissen zurück. Sie wollte nicht, dass er erfuhr, dass sie Ärztin war; es machte sich einfach nicht gut, sozusagen Kollegen zu behandeln.

Obwohl sie es aus tiefstem Herzen wollte, war sie nun doch etwas nervös, als er sich die Handschuhe abstreifte und Remy auf die Infusionsflasche an ihrem Bett blickte, aus der ganz langsam Tropfen für Tropfen die Flüssigkeit in ihren Körper lief. Zudem nagte das schlechte Gewissen auf Chase bezogen noch immer an ihr und sie konnte es kaum noch in ihren Hinterkopf zurückdrängen, wo sie es so gut wie möglich unter Verschluss hielt.

„Sollen sie nicht wissen, dass du Ärztin bist?“, fragte Emma, als der Arzt, den sie unter dem Namen Dr. Swan kennengelernt hatten, den Raum wieder verlassen hatte. „Nein, es ist ein dummes Gefühl, ich kenn das schon zur Genüge. Es ist nicht schön, Kollegen zu behandeln und es ist auch nicht schön, wenn sie einen dann als Kollegen behandeln und andauernd Bemerkungen machen.“ Es fiel Remy nicht schwer, mit Emma zu sprechen, zudem war es schön, dass sie sich so gut verstanden. „Kann ich mir vorstellen, ist ja schon schlimm genug, wenn die eigene Schwester in der Verwaltung arbeitet“, schmunzelte sie und drehte sich leicht auf die Seite, sodass sie Remy besser sehen konnte.

„Michelle arbeitet im Krankenhaus?“ Es war interessant, wie viel man über einen anderen erfahren konnte und das auch noch innerhalb von noch nicht einmal 24 Stunden. „Ja, und es ist furchtbar. Ich bin ihr ja dankbar für alles, aber… ich bin so oft im Krankenhaus und dann bemuttert sie mich andauernd. Sie zerreißt sich vollkommen für mich.“ Remy schloss die Augen und nickte für sich. Sie wusste genau, wovon Emma sprach, was ihre eigene größte Angst war, weshalb sie eigentlich immer allein hatte bleiben wollen.

„Dann weißt du ja jetzt auch, wieso ich allein gekommen bin“, meinte sie leise und sah der jungen Frau in die hellen Augen. „Das ist anders. Er liebt dich. Nicht… diese Geschwisterliebe. Er liebt dich als seine Partnerin. Er könnte dich verlassen, wenn er keine kranke Frau haben will, Michelle kann das nicht, weil wir blutsverwandt sind. Es ist anders“, wiederholte sie noch einmal und gab Remy damit Stoff zum Nachdenken für den Rest des Tages und noch darüber hinaus.

„Naja, mal sehen, ob uns das Zeug umbringt, oder wir morgen am Marathon teilnehmen“, scherzte Emma dann und schlug ihr Buch auf. „Er hat gerade erfahren, dass sie schwanger von ihm ist“, erklärte sie Remy grinsend, die verwundert dreinblickte. „Ich muss wissen, wie er reagiert!“ – „Hey, du musst dich doch nicht rechtfertigen, lies ruhig, ich werd inzwischen mal meinem Boss schreiben, dass ich meine Nummer ändere, wenn er mich weiter ununterbrochen anruft“, grinste sie, griff nach ihrem Handy und schrieb eine SMS an Chase: ‚Du fehlst mir.‘
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Kapitel 48

Die nächsten Tage wurden für beide Frauen recht eintönig. Wecken durch Schwestern oder den Arzt, neue Infusion, Essen, Dösen, Untersuchungen, Tests und wieder Schlafen. Die Zeit zwischendurch vertrieb Emma sich mit Lesen, Remy hörte oft Musik oder sah einfach nur aus dem großen Fenster.

Doch nach fünf Tagen, die sie auf diese Weise verbracht hatten, ging es Emma in dieser Nacht von Minute zu Minute schlechter. Unruhig drehte sie sich von einer Seite auf die andere, bis Remy davon aufwachte und sich verschlafen aufrichtete. „Emma?“, fragte sie nur in das dunkle Zimmer und sah in die Richtung des zweiten Krankenbettes. „Ich wollte dich nicht wecken, tut mir leid. Schlaf weiter“, flüsterte die junge Frau zurück und zog sich zittrig die Decke bis zum Kinn.

Remy schaltete jedoch ihre Nachttischlampe ein und setzte sich, als sie sich an das Licht gewöhnt hatte, zu ihrer neuen Freundin ans Bett, wo sie ihre zitternde Hand nahm. „Du siehst schlimm aus, soll ich jemanden rufen?“, fragte sie besorgt und legte ihr eine Hand an die glänzende Stirn. Emma schüttelte sofort den Kopf, hielt jedoch ihre Hand so fest sie konnte. „Danke für das Kompliment“, grinste sie kurz. „Es geht schon“, fügte sie dann ernster hinzu. „Hier, trink was“, meinte Remy nach einer Weile, schenkte ihr etwas aus der Wasserflasche vom Nachttisch aus und half ihr leicht auf, als sie ihr den Becher an die Lippen setzte. Emma sah ihr in die Augen, während sie einige Schlucke nahm und bedankte sich schließlich, ehe sie erledigt wieder in ihre Kissen zurückfiel und die Augen schloss. „Weck mich bitte, wenn was ist“, meinte Remy leise, drückte ihre Hand noch einmal kurz und legte sich dann wieder in ihr eigenes Bett. An den gleichmäßigen Atemzügen erkannte sie bald, dass Emma wieder eingeschlafen war.

Remy fragte sich, ob es an Emmas schlechterem Allgemeinzustand lag, dass sie so schnell auf die Medikamente reagierte, denn sie selbst fühlte sich nicht schlechter als sonst. So schloss sie die Augen und hoffte, dass dies wenigstens noch eine Weile so bleiben würde.

In dieser Nacht wurden die beiden nicht noch einmal wach, dafür ging Remys erster Blick, als sie am nächsten Morgen aufwachte, zu Emma hinüber. Sie schien noch zu schlafen, doch sie war sehr blass und schwitzte stark. Da sie jedoch ohnehin nichts für sie tun konnte, ließ sie sie zunächst schlafen und döste selbst noch ein wenig, bis Dr. Swan nach einem kurzen Klopfen den Raum betrat, um die nächste Dosis anzuhängen. Remy richtete sich auf und erwiderte sein „Guten Morgen“, wovon Emma aufwachte und sich langsam etwas im Bett drehte.

„Wie haben Sie geschlafen?“ Remy blickte schnell zu der jungen Frau hinüber, doch sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich hab gut geschlafen, bisher fühle ich mich ganz normal“, gab sie so nur zurück und erwähnte nicht, dass es Emma gar nicht gut ging. „Schön. Ich habe Sie ja über die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt. Wenn Sie sich also unwohl fühlen, Ihnen schlecht wird oder Sie sich gar übergeben müssen, wäre das zunächst nicht bedenklich.“ Remy nickte, als er die Infusion gewechselt hatte, wandte er sich der anderen Patientin zu. Zitternd fuhr sie sich kurz über die Stirn, um nicht ganz so fertig auszusehen, wie sie sich im Moment fühlte. „Die Nebenwirkungen kann ich nur bestätigen“, grinste sie matt, bevor er nachfragen konnte und schmunzelte Remy kurz zu. „Nun, wenn Sie damit zurechtkommen, belassen wir es erst einmal dabei. Wenn es schlimmer wird, klingeln Sie bitte nach einer Schwester und dann sehen wir, was wir dagegen unternehmen“, erklärte er freundlich und ließ die beiden nach verrichteter Arbeit wieder allein.

„Ist es wirklich okay?“, fragte Remy Emma besorgt und musterte ihr blasses Gesicht. Die junge Frau schmunzelte nur erneut, doch Remy machte es Sorgen, dass sie nur den Kopf auf ihrem Kissen zu ihr drehte; sonst hob sie ihn immer leicht an, wenn sie sich unterhielten. „Wir haben doch gesagt, wie kommen da durch. Da können wir doch nicht schon in der ersten Woche schlapp machen“, befand Emma nur und schloss die Augen wieder leicht. „Ich geb ganz bestimmt nicht einfach so auf.“ Remy bewunderte sie dafür, auch wenn sie es nicht direkt sagte, behielt sie jedoch die nächsten Stunden im Auge und war auch dazu bereit, im Notfall einzugreifen: Dann erfuhren sie eben, dass sie Ärztin war, für Emma tat sie das allemal.


Am späten Nachmittag ging Emmas Zittern zu einem groben Zucken und teilweisen Schlägen in alle möglichen Richtungen über. „Hast du Schmerzen?“ Remy saß auf ihrer Bettkante und hatte bisher nur keine Schwester gerufen, weil Emma sie dann, wenn sie es versuchte, fast anbettelte, es zu lassen. „Nein… Es… ich weiß nicht, mir ist so kalt.“ Die blauen Augen erschienen trüber und glasiger als sonst. Remy dachte an Michelle, ob sie sie nicht anrufen sollten, doch Emma hatte oft genug gesagt, dass sie das nicht wollte und sie sich nur unnötige Sorgen machen würde. So stand Remy nun auf und legte sich vorsichtig auf die Bettkante neben Emma, von wo aus sie ihr lieb durchs Haar strich und sie dann von hinten in den Arm nahm.

„Er hat… ja gesagt. Er möchte… das Kind mit… mit ihr bekommen“, meinte Emma leise und lächelte ein wenig. „Das ist schön, solche Männer muss man nur lieben. Und, wie ging es dann nun weiter?“, fragte Remy, um ihre Freundin ein wenig abzulenken. „Ich weiß nicht… Ich… musste ja dann aufhören, gestern Abend.“ Sie seufzte leise; Remy war sicher, dass es nicht das Bedauern war, das ihr diesen Laut entlockte. „Soll ich dir vorlesen?“, bot sie leise an und fuhr ihr sanft über die Wange, während sie ihre zitternden Hände mit der anderen Hand streichelte.

Damien hatte sie auch immer mit solchen Mitteln abgelenkt, wenn es ihrer Mutter besonders schlecht ging und er sich ängstlich irgendwo verkrochen hatte. Er hatte ihr dann zum Dank Kränze aus Blüten zusammengesteckt, oder aus Blättern, weil sie die so mochte. Und Emma mochte ihre Bücher und die Geschichten darin und war selbst nicht dazu in der Lage, weiterzulesen, um zu erfahren, was aus der kleinen Familie wurde. Und auf irgendeine Weise fühlte Remy sich verantwortlich für die junge Frau.

Zwar war sie kaum jünger als sie selbst und wirkte ganz und gar nicht hilflos, doch oftmals schwang in ihren Zügen und Aussagen so etwas Kindliches mit, dass sie sie die ganze Zeit beschützen wollte. „Ist das dein Ernst?“, fragte sie leise und sah Remy an. „Wieso nicht? Du erzählst mir so viel von der Geschichte… Inzwischen möchte ich selbst wissen, wie sie ausgeht“, meinte sie schulterzuckend und rang sich für Emma ein Lächeln ab. Sie erwiderte das Lächeln und streckte die Hand nach dem Buch auf dem Nachtschrank aus; als sie ihn jedoch nicht erreichte, griff Remy selbst danach, schlug wortlos die Seite auf, in der das Lesezeichen steckte und begann mit dem neuen Kapitel. Emma schloss die Augen, als sie den Worten lauschte und wurde sofort etwas ruhiger; auch ihre Glieder beruhigten sich sofort etwas mehr, da sie nun ganz entspannt in Remys Arm lag und diese sich wirklich Mühe mit dem Vorlesen gab.

Da Remy nicht bedacht hatte, dass Emma TRAURIGE Romane liebte, war sie auch nicht darauf gefasst, dass Emma bald weinend in ihren Armen lag und sie selbst kaum noch an dem Kloß in ihrem Hals vorbeireden konnte. Als das Buch schließlich ausgelesen war, war es bereits dunkel draußen. „Was hat der Autor sich dabei gedacht? Wieso muss sie denn bei der Geburt sterben?“, fragte sie empört und schüttelte leicht den Kopf, während sie auf Emma blickte, die immer noch Schweißperlen auf der Stirn hatte.

Sie antwortete ihr nicht, sondern schnitt plötzlich ein ganz anderes Thema an. „Remy, ruf ihn an. Robert. Du musst ihn anrufen.“ Verwirrt blickte Remy Emma an und hielt ihre Hand fest. „Wenn es bei dir losgeht. Du sollst nicht alleine sein, wenn es bei dir losgeht“, flüsterte sie und drückte die Hand der jungen Ärztin. „Ich bin nicht allein. Du bist doch hier bei mir“, gab sie schnell zurück, doch Emma schüttelte energisch den Kopf. „Du weißt, dass es anders ist. Und er fehlt dir. Du brauchst ihn. Ruf ihn an, bitte!“
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