No way back [FF]

Moderator: Housekatze

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Titel: No way back
Autor: Remy Hadley
Fandom: House M.D.
Genre: Drama
Charaktere: Remy Hadley, Robert Chase, Gregory House
Spoiler: Nein
Pairing: 13/House (not Romance!), 13/Chase (wird ne Überraschung)
Disclaimer: Die Figuren von House und Co. gehören nicht mir, sondern NBC Universal, FOX und derer Tochterunternehmen.

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In dieser Story geht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen, Liebe, Angst, Vertrauen, Unterstützung. Und es wird gezeigt, dass man auf seine Freunde zählen kann, wenn man sie wirklich braucht.

Kapitel 1


„Dr. Taub, kommen Sie hier rüber, wir brauchen Sie hier!“ – „Moment, ich kann hier im Moment nicht weg… Meine Güte, was ist denn hier los?“ Ein wildes Stimmengewirr war in der Notaufnahme zu hören, in der Hochbetrieb herrschte. Nach einem Auffahrunfall wussten die Ärzte nicht, wo ihnen der Kopf stand, nichts war wie gewöhnlich und jeder einsatzfähige Mediziner wurde in die Notaufnahme abgeordnet, um wieder etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. „Dreizehn, was dauert denn da so lange? Das ist doch nur eine Platzwunde!“ Foremans gereizte Stimme schallte durch die Eingangshalle, denn auf Behandlungsräume wurde schon seit einigen Stunden verzichtet, um schneller voranzukommen. „Ich bin hier gleich fertig.“ Die junge Frau klang gleichermaßen erschöpft und aufgewühlt. „Wo bleibt denn die Verstärkung?“ Wie auf ein Stichwort hin öffnete sich die breite Flügeltür und ein griesgrämig dreinblickender Arzt mit Gehstock betrat den Raum. „Kommen Sie her, jetzt gleich, oder wollen Sie einen Krüppel noch länger hier herumstehen lassen?“ Nur zögernd traten zuerst Chase und Foreman, anschließend Taub und Dreizehn auf ihren Boss zu. „Na also, es geht doch. Los, wir zischen ab“ und drehte sich mit diesen Worten auch schon um, um die Notaufnahme wieder zu verlassen. „Wir können hier jetzt nicht weg.“ House hielt inne, blickte Taub mit einem interessierten Gesichtsausdruck an, und antwortete „Schlechtes Argument. Wir gehen.“ – „Mit welcher Begründung? Cuddy hat uns hierher abgeordnet.“ Noch einmal drehte House sich zum einzigen weiblichen Teammitglied um, doch bevor er antwortete, blieb sein Blick an ihr hängen, mit dem er sie von oben bis unten skeptisch musterte. „Haben Sie Ihren Beruf gewechselt, oder warum sind Sie so voller Blut, als hätten Sie gerade ein Schwein geschlachtet? Mitkommen.“ Noch immer zögernd folgten die Vier House nach oben ins Beratungszimmer.

Vollkommen erledigt ließen sich alle in die Stühle fallen und zogen sich die blutverschmierten Kittel aus. House sah sie belustigt an. „Sie sollten mir danken, dass ich Sie da herausgeholt habe, anstatt mich mit dämlichen Fragen zu löchern, in denen ich Ihnen erläutern soll, ob es ethnisch vertretbar ist, Sie von Ihrer Arbeit abzuhalten, die Ihnen auch noch die Chefin des Krankenhauses zugeteilt hat.“ – „Ja, danke“, antwortete Foreman daraufhin ironisch, „Es ist ja nicht so, dass es unser Job ist und da unten jeder Arzt gebraucht wird. Also weswegen rufen Sie uns hier herauf?“ fragte er nun gereizt. House legte die Stirn in Falten, als ob er angespannt nachdenken würde, doch dann antwortete er nur knapp „Die Lady sah aus, als könnte sie eine Dusche vertragen und ihr Jungs seid bestimmt ganz scharf drauf, dabei zuzusehen.“ Mit diesen Worten verschwand er hinkend in seinem Büro, natürlich nicht ohne die verdrehten Augen von Remy zu bemerken, die nervös an ihren losen Haarsträhnen herum nestelte, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten.

„Er macht mich wahnsinnig.“ Chase fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Es ist House. Er wird sich nie ändern.“ Remy schien nicht überrascht darüber, dass es hier keine größere Katastrophe als in der Notaufnahme gab. „Dich scheint das ja alles überhaupt nicht zu stören!“ Dass Foreman nun noch aufbrausender war, als schon zuvor, wunderte alle drei. Remy blickte ihn schief und aus müden Augen an. „Was sollte mich denn großartig stören? Es ist House, wie ich schon sagte. Was hast du denn jetzt für ein Problem?“ Seit die beiden sich vor zwei Jahren getrennt hatten, gab es nur noch spannungsgeladene Gespräche zwischen ihnen. „Was ich für ein Problem habe? Du stehst unten selenruhig in der NA und nähst eine winzige Platzwunde, wo das Verarzten bei dir eine viertel Stunde in Anspruch nimmt. Keine Ahnung, wieso du so lange gebraucht hast, und jetzt stören dich nicht einmal House’ unqualifizierte Bemerkungen.“ – „Wenigstens benehme ich mich nicht gegenüber meinem Chef wie ein Großkotz!“ Mit diesen Worten rauschte sie aus dem Zimmer und verschwand um die Ecke. „Herzlichen Glückwunsch!“ Chase konnte seinen Kommentar einfach nicht zurückhalten. „Halt du die Klappe, ja?“

Ziellos lief Remy den Gang entlang und schaute stur geradeaus. Sie wollte einfach nur raus aus dem Zimmer; keine Sekunde länger hätte sie es mit Foreman ausgehalten. Stöhnend versuchte sie sein dümmliches Gesicht aus ihren Gedanken zu bekommen, bevor sie vor Wut noch etwas zerschlug. Sie wunderte sich über sich selbst. Normalerweise konnte sie in solchen Situationen ganz ruhig bleiben, warum also plötzlich dieses Aggressivität? Während sie so nachdachte, verlangsamte sie ihre Schritte etwas und beschloss schon bald, sich etwas frisch zu machen. Daher bog sie nach rechts in die Toilettentür ab, wo sie sich eine volle Ladung kalten Wassers ins Gesicht platschen ließ. Sofort fühlte sie sich besser, auch wenn es ihre Sinne nur für einen kurzen Augenblick betäuben würde.

„Wo ist denn Ihre Ex-Flamme hin verschwunden?“ House betrat den Beratungsraum wieder und blickte drein, als ob er den Streit nicht durch die allzu dünne Glaswand hätte hören können. „Wenn Sie nicht riskieren wollen, dass er Sie anfällt, würde ich nicht weiter nachfragen.“ Taub zog die Augenbrauen zusammen und blickte von einem zum anderen. „Ich wollte schon immer mal von Foreman besprungen werden“, gab House nur in vollem Ernst zurück und lehnte sich gegen die Tischkante neben Foremans Sitzplatz. Dieser wendete sich theatralisch ab. Zunächst sagte keiner ein Wort, dann drehte Foreman sich schließlich um. „House, was genau wollen Sie?“ – „Keine Ahnung. Ich hatte nur einen geilen Hintern aus der Tür verschwinden sehen und kam aus irgendeinem unbegreiflichen Grund darauf, dass Sie der Auslöser für diesen Eindruck waren.“ Mit einem selbstgefälligen Schnaufen stand Foreman kopfschüttelnd auf, griff sich seinen Kittel und verschwand wieder nach unten in die Notaufnahme, wo es inzwischen immer chaotischer zuging. „Also nur noch wir drei. Spielen Sie Skat?“

Remy trat gerade aus der Toilettentür, als Foreman an ihr vorbeigestürmt kam, ohne sie auch nur anzusehen. Etwas unentschlossen stand sie nun an die Wand gelehnt im Gang und überlegte, ob sie zurück gehen sollte, oder einfach in ihr Appartement fuhr, als ihr einfiel, dass der Autoschlüssel in ihrer Manteltasche steckte, die im Beratungszimmer hing. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als sich wieder den Demütigungen und schmutzigen Phantasien von House zu unterziehen.

„Glauben Sie, sie kommen zurück?“ Chase ließ den Blick nicht von der Glastür, die direkt auf den Gang führte. „Der Rappe wird wohl zu Cuddy zurückgaloppieren und petzen, aber Dreizehn geht bei diesen Temperaturen nicht ohne ihren Mantel nach draußen, schließlich wäre es ziemlich hirnlos sich noch eine Infektion einzufangen, wo man sich doch schon den Körper voll Antidepressiva und anderen Kram pumpt, um nicht aus den Schuhen zu kippen.“ Taub und Chase fuhren gleichzeitig mit dem Kopf herum. „Sie schluckt Antidepressiva?!“ Chase blieb beinahe der Mund offen stehen. „Neeeiiiin! Der Grund für ihre ignorante Mir-ist-alles-egal-Stimmung ist einfach gute Laune. Hat man ja bekanntlich, wenn man Mitte zwanzig ist und nur noch ein paar Jährchen zu leben hat.“

Die darauffolgende Stille wurde erst durchbrochen, als Remy den Raum betrat, zur Kaffeemaschine ging und sich eine Tasse eingoss. „Ist was passiert? Oder warum schaut ihr mich an, als ob ich von einem anderen Stern käme?“ Sie versuchte ein missglücktes Lächeln und setzte sich wieder an ihren Platz. „Nein, wir hatten uns nur gerade gefragt, ob Foreman und Sie es jetzt im Fahrstuhl treiben würden, nichts weiter.“
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Kapitel 2

Remy grinste House schief an. „Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen und bevor Sie fragen: Nein, ich hab ihn auch nicht in die Besenkammer gesperrt.“ Dann wandte sie sich ab und nippte an ihrem entkoffeinierten Kaffee. „Da haben Sie aber Glück, dass mir der Aufwand, den Kaffee heute auszutauschen, zu groß war“, räumte House beiläufig ein und stand auf, um sich seinerseits eine Tasse Kaffee einzugießen. Chase starrte Remy noch immer unverwandt an, während Taub in einer Akte herumblätterte. Remy spürte den Blick von Chase auf sich ruhen, doch sie versuchte ihn zu ignorieren und vermied es, ihn direkt anzusehen. „Gut“ meinte House und drehte sich von der Kaffeemaschine weg, um die Versammelten anzusprechen. „Da sich der Schwarze dafür entschieden hat, weiter Leute zusammenzuflicken, sind wir also nur noch zu dritt.“ – „Zu viert.“ House starrte Taub verwundert an. „Mich natürlich ausgenommen. – Nun, ich würde vorschlagen, zwei von Ihnen suchen nach einem neuen Fall, der morgen früh auf meinem Schreibtisch zu liegen hat und derjenige, der übrig bleibt kann für heute abzischen – außer natürlich derjenige hegt den Wunsch, Foreman zu helfen.“ Er blickte in die Runde. „Irgendwelche Freiwilligen?“ Die drei Ärzte stöhnten. „Sehr schön, ich treff Sie dann morgen.“ Und er verschwand aus der Tür, bevor irgendwer etwas erwidern konnte.

„Ich fände es nur fair, wenn wir losen würden, oder was meint ihr?“, fragte Chase die anderen. „Ich übernehm die Schicht, kein Problem.“ Die beiden Männer starrten ihre Kollegin an, die weiter ungerührt ihren Kaffee trank. Als sie die verwirrten Gesichter der beiden sah, meinte sie nur „Ich hab heute sowieso nichts vor“ und widmete sich wieder ihrem Kaffee. „Ähm, ich auch nicht“, warf Chase da plötzlich ein. „Du willst doch bestimmt zu Rachel, ich kann mit Dreizehn hier bleiben.“ Erschrocken blickte Remy auf und sah Chase das erste Mal an diesem Tag direkt an, doch bevor irgendwer das Gesagte zurücknehmen konnte, stand Taub bereits auf. „Find ich mächtig nett von euch. Wir seh‘n uns dann morgen. Macht euch nen schönen Abend.“ Damit blinzelte er Chase verschwörerisch zu und verschwand.

Remy stand auf und brachte ihre Tasse zurück zur Spüle, nur um irgendetwas zu tun. „Ok, also nur noch wir beide“, meinte Chase gedehnt, da ihm auf die Schnelle nichts anderes einfiel. „Ja“ war Remys knappe Antwort, ehe sie sich wieder an ihren Platz setzte und die Akte zur Hand nahm, in der Taub kurz zuvor gelesen hatte. „Ich hol noch den Rest.“ Damit stand er auf und besorgte einen riesigen Stapel Akten, aus denen sie eine heraussuchen wollten, die für House interessant sein könnte. Vor Remy legte er sie auf den Tisch und setzte sich stöhnend ihr gegenüber hin. „60-jähriger mit Schlaganfall und Herzinfarkt wenige Tage darauf.“ – „Nicht mal annähernd spannend! – 25-jährige mit chronischem Nasenbluten.“ – „Was ist sie von Beruf?“ – „Rechtsanwältin.“ – „Dann wird das durch den Stress erklärt.“ Remy nahm sich die nächste Akte beiseite und schlug sie auf. „Alles in Ordnung?“ Sie blickte auf und sah Chase in die Augen, der schon den ganzen Tag die Augen nicht von ihr lassen konnte. „Klar, wieso?“ Sie antwortete etwas zu schnell, als dass es hätte glaubwürdig klingen können. „House erwähnte vorhin beiläufig was.“ Remy sah ihn noch immer an und versuchte den Kloß in ihrem Hals hinunterzuwürgen, ohne Chase darauf aufmerksam zu machen. „Also… er meinte, du würdest viele Medis schlucken.“ Diesmal war sie darauf vorbereitet gewesen. „Ja, und? Das ist im Moment nicht mal annähernd relevant“, sagte sie kalt und beugte sich wieder nach vorn, womit sie vorgab, wieder die Akte zu studieren. „Du bist in letzter Zeit verändert. Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid, ja?“ Chase dachte gar nicht daran, Remy in Ruhe zu lassen, was dieses Thema betraf. Und Remy wusste, dass Chase auch nur eingewilligt hatte, heute Abend hier zu bleiben, weil er so ungestört mit ihr reden konnte. Dass er an ihr interessiert war, hatte er ihr schon mehrfach und auf verschiedenste Weisen zu verstehen gegeben. Doch auf solche plumpen Anmach-Versuche stand sie nicht. „Klar. Ich sag Bescheid, wenn ich mir die Tabletten nicht mehr selbst reinschieben kann. Dann wird’s Zeit für eine Notschlachtung.“ Sie schloss die Akte und warf sie Chase auf den Platz. „Zieh‘ dir das mal rein.“ Nur zögernd öffnete Chase die Mappe, jedoch nicht, ohne den Blick von Remy abzuwenden, die sich mittlerweile einen Punkt an der Wand gesucht hatte, den sie anstarren konnte, um Chase nicht sehen zu müssen. Er hatte ihren Kommentar von gerade eben nicht so schnell weggesteckt, wie Remy ihn in den Raum geworfen hatte. „Du musst wegen uns nicht so tun, als hättest du alles im Griff. Du kannst sagen, wenn dich was bedrückt.“ Diese Worte brachten Remy nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Palme. Sie stand ruckartig auf, wobei sie das Karussell vor ihren Augen beinahe von den Beinen riss und schrie Chase an. „Super! Und was nützt es mir, wenn du über alle meine Probleme informiert bist? Was hab ich davon? Außer, dass ich dann jeden Tag wehleidige Blicke zugeworfen bekomme, steh‘ ich genau an der gleichen Stelle wie sonst! – Leg die Akte auf den Tisch und geh Heim, wenn es House nicht passt, soll er sich selbst einen Fall suchen.“ Mit diesen Worten griff sie sich ihren Mantel und zog ihn sich über, während sie schon hinausstürmte.

Chase blickte ihr kurz wie eingefroren nach, dann jedoch stand er auf und rannte ihr nach. Remy wartete gerade am Fahrstuhl und hoffte innständig, dass sich die Türen öffnen würden, bevor Chase sie erreichte, als sie auch schon seine Schritte auf dem Boden nahen hörte. Als er schnaufend hinter ihr zum stehen kam, drehte sie sich ruckartig zu ihm herum und wollte schon zu einer heftigen Erwiderung ansetzen, als ihr wieder schlecht wurde und sie buchstäblich in seine Arme taumelte. „Hey, was…“ Er fing Remy auf und setzte sie vorsichtig auf dem Boden ab, hockte sich neben sie und hielt sie bei den Schultern, damit sie nicht zur Seite wegkippte. „Geht’s wieder?“ Besorgt musterte er Remys blasses Gesicht. „Ja, alles ok“, meinte sie nur knapp und machte Anstalten, aufzustehen. Doch Chase hielt sie weiterhin unten. „Was soll das? Ich fahr jetzt nach Hause, es ist spät.“ – „Du fährst jetzt nirgendwo hin, oder denkst du ernsthaft, ich lass dich so ins Auto steigen? Ich bring dich heim.“ Sie versuchte erneut, ihm zu widersprechen, doch als er sie vorsichtig hochzog und sie stützte, bemerkte sie, dass sie ohne Hilfe unmöglich gerade stehen konnte und hielt den Mund. Chase hatte einen Arm von hinten um ihre Taille gelegt und hielt mit der freien Hand die ihre fest, wobei er sich an Remys Tempo anpasste und sie zu seinem Auto geleitete. „Danke“, meinte sie nur knapp, als Chase sie auf den Beifahrersitz bugsiert hatte und selbst auf der Fahrerseite eingestiegen war. „Kein Problem“, antwortete er genauso einsilbig und startete den Motor. Schweigend fuhren sie einige Seitenstraßen entlang, ehe Chase wieder sprach. „Hast du das öfter?“ – „Was?“ – „Na was schon. Dass dir plötzlich schwindelig wird.“ Remy hielt noch immer die Augen geschlossen und hatte den Kopf angelehnt, da es ihr noch nicht wieder gut ging. „Wenn’s dich beruhigt, nein.“ – „Ja, beruhigt mich.“ Vor ihrem Haus hielt er an und parkte am Straßenrand. Noch bevor Remy sich ab gegurtet hatte, stand Chase an ihrer Tür und hielt ihr eine Hand entgegen. „Danke, ich bin 27 und nicht 87.“ Mehr konnte sie dazu nicht sagen, denn als sie beide Beine auf den Asphalt gesetzt hatte, war sie froh, sich an jemandem festhalten zu können. „Schon klar“, sagte Chase schmunzelnd und brachte sie auf die gleiche Weise zu ihrer Wohnungstür, wie er sich auch schon aus dem Krankenhaus herausgeführt hatte. „Schlüssel?“ – „Hier.“ Sie begann in ihrer Handtasche zu kramen und versuchte das Schlüsselloch mit ihrer zitternden Hand zu treffen und das Defizit gleichzeitig vor Chase zu verbergen, was ihr natürlich unmöglich war. Wortlos schloss er seine Finger um ihre Hand und führte so den Schlüssel ins Schlüsselloch. „Danke“, flüsterte Remy mit erstickter Stimme. „Kann ich… kann ich mit reinkommen?“ Es klang so, als ob es ihm wirklich peinlich wäre, Remy dies zu fragen. „Sicher… Klar… Das Wohnzimmer ist links, mach’s dir gemütlich, ich komm gleich.“ Sich an der Wand entlang tastend, bog Remy nach rechts ab. Chase sah, dass es die Küche war, als sie die Tür öffnete und verschwand in der von Remy ausgewiesenen linken Tür, wo er sich aufs Sofa setzte und auf ihre Rückkehr wartete.

In der Küche angekommen, griff sie nach den an der Wand entlang aufgereihten Tablettendosen und räumte sie in den Küchenschrank, im Falle Chase würde ihre Wohnung inspizieren wollen. Die Diskussion, die ihr dann bevorstünde, wäre nicht auszuhalten. Als sie alles beseitigt hatte, machte sie sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
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Kapitel 3

„Schön hast du’s hier.“ Chase tat so, als ob er sich weiterhin im Raum umsehen würde, während Remy sich stöhnend neben ihm aufs Sofa fallen ließ, obwohl er sie in Wirklichkeit aus dem Augenwinkel beobachtete. „Naja, danke. Geht so… Und danke, dass du mich heim gebracht hast.“ – „Kein Problem. Ich konnte dich ja wohl schlecht auf dem Boden liegen lassen, oder?“ Er grinste sie an, als er jedoch bemerkte, dass ihr Gesichtsausdruck unverändert ernst war, hörte er damit auf. „Versprichst du mir, dass du nicht gleich wieder ausrastest, wenn ich dir jetzt was sage?“ Remy zuckte mit den Schultern und nickte ihm zu. „Wegen vorhin…“ Sie verdrehte stöhnend die Augen. „Ich weiß, dass du nicht drüber reden willst, aber…“ – „Ja, ganz genau. Das hast du ja sehr schnell erkannt.“ Chase fuhr jedoch ungerührt fort. „Aber du leidest und das kann ich nicht mehr mit ansehen… Taub denkt übrigens das Gleiche“, fügte er schnell hinzu. „Jaja, ihr wollt mir nur helfen, ich weiß. Und ich finde es…“ – „Warte doch mal, bis ich ausgeredet hab. – Wenn du mit jemandem drüber reden würdest, könntest du sicher leichter damit umgehen. Einfach drüber reden, ohne irgendwelche Erwartungen. Einfach, dass du es nicht nur deinem Spiegelbild erzählt hast.“ Er sah sie an, wartete auf eine Antwort. Sie wusste, dass sie etwas sagen musste, dass er nicht eher gehen würde, als bis er seine Antwort bekommen hatte. Dennoch versuchte sie es zu umgehen. „Ich würde jetzt gerne schlafen gehen, mir ist immer noch schlecht. Ich will dich wirklich nicht rauswerfen, aber… Naja, eigentlich doch, will ich.“ Sie blickte ihm jetzt fest in die Augen und jede Widerrede war zwecklos. Chase stand vom Sofa auf und Remy folgte ihm, noch immer wacklig auf den Beinen, in den Flur zur Wohnungstüre. „Bis morgen. Ich hol dich ab.“ – „Nein. Ich nehm die Straßenbahn. Gute Nacht.“ Chase erwiderte den Gruß und rannte schon die Treppe hinunter, als Remy sich ein Herz fasste und ihm noch hinterherrief: „Meine Therapeutin ist gut im Zuhören, also mach dir keine Sorgen.“ Dann schloss sie die Wohnungstür und ging sofort ins Bett.

An Schlafen war für Remy nicht zu denken. Sobald sie die Augen schloss, bekam sie Kopfschmerzen, öffnete sie sie, drehte sich das gesamte Schlafzimmer. Irgendwann musste sie dennoch eingeschlafen sein, denn das schrille Klingeln ihres Weckers ließ sie hochschrecken. Sobald sie sich aufgesetzt hatte, drehte sich wieder alles vor ihren Augen und ihr wurde so übel, dass sie es nur noch mit Mühe zur Toilette schaffte, wo sie sich übergab. „Verdammt. Unmöglich“, entwischte es ihr leise. Zerstreut machte sie sich für die Arbeit fertig. Bevor sie die Wohnung verließ, trank sie noch eine Tasse Schwarzen Tee, um sich zu beruhigen und ging schließlich mit ihrer Handtasche und dem Autoschlüssel in der Hand hinunter auf die Straße. Dort musste sie feststellen, dass ihr Auto noch beim Krankenhaus stand und die Straßenbahn vor zehn Minuten abgefahren war. Fluchend stieg sie die Treppen zu ihrem Appartement wieder hinauf.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, damit aufzuhören, die Tür anzuglotzen?“ House holte Chase aus seinen Gedanken. „Und wenn wir einmal bei diesem Thema sind: Wo ist Dreizehn?“ – „Wieso sollte ich das wissen?“ Mit abwesendem Blick starrte House aus dem Fenster, drehte sich dann jedoch langsam zu Chase um. „Weil Sie gestern Abend mit ihr zusammen hier waren und Sie unentwegt auf den Gang schauen, da sie immer noch nicht hier ist, was bedeutet, dass Sie sich Sorgen machen und Sie scheinbar auch einen Grund haben, sich Sorgen machen zu müssen.“ Chase schaute verdattert zu Taub, dieser schüttelte nur den Kopf, daher wandte er sich wieder an House. „Woher wissen Sie…?“ – „Auf dem Tisch lag auf Dreizehns Platz ein Stapel von 15 Akten, während auf dem Ihren nur drei lagen, was bedeutet, dass Sie entweder gerade lesen gelernt haben, oder mehr mit der Person Ihnen gegenüber beschäftigt waren, als mit Ihrer Arbeit. Ich tippe auf Letzteres, denn Taub wird Sie sexuell kam so ablenken, dass Sie Ihre Arbeit gleich vergessen… Möglicherweise irre ich mich auch!“, fügte er schnell hinzu, was den beiden Ärzten ein Stöhnen entlockte. „Den Grund dafür, dass sie unser Zimmer wie einen Saustall hinterlassen haben, kenne ich noch nicht, aber ich tippe einfach mal, dass Sie Dreizehn an die Wäsche wollten, sie daraufhin gegangen ist und Sie sie anschließend in eine Putzkammer gezerrt haben. Die restlichen Details können wir uns ja dann alle denken… Hoffe ich doch. Und wenn wir mal ehrlich sind: Danach hätte ich auch keine Lust mehr auf Papierkram.“ Er grinste Chase mit siegessicherem Gesicht an und humpelte triumphierend in sein Büro.

Erste eine halbe Stunde später kam die nächste Straßenbahn, also machte Remy sich erneut auf den Weg. Das Gedränge an der Haltestelle verursachte ein unbehagliches Gefühl in ihr, was sich nicht änderte, sondern nur noch verstärkte, als sie einen Stehplatz zwischen einem drängelnden Schüler, der ihr andauernd seinen Rucksack in die Rippen schlug und einem nach kaltem Zigarettenrauch stinkenden Mann bekam. In Gedanken betete sie, dass als nächste Haltestelle endlich das Princeton Plainsboro angezeigt würde. Doch erst nach sieben Stopps und vielen neuen Fahrgästen konnte sie sich endlich durch die Tür an die frische Luft schieben, wo sie den ungeheuren Drang verspürte, sich erneut übergeben zu müssen. Nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, ging sie auf den Haupteingang zu und durchquerte die Launch bis hin zu den Fahrstühlen, wo sie auf Foreman traf. „Hey… Sorry wegen gestern.“ Sie versuchte ihn zu ignorieren und tippte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Boden, während sie auf den Lift wartete. „Das war… wirklich mies von mir. Es war so ein Stress und dann noch House und…“ Remy drehte sich zu ihm um und funkelte ihn wütend an. „Klar, das ist natürlich die Entschuldigung für alles. House. Und es war stressig. Aber dass du mal an deiner gesamten Einstellung arbeiten müsstest, das kommt dir natürlich nicht in den Sinn.“ Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür und Foreman folgte Remy hinein. Bis nach oben schwiegen sie sich an und auch noch, als sie das Beratungszimmer betraten, wo House sich gerade wieder hingesetzt hatte und die Füße auf den Tisch legen wollte. Mit gekünstelt aufgerissenen Augen schaute er sie abwechselnd an, als sie gemeinsam hereinkamen. „Jetzt sind wir aber alle überrascht.“ Chase ließ nur einen erleichterten Seufzer hören und fuhr sich mit der Hand über den Kopf. Remy ignorierte beides, den Kommentar von House sowie den Seufzer von Chase und hängte ihren Mantel an den Hacken. „Tut mir leid, dass ich jetzt erst komme, ich hab die Straßenbahn verpasst.“ – „Seit wann fahren Sie mit der Straßenbahn?“ Remy blickte Chase flüchtig an, jedoch war der Moment nur so kurz, dass es unmöglich zu bemerken war. „Mein Auto ist kaputt.“ House blickte sie skeptisch von der Seite an, während sie sich an ihren Platz setzte. Foreman hatte inzwischen in der Tür kehrt gemacht und war zurück zum Ambulanzdienst verschwunden. „Was ist das bitte?“ House hielt die Akte hoch, die Remy am Abend zuvor noch schnell auf den Tisch geworfen hatte, ehe sie so überstürzt losgerannt war. „Unser neuer Fall.“ – „Sie sind ernsthaft hiergeblieben und haben nach einem Fall gesucht? Sie waren auch schonmal komischer.“ Remy sog die Luft scharf durch die Zähne und war im Begriff zu einem Gegenargument anzusetzen, als Chase einsprang. „Sie sagten, suchen Sie nach einem Fall, also suchen wir nach einem Fall.“ – „Vergessen Sie den Fall! Ein Tag frei wird uns ja wohl noch vergönnt sein, es sei denn, die Aphrodite kreuzt hier auf und betört uns mit einem Wutanfall und damit meine ich nicht den Schwarzen.“ Taub, der sich bisher nicht am Gespräch beteiligt hatte, richtete sich nun auf. „Wollen Sie damit sagen, wir sind hier alle umsonst angetanzt? Wenn wir schon nichts zu tun haben, warum machen wir dann keinen Ambulanzdienst, wie Foreman?“ – „Weil Foreman ein Idiot ist. Wenn Cuddy bis heute Mittag nicht hier aufgetaucht ist, können Sie alle verschwinden.“
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Kapitel 4

Die Zeit bis zum Mittag kroch nur so dahin. Cuddy tauchte nicht ein Mal auf, nur Wilson ließ sich kurz blicken, verschwand jedoch kommentarlos und mit hochgezogenen Brauen wieder. Taub ließ sich Zeit mit seinem Frühstück, Remy sortierte Akten und Chase vertrieb sich die Zeit damit, sie anzustarren. Punkt zwölf Uhr schnappte House sich seinen Rucksack und verschwand wortlos, obwohl alle zu ihm aufblickten. „War das jetzt die Erlaubnis, dass wir gehen können?“ Chase blickte die anderen fragend an. „Ich bring das hier noch zu Ende, dann geh‘ ich auch“, tönte Remys Stimme vom Schreibtisch herüber. „Ihr hättet mir wahrlich helfen können, wenn ihr schon sinnlos hier rumsitzt.“ Die beiden Männer tauschten schuldbewusste Blicke. Dann griff Taub nach seiner Jacke und Tasche und deutete ein Winken an, als er verschwand. Chase hingegen ließ sich Zeit damit, seine Tasche einzupacken und seine Jacke zu holen. Nur ungern wollte er Remy nach den Geschehnissen des gestrigen Tages allein lassen, aus Angst, sie könnte ihn angelogen haben und es ging ihr doch nicht so gut, wie sie vorgab. „Worauf wartest du?“ Ohne vom Papierkram aufzublicken, sprach sie ihn an. Chase seufzte. Er war es leid, sich immerzu verstellen zu müssen, wenn er mit Remy zusammen war, obwohl ihm dies sowieso meistens misslang. „Auf dich“, meinte er daher nur. Als Remy nicht reagierte, fügte er noch schmunzelnd „Im Falle du planst wieder, auf dem Boden zu übernachten.“ hinzu. „Ich kann selbst auf mich aufpassen, dazu brauch‘ ich dich wirklich nicht.“ Da sie wusste, dass Chase auf ihr Kontra hin nie antwortete, hoffte sie, dass er es auch diesmal dabei belassen würde. Und tatsächlich murmelte er nur ein kaum verständliches „Das hab ich gesehn.“ Als Remy sich jedoch verabschiedet hatte, folgte er ihr heimlich über den Parkplatz. Er wollte sicher gehen, dass sie gesund und munter zu Hause ankam und nicht an den nächstbesten Baum fuhr.

Nachdem beide eine Weile gefahren waren, Chase immer darauf bedacht, den größtmöglichen Abstand einzuhalten, stutzte er und hielt verwundert an, als Remy plötzlich am Straßenrand parkte, ausstieg und in der Apotheke in der Nebenstraße verschwand. Plötzlich kam er sich lächerlich vor. Wenn es Remy nicht gut ginge, dann wäre sie schon so vernünftig und würde sich nicht hinters Steuer setzen. Dass sie es am Vortag auch hatte tun wollen, versuchte er dabei zu verdrängen. Kopfschüttelnd startete er den Motor, während er noch überlegte, warum Remy sich ihre Medikamente nicht im Krankenhaus abgeholt hatte und fuhr nach Hause, was Remy ihm fünf Minuten später gleichtat.

Als sie die vielen Treppenstufen bewältigt hatte, ließ sie ihren Mantel und ihre Tasche an der Wohnungstüre fallen und rannte sofort ins Badzimmer. Mit zitternden Händen zog sie den Schwangerschaftstest aus der Apothekentüte und bete zum Himmel, dass sich ihre Befürchtungen nicht bestätigten. Als sich der Streifen jedoch verfärbte, wusste sie nicht, ob sie schreien oder weinen sollte. „Nein.“ Sie murmelte nur verzweifelt Wortefetzen vor sich hin. „Das kann nicht sein.“ Mit wackligen Knien ging sie in ihr Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen, wo die Tränen sie schließlich überwältigten. Was sollte sie denn mit einem Kind machen, dass keinen Vater und eine todkranke Mutter hatte? Mit diesen Gedanken rang sie, bis sie schließlich vor Erschöpfung einschlief.

Mitten in der Nacht wachte sie auf. Unwillkürlich fuhr ihre Hand zu ihrem Bauch und sie schloss erneut matt die Augen. Sie hatte gehofft, dass es nur ein schrecklicher Traum gewesen war, doch die Realität holte sie schnell wieder ein, obwohl sie es noch immer nicht wirklich wahrhaben wollte. Verschlafen schwang sie die Beine von der Couch. Ihr war kalt und der Rücken tat ihr weh. Sie hatte noch nie auf dem Sofa geschlafen, was wohl daran lag, dass es so unbequem war und sie war so plötzlich eingeschlafen, dass sie es gar nicht für nötig gehalten hatte, nach einer Decke zu suchen. Fröstelnd ging sie in ihre kleine Küche und machte sich eine Tasse Wasser heiß. Schon nach wenigen Minuten hielt sie den dampfenden Tee in den Händen und starrte aus dem Fenster. Auf der Straße herrschte ein reges Treiben, trotz dass es bereits weit nach Mitternacht war. Das war der Nachteil der Großstadt; nie hatte man seine Ruhe. In Gedanken trank sie einen Schluck nach dem anderen und genoss das Gefühl, wie ihr der angenehm heiße Tee durch den Körper rann und das wohlige Gefühl sich in ihrem Magen ausbreitete. Noch eine halbe Stunde hing sie auf diese Weise ihren Gedanken nach, dann ging sie in ihr Bett unter dem Vorwand, noch ein wenig schlafen zu wollen, ehe sie wieder zur Arbeit musste, obwohl sie insgeheim überlegte, ob sie sich für den kommenden Tag nicht krank melden sollte.

Am nächsten Morgen war Remy trotz des fehlenden Schlafs mitten in der Nacht sehr früh wach. Und obwohl sie mit dem Gedanken gespielt hatte, den Tag zu Hause zu verbringen, zwang sie sich aus dem Bett und ging, nachdem sie sich frisch gemacht und ein halbes Brötchen gefrühstückt hatte, ins Krankenhaus. Unterwegs musste sie allerdings halt machen, da ihr Frühstück einen anderen Ausgang wählte.

Mit einem leisen ‚Pling‘ schlossen sich die Fahrstuhltüren hinter Chase, der gerade noch zu Remy durch die sich bereits schließenden Türen geschlüpft war. „Morgen.“ – „Hey.“ Bis sie oben angekommen waren, schwiegen sie sich an. „Ist… alles ok bei dir? Du siehst blass aus.“ Mit einem Ausdruck von Besorgnis auf dem Gesicht hielt Chase Remy am Ärmel zurück, als sie aus dem Lift gestiegen und ein Stück den Gang entlanggegangen waren. Langsam drehte sie sich zu ihm um, vermied es jedoch, ihm direkt in die Augen zu blicken. „Ja, alles bestens. Ich hatte nur wenig Schlaf letzte Nacht.“ Wieder wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort. Es war gerade erst kurz nach acht und House würde sowieso erst in zwei Stunden auftauchen, daher ließen sich die Ärzte mit allem besonders viel Zeit, denn einen neuen Fall gab es noch immer nicht. Taub war ebenfalls bereits eingetroffen, lag jedoch mit dem Kopf auf der Tischplatte, als die beiden den Raum betraten. „Kater oder Langeweile?“, schrie Chase, woraufhin Remy ein zaghaftes Grinsen sehen ließ, als Taub erschrocken zusammenfuhr. „Übermüdung. Guten Morgen.“

Wider Erwarten stand House bereits eine halbe Stunde später im Zimmer. Ohne von seinen Assistenzärzten bemerkt worden zu sein, hatte er eine ganze Weile vor der Tür gestanden und sie beim Nichts-tun beobachtet. „Einen wunderschönen guten Morgen, ihr Sonnenscheine!“ humpelnd lief er um den Tisch herum auf die Kaffeemaschine zu, nur um feststellen zu müssen, dass sie leer war. „Wieso haben Sie keinen Kaffee gekocht? Ist Ihnen die viele Freizeit zu Kopf gestiegen? Wenn Ihr Boss kommt, dann haben Sie dafür zu sorgen, dass er auch mit ausreichend Getränken versorgt ist!“ Taub wollte eben zu der Frage, ob es denn heute Arbeit gäbe, ansetzen, da war House schon wieder hinausgegangen. „Denkt ihr, wir sollten ihn suchen gehen?“, wandte er sich daher an die drei anderen, denn Foreman war auch wieder unter ihnen, obwohl er sich noch immer einsilbig gab, um deutlich zu verstehen zu geben, dass er zutiefst beleidigt war. „Chase lehnte sich genüsslich in seinem Stuhl zurück. „Nein, sollten wir nicht. Der Mann ist einfach auf der Suche nach einem Becher Kaffee, egal woher er ihn bekommen kann und ich wüsste nicht, wieso ich… Remy?!“ Die junge Frau war aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt. Chase wollte sich bereits ebenfalls erheben, um ihr nachzugehen, als ihm klar wurde, dass er damit ziemliche Aufmerksamkeit auf sich projizieren würde, vor allem, wenn er unterwegs House begegnen würde. „Was war das denn?“ Foreman hatte sich ebenfalls nach vorn gelehnt und ihr nachgestarrt. „Wenn ich das wüsste, ginge es mir auch besser.“ Seufzend fuhr sich Chase mit einer Hand durchs Haar.
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Kapitel 5

Hätte sie auch nur einen Moment länger gewartet, hätte sie es nicht mehr bis zur Toilette geschafft. Schon als sie bemerkt hatte, dass ihr Mund trocken wurde, war sie aufgesprungen, um eine Sauerei zu vermeiden. Genau im richtigen Augenblick. Keuchend hing Remy über dem Waschbecken und musste immer wieder von neuem würgen. Ihre Hände und ihre Stirn glänzten vor Schweißperlen, die sich angesammelt hatten. ‚Bitte, lass es nur ein böser Traum sein‘ flehte sie in Gedanken, obwohl sie wusste, dass dies überflüssig war. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich hinter ihr die Tür öffnete und eine ältere Schwester aus der Notaufnahme hereintrat. Als sie auf eine der Kabinen zugehen wollte, hielt sie inne und sah Remy an. „Geht es Ihnen gut, Kindchen?“ Besorgt trat sie neben Remy und fasste sie bei den Schultern. „Sie sehen blass aus. Alles in Ordnung?“ Remy wischte sich mit einer Hand über die Stirn und nickte. „Ja, danke. Alles in Ordnung. Es… es geht schon wieder.“ Sie schenkte der Frau ein freundliches Lächeln und stützte sich auf den Waschbeckenrand, um einige Male tief Luft zu holen. „Sind Sie sicher? Sie sollten sich setzen.“ – „Danke, ich bin auch Ärztin. Es geht mir gut.“ Sanft aber bestimmt schob sie die Hände der Schwester weg und verließ den Raum. Im Gegensatz zu der gut belüfteten Toilette, kam ihr der Krankenhausgang furchtbar stickig und sauerstoffarm vor. Ihr war noch immer übel, und sie wollte das Zurückgehen zu den anderen so weit wie möglich hinauszögern, da sie sicher gehen wollte, das Ganze nicht sogleich wiederholen zu müssen.

Grinsend kam House mit seinem Kaffeebecher in der Hand aus der Cafeteria zurück. Dass er ihn einfach auf die Rechnung von Wilson hatte setzen lassen, war natürlich nichts Neues, doch noch nie hatte er sich selbst bedient und war dabei erwischt worden. Als er um die Ecke bog, sah er seine Angestellte auf einer Bank sitzen, den Kopf gegen die Wand gelehnt und den Körper mit den Armen umschlungen. Langsam trat er auf sie zu und stellte seinen Kaffee neben sie auf den Boden. Dann setzte er sich neben sie und ließ seinen Stock immer und immer wieder durch die Hände rutschen und auf den Boden schlagen. Remy hatte ihren Chef erst bemerkt, als dieser sich gesetzt hatte und war erschrocken zusammengezuckt. „Schöner Tag heute, nicht wahr?“ Mit geschürzten Lippen sah er sie an und war über ihren Anblick mehr als erschrocken, was er jedoch nicht zeigte. „Ja, wunderbar.“ Ihre Kehle war so ausgedörrt und schmerzte, dass ihre Stimme kaum zu verstehen war und brüchig klang. Als sie House’ Blick auf ihrem Gesicht spürte, wendete sie hastig ihren Kopf ab. „Geht es Ihnen gut?“ Seine Stimme war nun ernster geworden, nicht so belustigt wie noch zuvor. „Ja“ – „Sicher? Sie sehen fiebrig aus.“ Während er mit der linken Hand seinen Gehstock festhielt, langte er mit der anderen nach ihrem Gesicht. Abwehrend hob sie eine Hand und schlug die seine etwas heftiger als geplant zur Seite. „House, was wollen Sie?“ – „Ihre Stirn befühlen, ich bin Arzt, wissen Sie.“ Sie verdrehte die Augen und wendete sich ihm zu. „Ich auch und ich fände es wunderbar, ein paar Minuten für mich zu haben, wenn das möglich wäre.“ Müde schloss sie die Augen und schluckte schwer, woraufhin ihr wieder zu Zungen am trockenen Gaumen kleben blieb. „Hier.“ House reichte ihr seinen Kaffeebecher. „Wollen Sie mich schon wieder umbringen?“ Er schüttelte den Kopf. „Koffeinfrei. Was anderes war nicht mehr da. Und da ich die Plärre wahrscheinlich sowieso nicht runter bekommen werde, können Sie sie auch gleich haben.“ Erneut hielt er ihr den Becher entgegen und sie beäugte ihn skeptisch. „Vertrauen Sie mir.“ Zögernd nahm Remy den Becher entgegen. „Danke.“ Sie fügte noch ein ehrliches Lächeln hinzu und nahm sogleich den ersten Schluck. Es war eine Wohltat. Hörbar atmete sie aus und schloss für einen Moment die Augen. House blickte sie weiterhin an und nutzte schließlich die Gelegenheit, in der sie ihn nicht ansah, um ihr doch noch die Stirn befühlen zu können. Obwohl sie sich ihm sofort wieder entzog, runzelte er ehrlich besorgt die Stirn. „Was machen Sie hier? Sie sollten nach Hause gehen und sich hinlegen.“ Abrupt stand sie auf. „Wie oft denn noch? Es geht mir gut!“ House stützte sich sogleich auf seinen Stock und stand auf, als er sah, dass ihr ohnehin schon blasses Gesicht nach dem plötzlichen Hochschnellen noch einiges mehr an Farbe verloren hatte, um sie im Falle eines Sturzes abfangen zu können. „Ja, das sehe ich“, murmelte er nachdenklich ohne sie aus den Augen zu lassen. „Ich gehe jetzt zurück in den Besprechungsraum, denn es ist ein ganz normaler Arbeitstag. Kommen Sie mit, oder lassen Sie es.“ Damit wandte sie sich um und ging zurück zu den anderen. House folgte ihr auf den Fuß. „Sie haben sich dazu entschlossen, uns endlich mal Aufgaben zuzuteilen? Beeindruckend!“ – „Die Tatsache, dass ich Sie begleite, bedeutet nicht gleich, dass ich plötzlich Interesse daran habe, Cuddy einen dermaßen Gefallen zu tun und arbeiten gehe.“

„Das reicht, sie ist jetzt schon über eine halbe Stunde weg!“ Chase, der immer unruhiger geworden war und in immer kürzeren Abständen auf die Uhr gesehen hatte, war nun endgültig aufgestanden und Richtung Tür gegangen. „Mann, komm mal wieder runter. Darf sie nicht gehen, ohne sich abzumelden?“ Foreman und Taub saßen immer noch gelassen am Tisch und tranken Kaffee, den sie in der Zwischenzeit gekocht hatten. „Sie ist schon viel zu lange weg. Ich hab Angst, dass sie… Denn vorgestern Abend…“ Doch er brachte es nicht übers Herz, den anderen von Remys Schwächeanfall zu erzählen, da ihm bewusst war, dass sie sicher nicht wollte, dass irgendwer davon erfährt. Daher brach er einfach ab und verließ das Zimmer, um nach ihr zu suchen.

Dann sah er, wie sie und House ihm entgegenkamen und atmete erleichtert auf, nahm seine Besorgnis jedoch sofort wieder auf, als er Remys bleiches Antlitz erblickte. „Die hab ich unterwegs gefunden!“, rief House ihm entgegen. Mit weit ausgreifenden Schritten lief Chase los und war schon bald bei den beiden, wo er Remy einen Arm um die Schultern legte, bevor ihm klar wurde, dass diese Geste eventuell etwas zu gewagt sein könnte, doch sie schüttelte ihn nicht ab, sondern legte ihren Kopf dankbar an seine Seite. Was House davon hielt, scherte Chase in diesem Augenblick wenig und so ignorierte er auch das „Oh… mein… Gott, wie herzzerreißend!“, das hinter ihm ertönte. Sobald sie weitergegangen waren, fiel ihm auf, dass Remys gesamter Körper beinahe unmerklich zitterte und drückte sie noch fester an sich, denn inzwischen hatte sie ihre Augen geschlossen und ließ sich einfach mitziehen, einen Fuß vor den anderen setzend. Da House bereits bei Remy auf der Bank aufgefallen war, wie schlecht es ihr tatsächlich ging und sie sogar vollkommen House-untypisch zum nach Hause Gehen aufgefordert hatte, hielt er Chase auch nicht dazu an, sie in den Besprechungsraum zu bringen, sondern humpelte an den beiden vorbei, warf Chase ein „Kümmern Sie sich um sie, wir haben sowieso keinen Fall.“ zu und verschwand in der Tür, während Chase stehen blieb, da er nun endlich unbelauscht das Wort an Remy richten konnte. Zumal sie wahrscheinlich nach noch einem weiteren Schritt zusammengebrochen wäre. Sie hielt die Augen noch immer geschlossen, doch sie zitterte weiterhin am ganzen Leib.

Chase zog einen Besucherstuhl heran und hievte sie behutsam darauf, ließ sie jedoch nicht los, da sie sonst womöglich zur Seite gefallen wäre. „Hey. Was hast du denn?“ In seiner Stimme schwang Verzweiflung mit. „Nichts, alles in Ordnung.“ Wie um es ihm zu beweisen, macht sie Anstalten aufzustehen, doch Chase hielt sie energisch fest. „Bist du verrückt geworden? Du bleibst schön hier sitzen.“ Mit der freien Hand legte er ihr zwei Finger an den Hals, um ihren Puls zu fühlen. „Gott, dein Herz rast.“ Und schon fiel ihm der Kaffeebecher ein, den sie in der Hand gehalten hatte und er stand wütend auf, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie gerade sitzen blieb und stürmte in den Besprechungsraum.
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Kapitel 6

„Sie Bastard haben ihr Kaffee gegeben!“, donnerte er los, ohne auf die verblüfften Gesichter von Taub oder Foreman zu achten. „Entkoffeiniert.“ – „Wieso sollten Sie denn rein zufällig mit entkoffeiniertem Kaffee durch die Gegend laufen?“ Er war nicht zu bremsen. „Was ist denn hier überhaupt los?“ Taubs Frage ging in dem wilden Wortgefecht von House und Chase unter. „Weil es keinen anderen mehr gab! Glauben Sie, ich will sie umbringen?“ – „Sie…“ Doch er brach ab, denn House‘ Augen blickten ehrlich drein, und was hätte er davon, Remy richtigen Kaffee einzuflößen? „Tut mir leid“, meinte er daraufhin etwas ruhiger und verließ den Besprechungsraum wieder. „Also, hier geht’s heute zu wie… Was ist denn nun los?“ Foreman blickte House nun herausfordernd an. „Nichts weiter. Dreizehn fühlt sich nicht wohl.“

„Remy, sieh mich an!“ Chase hatte sich vor ihr niedergekniet und hielt sie erneut bei den Schultern. Mühsam zwang sie sich dazu, ihre Augen zu öffnen. Sie waren glasig und kamen ihm heller vor, als sonst. Sie sagte nichts, sah ihm bloß ins Gesicht. „Du zitterst“, stellte er diesmal nicht in Gedanken, sondern laut fest und legte ihr sein Jackett um die Schultern, woraufhin es sie noch mehr umher schmiss. „Jetzt reicht’s, ich bring dich nach Hause.“ Mit diesen Worten ging er erneut in den Besprechungsraum, holte ihre Handtasche und Mantel und erntete wieder diese irritierten Blicke. Als er zurück kam, schüttelte Remy widerwillig den Kopf, konnte sich jedoch nicht wehren, als er sie auf seine Arme hob und sie erst zum Fahrstuhl und anschließend zum Ausgang trug. „Lass mich runter, mir ist schlecht“, sagte sie auf dem Parkplatz gerade noch rechtzeitig, ehe sie sich wieder übergeben musste. Geschwächt klammerte sie sich mit den Händen verzweifelt an seinem Hemd fest, doch er war bereits zur Stelle und hielt sicher ihre Taille umfasst. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf wieder an seine Brust und zwang sich, die Augen offen zu halten. „Ja, du hast recht. Es geht dir blendend“, meinte er nervös und hob sie sich wieder auf die Arme, nachdem es ihr besser ging.

Vor ihrem Haus angekommen, weckte er sie nur unwillig auf, da sie eingeschlafen war. Keuchend kam er vor ihrer Wohnungstür zum stehen. Sie die Treppen hinaufzutragen, überstieg eindeutig seine Kräfte. „Welcher Schlüssel?“ Mit zitternden Fingern zeigte sie ihm den benötigten Schlüssel unter den unzählig vielen an ihrem Schlüsselbund. Kaum hatte er aufgeschlossen, war er ins Wohnzimmer gegangen und hatte sie auf der Couch abgelegt, nur um noch einmal zurückzugehen und die Tür zu schließen. Dann war er sofort wieder bei ihr. Sie versuchte sich aufzurichten, schaffte es jedoch nicht. „Wieso bist du heute Morgen denn überhaupt gekommen, wenn dir so elend war?“ Seine Worte sollten besänftigend klingen, es schwang jedoch ein tadelnder Unterton darin mit. „Weil… es ist nichts weiter.“ Chase schnaufte kurz spöttisch. „Nein, absolut nicht. Du hättest heute bis spät abends praktizieren können.“ Er bemerkte zu spät, dass die Ironie in seinen Worten verletzend klang und fuhr ruhiger fort. „Das wird jetzt aber nicht zur Gewohnheit, oder?“ Remy lächelte ihn gequält an. „Nein, wird es nicht. Versprochen…. Kannst du mir bitte ein Glas Wasser holen?“ Nach einem neuerlich missglückten Versuch, sich aufzurichten, hatte sie keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als Chase darum zu bitten. Dieser stand sofort auf und verschwand so selbstverständlich in der Küche, als ob er hier wohnen würde.

Lächelnd kam er zurück und reichte es ihr, wobei sie zweifelnd das Glas anstarrte, dass sie gleich mit ihrer immer noch zitternden Hand würde fassen müssen. Chase wusste diesen Blick zu deuten und schob ihr sogleich einen Arm unter den Rücken, um ihr aufzuhelfen, während er ihr das Glas mit der anderen vorsichtig hinhielt. Sie griff danach, zuckte jedoch so unwillkürlich, dass ein wenig der Flüssigkeit über den Rand schwappte. „Tut mir leid“, sagte sie mit einem Kloß im Hals. „Es gibt keinen Grund, dass dir irgendwas leidtun müsste.“ Er nahm ihr das Glas ab und hielt es ihr vorsichtig an die Lippen. Entgeistert sah sie ihn an. „Komm schon, oder ich bring dich zurück ins Krankenhaus und lass dich stationär aufnehmen, da kriegst du dann die Flüssigkeitszufuhr über eine Infusion.“ Gequält verzog sie das Gesicht und gab sich geschlagen. In kleinen Schlucken nippte sie an dem Wasser, das er ihr immer wieder hinhielt, bis es leer war. Selbst das hatte sie angestrengt, denn Chase hatte gespürt, dass Remy in seinem Arm immer schneller geatmet hatte. „Braves Mädchen. Und jetzt leg dich wieder hin und ruh dich aus.“ – „Wieso passiert immer mir sowas?“, flüsterte sie und hatte dabei eigentlich nicht gewollt, dass Chase es hörte. „Wenn du mir irgendwas erzählen willst…“ Er beendete den Satz nicht, denn schon ihr Blick verriet ihm, dass sie nicht wollte. „Ok.“ Er nickte und füllte in der Küche das Glas erneut auf, um es dann neben Remy auf den Couchtisch zu stellen. Lange betrachtete er sie schweigend, dann fühlte er ihre Stirn und stellte besorgt fest, dass ihr Kopf glühte. „Du hast Fieber. Wo ist das Thermometer?“ – „Im Badezimmerschrank“, antwortete sie unüberlegt, um gleich darauf einen Schock zu bekommen. Der Schwangerschaftstest lag noch auf dem Waschbeckenrand! „Aber das ist nicht nötig!“, rief sie ihm nach. „Doch, ist es, Frau Doktor.“ Chase hatte das Thermometer schnell gefunden und kehrte damit zurück. Remy stellte erleichtert fest, dass er wohl zu sehr auf das Fieberthermometer fixiert gewesen war, als etwas anderes mitzubekommen. So ließ sie es auch kommentarlos über sich ergehen, dass Chase es ihr in den Mund steckte und sie mit allen Decken zudeckte, die er finden konnte. „39,8! Das ist nicht gut.“ Remy schien es nicht so sehr zu beunruhigen wie Chase und meinte daraufhin nur „Da du mich hier sicher nicht einfach in Ruhe lassen wirst: Der Medikamentenschrank ist in der Küche, da ist sicher was Fiebersenkendes dabei.“ Erneut zwang ihr Körper sie dazu, die Augen zu schließen.

Als Chase nach nur zwei Minuten mit den Tabletten zurückkam, war sie eingeschlafen. Doch er wollte sie nicht schon wieder aufwecken, wo sie doch endlich etwas Ruhe gefunden hatte und setzte sich daher nur neben sie und legte vorsichtig seine Hand um ihre. Auch diese glühte so heiß, wie ihr Kopf, daher kehrte er in die Küche zurück, um zu den Hausmitteln zu greifen, ehe sie die Tablette einnehmen konnte. Schon bald hatte er ein Handtuch gefunden und es unter den kalten Wasserstrahl gehalten. Behutsam legte er es ihr auf die Stirn. Die Kühle musste ihr guttun, denn sie regte sich kurz im Schlaf und ließ einen erleichterten Seufzer hören, während ihre verkrampften Gesichtszüge sich augenblicklich etwas entspannten.

„Zum hundertsten Mal: Es ist alles in Ordnung!“ – „Und wo sind die beiden dann momentan?“ Foreman ließ nicht locker. „Was weiß ich denn, bin ich die Auskunft? Wahrscheinlich konnten sie ihr Sexleben nicht auf die Nacht beschränken.“ – „Die beiden schlafen doch nicht wirklich miteinander, oder?“ House grinste Foreman spöttisch an. „Sind Sie neidisch, oder was? Da kann ich nur sagen: Selber schuld. So einen dicken Fisch wieder von der Angel zu lassen, kann nur einem Idioten wie Ihnen einfallen.“ Taub musste sich das Lachen verkneifen, Foreman blickte jedoch mit süß-saurer Miene drein. „Aber mal ehrlich“, warf Taub ein. „Das kann doch nicht alles sein, Sie verschweigen und et…“ – „Mein Gott, wollen Sie beide hören, dass einer der beiden aus dem Fenster gesprungen ist, oder was? Also gut, ich sag’s Ihnen, wenn Sie’s denn unbedingt hören wollen! Dreizehn ist zusammengeklappt und Chase behandelt sie.“ Die beiden Assistenzärzte grinsten sich an. „Ja sicher. Ok, wir belästigen Sie nicht mehr, sondern fragen sie selbst, wenn sie zurückkommen.“
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Kapitel 7

Chase hatte sich in Remys Sessel gesetzt und seinerseits die Augen geschlossen, schlief jedoch nicht. Als Remy ein leises Stöhnen hören ließ, öffnete er sie sofort und stand auf, um zu ihr zu gehen. Sie hatte über zwei Stunden geschlafen und Chase war in dieser Zeit nur von ihrer Seite gewichen, wenn er das Handtuch aufgefrischt hatte. Jetzt schlug sie blinzelnd die Augen auf und legte sich eine Hand darüber. „Wie geht’s dir?“ Chase sprach nur im Flüsterton, um sie nicht zu bedrängen. „Kopfschmerzen.“ – „Kann ich mir vorstellen. Miss bitte nochmal Fieber.“ Sie war nicht einverstanden, denn sie stöhnte genervt, doch sie ließ ihn dennoch an sie heran. „Nur noch 38,5. Dann brauchst du die wohl nicht mehr unbedingt.“ Er wedelte mit den Tabletten herum. „Tut mir leid, ich bin eingeschlafen.“ – „Kein Problem, das war gut so.“ Erschrocken richtete sie sich auf, woraufhin sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Kopf fasste. Doch Chase war schon zur Stelle und half ihr, sich wieder hinzulegen. Das heruntergerutschte Handtuch nahm er ihr vom Bauch und befeuchtete es neu. Zunächst sträubte sie sich, als er es ihr auf die Stirn legen wollte, gab dann jedoch den Widerstand auf. „Uh…“ – „Ja, ich weiß. Aber es wird gleich besser.“ Sie öffnete die Augen und heftete sie auf seine Augen. „Wieso tust du das?“ – „Was denn?“ – „Das… alles. Du bringst mich heim, sitzt stundenlang hier während ich schlafe und springst sofort auf, wenn ich nur meine Zehen bewege. Wieso?“ Chase zwang sich dazu, den Augenkontakt zu halten. Normalerweise genoss er es, Remy direkt in die Augen sehen zu können und es kam wahrlich selten vor, dass sie den Blick auch noch erwiderte. Doch jetzt war alles anders. Ihre Augen waren so von Schmerz gefüllt, dass es ihm körperlich wehtat, hineinsehen zu müssen. Und noch etwas war anders. Sie hatte die Warum-Frage gestellt und nun war es an ihm, zu entscheiden, ob er lügen oder die Wahrheit sagen sollte. ‚Tu’s‘, flüsterte eine Stimme in ihm, doch er fürchtete sich vor ihrer Antwort. „Weil… du meine… Kollegin bist und irgendwer für dich da sein muss, wenn du krank bist.“ Chance vertan.

Es schien, als würde Remys Blick sich kurz trüben, doch dieser Eindruck währte nur wenige Sekunden, dann brach sie den Blickkontakt zu Chase ab. „Das ist kein Grund, aber von mir aus. Wenn du Gefallen daran findest, mir beim Sterben zuzusehen, meinetwegen.“ Chase starrte sie an. Nun war er es, dem die Farbe aus dem Gesicht wich. „Sag das nicht! Wie kannst du jetzt daran denken?“ – „Ich bitte dich, du tust so, als ob ich darüber nachdenke, was ich am Wochenende kochen will! Ich denke immer daran. Immer, verstehst du. Es würde durch nichts in den Hintergrund rücken, denn es ist immer da. Siehst du.“ Sie zog eine Hand unter der Decke hervor und hielt sie ihm hin. Sie zitterte noch immer, doch nicht so wie vorhin, sondern beständiger. Ihre Stimme brach ab und diesmal war es kein trügerischer Eindruck, diesmal trübte sich eindeutig ihr Blick und sie wendete sich ab. Chase wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Er kam sich hilflos vor. Remy lag wie ein Häufchen Elend vor ihm auf dem Sofa und war den Tränen nahe, doch er war mit einer solchen Situation nicht vertraut. Zögernd kniete er sich auf den Boden und fasste sie beim Arm, in der Hoffnung, sie würde ihn nicht abschütteln. Das Gegenteil geschah. Sobald er sie berührt hatte, drehte sie sich mit ihrem gesamten Körper in seine Richtung und schlang ihm die Arme um den Hals, während sie nunmehr hemmungslos weinte. Chase schluckte schwer, unbeholfen streichelte er ihr mit den Händen über den Rücken und drückte ihren Kopf an seine Schulter.

„Was haben Sie schönes am Wochenende vor?“ Foreman und Taub starrten House finster an. „Können wir nun heim gehen, oder was?“ House richtete den Blick aus dem Fenster schien Regentropfen zu zählen, denn er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. „Sie haben doch noch Dienst, oder? Ich kann Sie doch nicht mitten im Dienst nach Hause schicken.“ – „Gestern konnten Sie es auch.“ House ließ ein ironisches Lächeln der feinsten Sorte sehen. „Als ob Sie gestern anwesend gewesen wären! Wenn Sie dabei sind, mache ich natürlich solche Ausnahmen nicht. Kinder brauchen schließlich Regeln.“ Foreman schnaufte und stand auf. „Ich bin Arzt. Ich will etwas Vernünftiges tun und nicht meine Arbeitszeit im Besprechungsraum absitzen und mich mit Taub über seine kaputte Ehe unterhalten. Sorry Alter, aber so ist es nunmal.“ – „Und jetzt rennen Sie zu Cuddy und besorgen uns allen unnötigen Stress, nicht wahr?“ Doch Foreman war schon weg. „Aber er hat recht.“ House fuhr Taub barsch an. „Nein, hat er nicht. Und wenn Sie denken, dass er recht hat, dann sind sie genau so ein Idiot wie er!“ Damit stand auch House auf und verschwand im Nebenzimmer, wo er sich an seinen Schreibtisch setzte und sein Handy zu Rate zog.

Chase wusste nicht, was er sagen sollte. Doch nach einigen Minuten merkte er, dass er nichts sagen musste, sondern dass das Gefühl, dass er da war, Remy enorm half. Ihre Schultern bebten noch immer, doch sie hatte sich so weit beruhigt, dass sie sprechen konnte. „Tut mir leid, ich hab einfach die Kontrolle…“ Ihre erstickte Stimme war bedrohlich zittrig. „Dir muss gar nichts leidtun. Mir wäre es viel lieber, wenn du öfters die Kontrolle verlieren würdest und dafür glücklicher wärst.“ Er wusste nicht, ob es die falschen Worte waren, oder ob sie sie einfach nur so berührten. Auf jeden Fall begann Remy wieder zu weinen. Inzwischen hatte sie sich aufgesetzt, sodass Chase neben ihr Platz hatte und lag zur Seite gelehnt mit dem Kopf in seinem Schoß. Plötzlich zerriss Chase‘ Handy die Stille im Zimmer. „Es ist House. Ich geh nicht ran.“ Sie strich sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. „Doch, du musst rangehen, er wundert sich bestimmt, wo wir sind.“ Er hätte den Anruf nicht angenommen, doch Remy zuliebe tat er es. „Ja? Was gibt’s?“ – „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ Pause. Mit einem Blick auf Remy antwortete er. „Ja, alles in Ordnung. Ich hab sie heim gebracht und jetzt… jetzt schläft sie. War total erschöpft.“ – „Gut, lassen Sie sich Zeit. Bis Cuddy hier ist, bleibt noch etwas Zeit und dann… werde ich Sie beide auch nicht gleich brauchen.“ – „Wieso, was ist mit Cuddy?“ – „Ihr Kumpel Foreman ist zu ihr petzen gerannt. Er sagt ihr gerade, dass wir den Urlaub vorverlegt haben. Als ob ich mich vom Faulenzen abhalten lassen würde, nur weil Cuddy mir ihre Brüste zeigt, so naiv ist doch niemand. Also, ich seh‘ Sie dann morgen.“ Ohne eine Antwort von Chase abzuwarten, legte House auf. „Danke.“ – „Wofür?“ – „Für… die Diskretion.“ – „Kein Thema.“ Kurzes Schweigen, dann „Hat er gesagt, wann wir wieder zur Arbeit kommen sollen?“ Chase lachte bitter. „Ja, sicher. WIR werden nicht so bald auf Arbeit gehen. ICH gehe morgen.“ Remy blickte ihn an. Gerade, als sie zu einer Widerrede ansetzen wollte, schoss ihr erneut ein heftiger Schmerz durch den Kopf, der sie aufstöhnen ließ. Chase wollte ihr helfen, sich wieder hinzulegen, doch sie wehrte ab. „Ich muss mal.“ Entschuldigend grinste sie ihn an. Er stand auf und fasste sie bei den Händen, sodass er sie mit einem Ruck in die Höhe bringen konnte. Doch sie schüttelte die Hilfe ab. „Ich kann das allein.“ – „Wie du meinst.“ Er trat beiseite und ließ sie in Ruhe. Schwankend kam sie zum stehen und hielt sich zunächst an der Couch an, dann an der Wand und in den Türrahmen. „Soll ich dir was zu essen machen?“, rief er ihr hinterher, während er das Kissen und die Decke aufschüttelte. „Ich hab keinen Hunger, aber im Kühlschrank sind noch Nudeln, die kannst du essen.“ Dann verschwand sie im Badezimmer.

Froh darüber, dass Chase nichts bemerkt hatte, ließ sie den Schwangerschaftstest verschwinden und war sogleich etwas beruhigter als zuvor noch. Sie hatte die Gefahr, aufzufliegen, gebannt. Auch wenn er niemandem davon erzählen würde, da war sie sich sicher, wollte sie dennoch nicht, dass irgendwer etwas wusste. Sie musste zunächst selbst damit klarkommen.
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Kapitel 8

„Ich denke, du solltest wieder zurück zur Arbeit gehen“, erklärte Remy, als sie wieder zurück war und sich in den Türrahmen lehnte. „Danke… für alles“, fügte sie ganz ehrlich gemeint leise hinzu. „Gern geschehen“, meinte Chase ebenso leise. „Und du bist sicher, dass du zurechtkommst?“ – „Chase, ich bin nicht mehr fünf Jahre alt und kann auf mich selbst aufpassen… Bitte.“ Sie wollte ihn nicht zurückstoßen, er kümmerte sich so aufopferungsvoll um sie, das hatte sie gar nicht verdient. Zudem mochte sie ihn wirklich gerne, deshalb durfte sie ihm keine Hoffnungen machen, die sie dann nicht erfüllen konnte, das wäre nicht fair. „Na schön… Aber ruh’ dich noch aus und bleib morgen zu Hause. Dir zuliebe!“ Remy zögerte kurz, doch schließlich nickte sie. Sie hatte ohnehin schon einen Arztbesuch für den nächsten Tag geplant und würde wohl dir meiste Zeit in Wartezimmern verbringen, sodass ein Späterkommen nur wieder Fragen bei ihren Kollegen aufwerfen würde. „Versprochen“, grinste sie so nur etwas schief und lehnte ihren Kopf noch weiter an den Rahmen. Chase bemerkte die Geste und deutete aufs Sofa. „Leg dich wieder hin, ich verschwinde auch, versprochen“, meinte er ebenfalls grinsend und erhob sich. „Ich geh gleich in mein Bett, wenn du nichts dagegen hast“, gab Remy daraufhin zurück und blickte an ihm auf, als er neben ihr stehen blieb. „Wenn du weg bist“, fügte sie hinzu und zog eine Augenbraue hoch, da er anscheinend dabei zusehen wollte. „Versprochen?“, fügte sie hinzu und formulierte es ein wenig wie eine Frage, um ihm auf sanfte Art und Weise zu bedeuten, dass er endlich verschwinden sollte.
Chase verstand sofort und nickte. „Keine Dummheiten machen, ok?“, schmunzelte er und ging zur Wohnungstür, Remy folgte ihm langsam. Als er in den Flur trat, drehte er sich noch einmal um. Remy hatte sich wieder in den Türrahmen gelehnt und sah ihn an. „Entschuldige, dass ich dich rauswerfe, aber… ich brauche ein wenig Zeit… Und… Bitte sag den anderen nichts.“ Sie wusste, dass das Fieber nur daher gekommen sein konnte, dass sie vollkommen überanstrengt und wahnsinnig in Panik über den positiv ausgefallenen Schwangerschaftstest war. Schließlich kannte sie sich und solche Katastrophen lösten in ihrem Körper generell mitunter ziemlich belastende Erscheinungen aus. Ebenso wusste sie, dass es besser werden würde, hätte sie die ganze Situation erst einmal im Griff. Chase nickte wortlos. Zu gerne hätte er gewusst, was mit ihr nicht stimmte, doch er wollte nicht nachhaken. Irgendwann würde sie vielleicht mit der Sprache herausrücken. „Bis dann“, meinte er und stieg dann die Treppe hinunter. „Bis dann. Und danke“, gab Remy leise zurück. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob er sie noch hatte hören können.

Schließlich kehrte sie ganz langsam ihrer Tür den Rücken zu und ging in ihr Schlafzimmer. Möglicherweise hatte sie auch Entzugserscheinungen… Reichlich früh, wenn man bedachte, dass sie ihre Medikamente erst am Vortag abgesetzt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass es keine solchen waren. Seufzend ließ sie sich in ihr Bett fallen und lehnte den Kopf entspannt zurück. Sie zögerte: Was sie geplant hatte, war in ihren Augen nötig, doch sie hatte auch ein wenig Angst davor. Dennoch. Je früher sie es hinter sich brachte, desto besser und außerdem würde es ihr anschließend besser gehen. Sie brauchte einfach geregelte Umstände.
Mit leicht zitternden Fingern griff sie daher nach ihrem Handy, welches sie, wann auch immer, auf den Nachttisch abgelegt hatte. Lange starrte sie das beleuchtete Display an; so lange, dass die Beleuchtung inzwischen abgestuft und schließlich ganz aus war. Noch einmal überlegte sie, doch es brachte nichts, es weiter vor sich herzuschieben. So öffnete sie ihr Telefonbuch und wählte eine Nummer aus. Wieder verstrichen die Sekunden, ehe sie auf den grünen Hörer drückte und sich mit geschlossenen Augen das Mobiltelefon ans Ohr drückte.
Lange geschah nichts. Remy wollte schon wieder auflegen, als dich doch noch eine Stimme am anderen Ende der Leitung zu Wort meldete… und ihr damit noch den letzten Mut nahm. Erst als der Mann erneut verunsichert „Ja?“, fragte, wurde ihr bewusst, dass sie noch gar nichts gesagt hatte. „Jamie!“, rief sie daher schnell, bevor er seinerseits auflegen konnte. „Ja? Wer ist da?“ Remy zögerte. Jetzt oder nie. „Ich… hier ist Remy. Hadley.“ Sie schluckte und öffnete nun zum ersten Mal, seit sie telefonierte, die Augen. „Oh, Remy. Das ist… Eine Überraschung. Du hast es dir überlegt?“ Überlegt? In Remys Kopf arbeitet es. Hatten sie irgendeine Abmachung getroffen? Dann fiel es ihr wieder ein. „Oh, Jamie, nein… Keine… Wiederholung.“ Sie schmunzelte gequält vor sich hin. „Was dann?“ Nun klang der Mann am anderen Ende verwirrt. „Du… wirst Vater“, brachte sie schließlich leise heraus. Schweigen am anderen Ende der Leitung. Zu lange, für Remys Geschmack. „Hör zu ich… wollte es dir nur sagen. Ich will nicht, dass du dich zu irgendetwas genötigt fühlst. Ich will nicht, dass du dich blicken lässt, ich will keinen Unterhalt, ich… du solltest es nur wissen, das ist alles. Ich fand es… nur fair, wenn ich es dir mitteile.“ Nun, wo es heraus war, hatte sie keine Hemmungen mehr, sondern plapperte wie ein Wasserfall einfach drauf los. Jamie schien seine Sprache wiedergefunden zu haben. „Aber… wieso? Ich meine, wieso bietest du mir an, mich aus allem heraushalten zu dürfen, willst es mir aber unbedingt sagen?“ Remy überlegte nur kurz. „Ich will nur nicht, dass du in fünf Jahren zufällig meinen Weg kreuzt und mich dann anzeigst, weil ich dir dein Kind vorenthalten habe, das ist alles.“ Ein Brummeln war die Antwort. „Du… willst es doch nicht. Oder?“ Sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, wie sie seine Reaktionen deuten sollte. „Nein, um Gottes Willen!“, kam es leise, aber bestimmt wie aus der Pistole geschossen zurück. „Gut, dann… ist doch alles geklärt, oder?“ Remy fragte vorsichtshalber, sie wollte nicht unfreundlich sein und das Gespräch einfach ihrerseits beenden. „Ich denke schon. Und… dann war’s das also? Kein Wiedersehen?“ – „Ich hab dir gesagt, dass ich nicht auf Wiederholungen stehe. Ich bleibe dabei.“ Wieder eine Weile schweigen. „Ok dann… sag dem Kleinen einen Gruß von seinem Daddy. Ich… mach’s gut, ich wünsch dir alles Gute.“ Remy war dankbar dafür, nicht einen so schmierigen Typen in dieser Situation erwischt zu haben, mit denen sie sonst so verkehrte. Das machte es um einiges einfacher. „Danke, Jamie. Das wünsche ich dir auch, du verdienst es!“ Sie wartete noch einige Augenblicke, da sie nicht die erste sein wollte, die auflegte. Das musste sie auch nicht sein, kurze Zeit später hupte es nur noch in der Leitung und auch Remy legte auf.
Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass er auf diese Art reagieren würde. Sie hat mit ausrasten gerechnet, oder zumindest mit der natürlichsten aller Fragen: ‚Und du willst es bekommen?!‘ Wem hätte sie eine solche Frage übel nehmen können? Jetzt, da sich ihr Puls wieder beruhigt hatte, fühlte sie sich beinahe gut, von den Kopfschmerzen abgesehen, die wohl eine Nachwirkung des Fiebers waren.
Entspannt lehnte sie sich zurück, legte das Handy beiseite und gestatte es sich das erste Mal, bewusst an das Kind zu denken. An ihr Kind. Zögerlich legte sie die Hände auf ihren Bauch und strich sanft darüber. Die Vorstellung, dass darin ein solch kleines Wunder heranwuchs, war selbst für sie beinahe unvorstellbar, obwohl sie Ärztin war. Sie wusste, es würde nicht einfach werden, das Kind großzuziehen und sie wusste, was die Schwangerschaft ihr alles abverlangen würde. Doch das nahm sie in Kauf. Was sie jedoch nicht verdrängen konnte, waren die Bedenken. Was, wenn das Kind die Krankheit erbte, die ihm auch schon seine Mutter viel zu früh stehlen würde? Was, wenn ihre Krankheit viel schneller fortschritt, als sie alle, sie selbst und ihre Neurologin, es dachten? Wer sollte sich um ihr Kleines kümmern? Sie hatte niemanden, der das tun könnte und besonders wollte sie selbst es nicht, sie wollte keine Hilfe, nicht solange es noch ohne ging.
Doch darüber durfte sie jetzt nicht nachdenken, sie würde sich nur im Kreis drehen. Morgen ging sie zu ihrer Ärztin, erzählte ihr von der Schwangerschaft, erhoffte sich Hilfe von ihr. Hatte sie keinen Rat, dann… konnte sie sich immer noch alleine mit diesen Gedanken herumschlagen. Sie drehte sich auf die Seite und zog ihre Bettdecke über sich. Plötzlich war sie wahnsinnig müde geworden und da sie nicht mehr so angespannt war, wehrte ihr Körper sich auch nicht mehr gegen dieses Bedürfnis. Nach nur wenigen Augenblicken war sie ganz entspannt eingeschlafen.
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Kapitel 9

„Ich gehe davon aus, dass uns Dreizehn heute nicht mehr mit ihrer Anwesenheit beglücken wird, daher könnten wir uns unter Umständen wieder der Medizin widmen, insofern einer von Ihnen einen Fall besorgen kann. Bis dahin erteile ich Ihnen hiermit die Erlaubnis, in der Ambulanz Stunden abzuleisten“, verkündete House, als er am nächsten Tag für seine Verhältnisse sogar wahnsinnig früh bei der Arbeit eintraf.

Da sie von ihrem Chef, der ohnehin gerade in seinem Büro verschwand, wohl ohnehin keine weiteren Ausführungen erhalten würden, blickten Taub und Foreman nun von ihm ab und sahen Chase erwartungsvoll an. „Tja, dann machen wir uns wohl mal auf den Weg, was?“, meinte dieser, als ob er gar nichts bemerkte und stand auf.

„Hey, du weißt doch was. Ist alles ok mit ihr? Sie war in den letzten Jahren oft genug im Krankenhaus.“ Foreman sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Er dachte wohl auch sofort an die Geiselnahme, die für Remy beinahe tödlich ausgegangen war und insbesondere den Hirntumor, an dem er schließlich nicht ganz unschuldig gewesen war. „Sie liegt nicht in der Klinik“, beruhigte Chase ihn sofort und wollte wieder in Richtung Tür gehen.

„Sondern?“ Taub hielt sich aus dem Gespräch heraus. So gerne er auch gewusst hätte, was mit seiner Kollegin los war, er spürte, dass Chase nicht darüber reden wollte und er kannte Remy lange genug, um zu wissen, dass sie es nicht gerne hatte, wenn jemand so sehr in ihre Privatsphäre eindrang. So blickte er die beiden nun während ihrer Auseinandersetzung immer abwechselnd an und versuchte aus den Worten von Chase schlau zu werden. „Ok, es ging ihr gestern nicht gut, sie hatte leichtes Fieber, ich hab sie nach Hause gebracht und sie hat sich hingelegt. Ende der Geschichte. Wahrscheinlich hat sie sich was eingefangen.“

Er zuckte mit den Schultern, als ob er wirklich nur von einer Lappalie ausging. Doch Foreman schien sich damit zunächst zufrieden zu geben, wenn es auch schien, als ob er sie gerne sofort angerufen hätte. Doch zumindest machten sie sich nun alle drei auf den Weg in die Ambulanz.


Zur gleichen Zeit stand Remy zu Hause auf. Sie fühlte sich deutlich ausgeruhter als noch am Vortag, doch ihr war trotzdem nicht ganz wohl zu Mute. Sie konnte sich jedoch schon denken, woher dies rührte und beeilte sich somit, schnell ins Badzimmer zu kommen, wo sie sich wieder einmal übergeben musste. Stöhnend lehnte sie sich schließlich mit dem Rücken gegen die Wand und ließ ihren Kopf in den Nacken gleiten. Wozu hatte sie überhaupt einen Schwangerschaftstest gemacht? Keine Magen-Darm-Grippe der Welt war so hartnäckig, wie diese Morgenübelkeit.

Nachdem sie noch einige Male tief durchgeatmet hatte, machte sie sich in gemächlichem Tempo für den Tag zurecht, kochte sich dann einen Tee und aß eine Schnitte mit Wurst und Käse dazu. Bevor sie die Wohnung verließ, wollte sie sich noch ihre Silberkette mit dem Anhänger in Form eines Tropfens anlegen, die ihre Mutter ihr kurz vor ihrem Tod in einem ihrer klaren Momente gegeben hatte. Doch ihre Finger zitterten an diesem Morgen so schlimm, dass es ihr unmöglich war, den Verschluss einzufädeln. Wütend und zugleich ziemlich niedergeschlagen warf sie die Kette wieder auf die Kommode und schlüpfte in ihre High Heels.

Als sie hinaus auf die Straße trat, konnte man auf Remys Gesicht etwas sehr seltenes entdecken: Ein Lächeln ging darüber, als sie ihr Auto auf ihrem gewohnten Parkplatz stehen sah. Zwar hatte sie ihre Schlüssel wie gewohnt in die Handtasche gesteckt, doch sie hatte gar nicht darüber nachgedacht, wie sie an ihr Schlüsselbrett gekommen waren. Und am Vortag war sie wohl zu erledigt gewesen, um überhaupt wahrzunehmen, in welchem Fahrzeug man sie nach Hause gebracht hatte.

Dennoch spielte sie mit dem Gedanken, lieber die Straßenbahn zu nehmen; dabei konnte wenigstens nichts passieren, wenn sie unaufmerksam war und sie hatte ja inzwischen bereits Erfahrung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Also machte sie sich auf den Weg zu der unweit entfernt gelegenen Haltestelle und begab sich unter die Menschenmenge.


„82-jähriger mit Atemnot und Erbrechen.“ – „Raucht er?“ – „Und wie!“ – „Dann ist es wieder nichts.“ In regelmäßigen Abständen trafen sich die drei männlichen Teamkollegen, um sich gegenseitig über ihre potenziellen Fälle auszutauschen, doch bisher war diese Mission erfolglos geblieben. „Jemand von uns sollte zu House gehen und ihm sagen, dass wir noch immer nichts gefunden haben“, schlug Chase vor, doch Taub sah ihn etwas übertrieben überrascht an. „Wozu? Er hat doch unmissverständlich ausgedrückt, dass wir nicht ohne einen Fall wiederkommen brauchen, oder? Warum willst du ihm also extra sagen, dass wir keinen haben?“ Chase verzog seine Lippen zu einem Grinsen. „Tja, wer weiß, vielleicht lässt er uns ja gehen!“ Noch immer grinsend zog er sich frische Handschuhe an und rief den nächsten Patienten auf.


Remy war derweil im Krankenhaus angekommen und wartete auf einem der unbequemen Stühle darauf, dass sie zu ihrem Frauenarzt hineingehen konnte. Ihr war etwas mulmig, da sie noch immer nicht recht wusste, wie sie nun damit umgehen sollte. Doch nun endlich Gewissheit zu bekommen, ob zum einen alles in Ordnung war und dass zum anderen noch die Meinung anderer ins Spiel kam, entlastete sie wirklich sehr. „Dr. Hadley? Sie können jetzt reingehen“, verkündete die freundliche Schwester nach einer Weile und riss Remy damit aus ihren Gedanken.

Sie lächelte sie dankend an und ging dann direkt in das Untersuchungszimmer. „Guten Tag, Kollegin. Ihr Routinecheck ist erst in ein paar Wochen. Haben Sie Beschwerden?“ Remy konnte sich ein Schmunzeln nicht nehmen lassen, da er ihr Baby als ‚Beschwerde‘ bezeichnete und sie wurde unwillkürlich wieder an ihre Übelkeit erinnert. „Nein, es ist alles bestens“, erklärte sie dann und sah ihn an. „Ich möchte nur wissen, ob nicht nur mit mir, sondern auch mit meinem Baby alles in Ordnung ist“, meinte sie dann leise und unterbrach nur kurz den Augenkontakt, als sie ‚meinem Baby‘ sagte. Es war einfach wahninnig ungewohnt für sie. „Sie sind schwanger? Meine Gratulation! Na dann wollen wir uns das Kleine mal ansehen“, gab er darauf freudig zurück und bedeutete ihr, sich auf die Liege zu legen und den Bauch frei zu machen.


Remy fragte sich die ganze Zeit über, ob es wohl anders gewesen wäre, hätte sie länger gewartet und damit mit ihrem ganzen Bewusstsein realisiert, dass sie ein Kind erwartete. Denn je länger sie auf den Monitor blickte, desto mehr hatte sie das Gefühl, dass dieser unförmige Zellhaufen dort nicht in ihrem Unterleib heranwuchs, sondern in dem irgendeiner anderen Patientin.

„…darüber gesprochen?“ Ihr Arzt blickte sie erwartungsvoll an. Remy sah ihn an und sah etwas peinlich berührt drein. „Verzeihen Sie bitte, was sagten Sie?“ Mit einem verständnisvollen Lächeln wiederholte er seine Frage. „Sie nehmen starke Medikamente. Haben Sie schon mit ihrer Ärztin darüber gesprochen?“ Während ihr Arzt ihr einige Tücher reichte, damit sie ihren Bauch von dem Ultraschallgel befreien konnte, antwortete sie ihm: „Das werde ich gleich machen. Ich wollte zuerst zu Ihnen kommen, um zu sehen, ob auch wirklich alles okay ist“, erklärte sie und schwang die Beine von der Liege, während sie sich ihre Klamotten wieder zurecht rückte.

„Tja, das kann ich nur positiv beantworten. Es ist alles okay, ich seh‘ sie dann in dem üblichen Zeitraum wieder“, meinte er mit einem Augenzwinkern und reichte Remy das erste Foto ihres ‚Babys‘. Einige Augenblicke hielt sie es in ihren zitternden Fingern, bevor sie es in ihre Handtasche steckte und zur Tür ging. „Vielen Dank, ich werd‘ dran denken“, gab sie zurück und machte sich dann, um einiges nervöser als vor diesem Arztbesuch, auf den Weg zu ihrem nächsten.
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Kapitel 10

Während sie im Wartezimmer saß und immer wieder ihre Beine in die jeweils andere Richtung überschlug, starrte sie gedankenverloren auf den Teppichboden vor sich. Jeder, der noch alle Tassen im Schrank hatte, würde sie für verrückt erklären, wenn sie ihm von ihrem Plan erzählte, das Kind zu bekommen. Warum ausgerechnet dieser Spott ihre größte Angst war, wusste sie selbst nicht, schließlich ging es im Grunde niemanden etwas an. Doch andererseits durfte sie dann tatsächlich keine Hilfe erwarten; für so viel Dummheit gab es sicher keine.

„Dr. Hadley“, rief jemand sie auf. Langsam stand Remy auf und ging zum Zimmer ihrer Ärztin. Sie hasste es, wenn sie überall mit dem Doktor vor ihrem Namen aufgerufen wurde. Das Ergebnis war jedes Mal ungläubiges Starren der anderen Patienten. „Remy, guten Tag! Setzen Sie sich bitte!“, begrüßte Dr. Stroud sie. Wortlos nahm sie Platz und wartete darauf, dass ihre Neurologin mit ihren Papieren fertig wurde.

Als sie schließlich auf blickte, begannen Remys Hände wahnsinnig zu schwitzen. „Was kann ich für Sie tun? Haben Sie Probleme mit den Medikationen oder negative Auswirkungen auf ihre Symptome festgestellt?“, begann sie, um es Remy wenigstens etwas leichter zu machen. Zumindest glaubte sie, dass sie dies damit erreichte. „Nein, damit ist alles in bester Ordnung… Es ist nur so, dass ich… die Medikamente seit vorgestern nicht mehr nehme.“

Während sie gesprochen hatte, sah sie Dr. Stroud nicht in die Augen. Nun blickte sie jedoch zum ersten Mal auf. Die Ärztin zögerte einen Augenblick, sie schien zu entschlüsseln versuchen, was der Grund für die Worte ihrer Patientin waren, doch sie konnte keinen darin erkennen. „Warum das? Ich dachte, Sie kämen gut damit zurecht?“, fragte sie so. „Das tue ich auch.“ Wortlos schob sie das Ultraschallbild über den Tisch.

Immer wieder musste Remy sich vor Augen führen, dass sie mit ihrer Ärztin über alles sprechen konnte. Da sie jedoch noch nie ein besonders redseliger Typ gewesen war, fiel ihr das alles andere als leicht. Wieder ein Stutzen ihrer Gesprächspartnerin. „Sie sind schwanger, meinen Glückwunsch. Und aus ihren Handlungen schließe ich, dass sie es bekommen wollen?“ Remy nickte zögerlich, sagte ansonsten jedoch nichts. „Nun gut… Die Entscheidung liegt bei Ihnen und ich gehe davon aus, dass Sie lange darüber nachgedacht haben.“ – „Natürlich!“, kam es sofort von Remy.

„Ich habe alle Möglichkeiten gegeneinander abgewogen, aber… Eine Abtreibung erschien mir nicht als Option, da ich… Naja, ich wollte immer Kinder und… ich finde nicht, dass ich meinem Kind das Leben verwehren sollte, nur weil die Schwangerschaft einige Risiken birgt.“

Dr. Stroud lächelte etwas zurückhaltend. „Einige ist wohl etwas harmlos ausgedrückt. Sie sind Ärztin, ich muss Ihnen nicht erklären, welche Risiken das sind. Sie wissen, wie sich das auf Ihre Krankheit auswirken wird.“ Wieder nickte Remy. Sie fühlte sich wie eine Verrückte behandelt, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht lag es auch daran, dass sie selbst noch einige wenige Zweifel hatte. „Es ist gut, dass Sie gleich zu mir gekommen sind, so können wir frühzeitig einen geeigneten Therapieplan ausarbeiten“, meinte sie schließlich ganz sachlich.

„Auch mit intensiverer Krankengymnastik können wir die fehlende Wirkung der Medikamente nicht wettmachen.“ Remy nickte wieder. „Das ist mir klar. Aber ich will es durchziehen“, brachte sie nun sicher hervor und knetete den Träger ihrer Handtasche in den Fingern, was irgendwie eine beruhigende Wirkung auf sie hatte.
„Bekommen Sie Unterstützung durch den Vater des Kindes?“ Remys Hände verkrampften sich sofort um den Riemen und sie biss sich auf die Unterlippe, bis sie Blut schmeckte. „Nein, Das Baby war so… nicht geplant.“

Stroud nickte und griff über den Schreibtisch hinweg nach Remys Händen, die sie kurz massierte, bis sie wieder locker ließ. „Sie bekommen von mir jede Hilfe, die ich Ihnen geben kann. Wir bekommen das hin, einverstanden?“ Remy nickte zögerlich und kam wacklig auf die Beine, woraufhin sich ihre Neurologin ebenfalls erhob und sie am Arm noch bis zur Tür führte. „Danke“, meinte Remy ehrlich und schüttelte ihr schließlich die Hand. „Ich schicke Ihnen die Therapiemöglichkeiten, die sich bieten, zu, dann können wir einen neuen Termin ausmachen, wenn Sie sich damit auseinander gesetzt haben“, erklärte sie und verabschiedete sich dann, um ihren nächsten Patienten in Empfang nehmen zu können.


Als Remy durch die Lobby lief, traf sie, so sehr sie sich auch wünschte, dass es nicht so war, auf Taub. „Hey, du bist hier?“, fragte dieser etwas perplex und musterte sie, wie es ihr schien, vom Haaransatz bis zu den Fußspitzen. „Ich war beim Arzt und fahre jetzt wieder heim“, erklärte sie ehrlich. Was brachte es, ihn anzulügen? Das war eine ganz normale Antwort, die nicht allzu viel Besorgnis und Getratsche hervorrufen würde.

„Alles klar, Chase meinte, du hast dir wahrscheinliche einen Infekt eingefangen“, informierte er schulterzuckend und gab nur wieder, was sein Kollege ihnen anvertraut hatte. Remy musste ein Schmunzeln unterdrücken. Der gute Chase hatte sie also nicht verraten. Anderenfalls wäre Taub wohl auch schon ganz anders auf sie zugekommen, panischer. „Ja, sieht so aus. Aber ich denke nicht, dass ihr noch lange ohne mich auskommen müsst“, grinste sie ihn an du schob sich dann ihre Handtasche über die Schulter.

„Sag den anderen liebe Grüße von mir, ja?“ Sie war plötzlich gar nicht mehr so schlecht drauf, wie noch einige Minuten zuvor. Sie spielte sogar mit dem Gedanken, ihre Kollegen bald einzuweihen. Doch ein wenig musste sie damit auf jeden Fall noch warten. „Klar, mach ich. Gute Besserung!“, gab Taub zurück und winkte kurz, dann ging er zurück in die Ambulanz und berichtete den anderen von seinem Treffen mit Remy.


„Wie hat sie gewirkt?“, fragte Chase sofort. Taub war ein wenig verwundert, antwortete jedoch dann gleich: „Gut. Viel besser als gestern, ich hab sie ja nur kurz gesehen, aber sie schien nichts auszustehen zu haben“, grinste er seinen Kollegen an. Er merkte genau, dass sich da etwas anbahnte, doch er erwähnte es nie. Schon alleine, um Foreman keinen Grund zu geben, sich wieder aufzuspielen. „Das freut mich“, sagte eben dieser in jenem Moment, bevor sie sich wieder an die Arbeit machten.


So verging der Tag. Remy war bei Zeiten wieder zu Hause angekommen, hatte sich noch einen Tee gekocht und ein wenig Fern gesehen. Sie fühlte sich gut genug, körperlich, sowie seelisch, ihren Kollegen am nächsten Tag wieder beistehen zu können.

Im Moment war sie ziemlich guter Dinge. Ihre Ärztin hatte ihr Hilfe angeboten, im Moment ging es ihr sehr gut, ihre Symptome waren minimal, und traten nur in Form von Händezittern auf, wenn sie sich anstrengte oder nervös war. In ihrer Situation konnte es kaum bessere Voraussetzungen geben. Wenn da nur nicht Chase wäre, der ihr ständig, wenn er es vielleicht auch nicht beabsichtigte, zu verstehen gab, dass sie für ihn mehr als nur eine Kollegin war. Wäre sie gesund, wäre das gar kein Thema, sie würde es zulassen, denn es war nicht so, dass sie ihm diese Gefühle nicht hätte zurückgeben können. Doch unter den gegebenen Umständen war eine Beziehung mit ihm vollkommen ausgeschlossen. Auch wenn er Arzt war, war ihm wahrscheinlich jetzt, da es ihr gut ging, gar nicht bewusst, worauf er sich einlassen würde und mit welchen Strapazen es verbunden wäre, ihr Partner zu sein.

Während sie weiter nachdachte, zog sie sich um, wusch sich und kuschelte sich schließlich in ihr Bett, wo sie relativ rasch einschlief. Unweigerlich schlich sich Chase in ihren Traum ein, wie er sie in den Arm nahm und einfach da war. Ohne es verhindern zu können, entspannte sie dies extrem und ihr wurde innerlich ganz warm.
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Kapitel 11

Es waren inzwischen drei Wochen vergangen und der Alltag hatte wieder Einzug im Team gefunden. Sogar Fälle schien es nun zu regnen und so hatte keiner Zeit, sich mit irgendwelchen privaten Dingen zu beschäftigen. Dies kam Remy nur gelegen, denn nach nur wenigen Tagen hatten die anderen den Reiz daran verloren, sich permanent nach ihrem Befinden zu erkundigen. Nur Chase warf ihr hin und wieder einen besorgten Blick zu. Wie konnte er nur stets bemerken, dass ihr zum Beispiel leicht übel war? Niemand sonst schien überhaupt Notiz davon zu nehmen.


Nun, da der aktuelle Patient gerade seine neue Medikation erhalten hatte und dies für das Team abwarten bedeutete, gestatteten sie sich eine kleine Pause und aßen ihr Mittag. Kauend unterhielten sie sich über dieses und jenes, nur Remy war schweigsam geworden. Sie musste es ihnen sagen, sie wusste nur nicht wie und wann, doch nun schien sich eine günstige Gelegenheit aufgetan zu haben, da sie einmal alle hier waren und House anscheinend einen seiner weniger gemeinen Tage hatte.


„Du hast dich mit ihr getroffen? Ich dachte, du wolltest deine Ehe retten?“, fragte Chase gerade prustend an Taub gewandt und verschluckte sich beinahe an seinem Burger. „Ja, in der Tat. Während des Abendessens habe ich festgestellt, dass ich absolut nichts für sie empfinde und bin anschließend gleich zu Rachel nach Hause gefahren“, erklärte er aufrichtig und aß beinahe ungerührt weiter. „Und dort haben Sie dann Ihre Frau gebumst und pausenlos darüber nachgedacht, was die heiße Schnecke aus dem Restaurant wohl gerade macht.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, die House nach einem Schluck Cola äußerte. Foreman, den das alles wahnsinnig zu amüsieren schien, konnte durch den Lachanfall, den er gerade erlitt, gar nichts erwidern.

Remy blickte auf ihren Salat und konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Remy, du bist die einzige Frau hier. Was denkst du darüber?“, fragte Foreman sie nach einigen Sekunden, in denen er sich wieder in den Griff bekam. Sie zuckte nur mit den Schultern. „Von festen Beziehungen verstehe ich nichts“, gab sie nur zurück.

Sie spürte den Blick von House auf sich. Schon seit etwa zwei Wochen hatte sie das Gefühl, dass er etwas wusste, was ihre Schwangerschaft anbelangte. Ob unbewusst, oder bewusst, sie hatte immer die leichteren Aufgaben bekommen und nur die üblich bissigen Kommentare geerntet, keine spektakuläreren Beleidigungen. So fasste sie sich jetzt einfach ein Herz. „Ich will euch trotzdem was sagen“, begann sie, was ein Schweigen auslöste. So war das nicht geplant gewesen, doch nun musste es raus. „Ich bin schwanger. Und nein, der Kerl ist nicht mit ihr zusammen, bevor Gerüchte entstehen.“ Es war unerwartet einfach, ihren Kollegen diese Mitteilung zu machen.

Schwerer war dagegen die anschließend eintretende Ruhe zu ertragen. House brach sie. Für so etwas liebte sie ihn wirklich, er sorgte dafür, dass es nicht zu peinlich wurde. „Wollen Sie Ihrer Kollegin nicht gratulieren? Oder haben Sie Angst, dass sie vor Schreck gleich einen Abgang während des Essens hat? Wäre wirklich dumm, wegen sowas die Pause zu opfern.“ Remy sah ihn an und grinste kopfschüttelnd.

„Wie lange weißt du das schon?“, fragte Foreman als erstes. „Fast vier Wochen“, gab Remy zu und sah zu Chase, der auf den Tisch vor sich blickte. Sie konnte sich vage vorstellen, was in ihm vorging. Sich fühlte er sich ziemlich verraten, verarscht von der Welt und von ihr und das tat ihr leid. „Das war so nicht geplant, niemand muss mir gratulieren. Ich seh‘ den Vater nie wieder und damit Schluss“, erklärte sie daher, um nicht nur Chase zu besänftigen, sondern auch um den anderen peinliche, unehrliche Glückwünsche zu ersparen.


Diese Tatsache schien Chase‘ Miene tatsächlich etwas aufzuhellen und er brachte ein schiefes Grinsen zu Stande. „Dann pass gut auf dich auf.“ – „Werd‘ ich, versprochen“, gab sie zurück und hasste sich dafür, dass ihr das Blut ins Gesicht schoss und sie wahrscheinlich aussah, wie eine Tomate.


„Wenn Sie nicht mehr arbeiten können, sagen Sie rechtzeitig Bescheid.“ Remy starrte House etwas ungläubig an. „Eine sachliche Auskunft ohne Ironie oder bissigen Unterton? Was ist passiert, House?“, fragte sie. Ihre Stimmung war plötzlich dermaßen auf einem Hochpunkt, sie konnte sich selbst nicht erklären, was los war. „Was soll ich denn sagen? Der Verbund zum Schutz werdender Moms sitzt an der Leitung, wenn die rausbekommen, dass ich Sie nicht fachgerecht behandle, muss ich mir einen neuen Job suchen!“ Remys Grinsen hatte sich nun wahrhaftig in ihr Gesicht gebrannt.


Es wäre wohl noch eine Weile so weitergegangen, hätten sich nicht plötzlich die Pager aller Kollegen gemeldet und sie über einen Krampfanfall des Patienten informiert. „Schön, wenigstens eine neue Möglichkeit ausgeschlossen“, meinte House munter und strich ‚Schilddrüsenunterfunktion‘ vom Whiteboard.

Die Assistenzärzte stürmten hingegen alle aus dem Raum und machten sich auf den Weg zum Patienten. Chase ließ sich jedoch absichtlich etwas zurückfallen und hielt Remy, bevor der Gang eine Biegung machte, am Arm fest. Sie wollte gerade protestieren, doch Chase legte ihr einen Finger an die Lippen. „Die beiden kümmern sich um ihn“, besänftigte er sie. „Du hast es mir nicht gesagt. Wieso?“ Remy sah ihn leicht verwirrt an. „Keiner von euch wusste es, wieso sollte ich es dir also im Privatgespräch mitteilen?“ Chase sah zu Boden, hatte seine Hand jedoch immer noch an ihrem Arm. „Ich weiß nicht. Ich dachte… naja… keine Ahnung.“

Remy seufzte. Jetzt war der richtige Moment gekommen, es ihm zu sagen. „Chase“, begann sie ganz ruhig. „Ich… mag dich wirklich sehr gerne. Aber das würde nie was werden mit uns beiden. Du bist… jung, gut aussehend und… gesund. Ich… nicht. Und ich erwarte ein Kind.“ Beinahe verzweifelt blickte sie ihm in die Augen, doch Chase zog eine Augenbraue hoch. „Und was davon sollte jetzt belegen, dass wir nicht zusammen sein können? Ich hab es irgendwie nicht mitbekommen.“ Jetzt, da sie von einer Beziehung anfing, konnte er auch getrost seine Seite verbittert vertreten. „Alles! Ich bin nicht mehr lange so wie jetzt. Es wird mir schlechter gehen, was hast du davon?“

Sie brach den Augenkontakt nicht, auch wenn es ihr schwer fiel, ihm in die traurigen Augen zu sehen. „Dich neben mir, wenn ich aufwache und esse und arbeite und schlafen gehe.“ Jetzt drehte sie endgültig den Kopf zur Seite und lehnte sich an die Wand. Sie seufzte und schloss kurz die Augen. „Ok… das ist deine Meinung dazu. Meine sieht etwas anders aus. Aber ich will es nicht noch zehnmal sagen, du kennst sie ja.“ – „Gehst du heute Abend mit mir Essen?“ Sie blickte ihn an und seufzte erneut. „Hörst du mir überhaupt manchmal zu?“, fragte sie müde.

„Schon… Aber ich kann dich trotzdem fragen, oder?“ Remy richtete sich wieder auf und ging langsam ins Besprechungszimmer zurück. Chase ging neben ihr her. „Dann musst du aber auch eine negative Antwort von mir akzeptieren“, gab sie zu bedenken. „Darf ich dich heute Abend wenigstens heimbringen?“ Er wusste, dass sie die letzte Zeit fast ausschließlich noch mit der Straßenbahn kam. Jetzt kannte er wohl den Grund dafür. „Wie könnte ich da nein sagen, mh?“ Sie grinste etwas schief und strich ihm kurz über die Wange. Wer zog schon das Warten draußen und die vollgestopfte Straßenbahn einer gemütlichen Autofahrt vor, die auch noch direkt vor der Haustüre endete?


„Also heute Abend nach dem Dienst?“, fragte sie noch einmal nach, um sich abzusichern, worauf Chase eilig nickte. Remy musste einfach den Kopf schütteln, in dieser Hinsicht war er wie ein kleiner Junge.
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Kapitel 12

Es war spät geworden. Der Patient war kurz nach seinem Krampfanfall ins Koma gefallen und sie versuchten alles, die Ursache dafür herauszufinden. So war es bereits kurz vor 12 Uhr, als Remy und Chase ihre Jacken überzogen und zum Parkplatz liefen. House, Taub und Foreman waren nur Minuten vor ihnen gegangen.


„Zum Glück hab ich heute einen Chauffeur, die Straßenbahnen fahren um diese Zeit nur noch stündlich“, schmunzelte Remy, als sie in den Wagen von Chase eingestiegen war und er gerade rückwärts ausparkte. „Tja, gut, dass du deinen Stolz überwunden hast, würde ich sagen!“ Remy verdrehte die Augen und sah ihn von der Seite her an. Er wollte ihr wirklich nur helfen, warum musste alles so schwer sein?

„Du bist so ein netter Kerl. Such dir eine Freundin, die dich verdient“, meinte sie leise, als sie sich auf der Hauptstraße befanden. „Hab eine gefunden, schon länger“, meinte er kleinlaut und Remys Kopf fuhr herum. „Wieso weiß ich davon nichts?“, fragte sie verwirrt, jetzt verstand sie tatsächlich die Welt nicht mehr. „Naja, sie… will nichts von mir wissen. Vielleicht hat sie auch einen anderen, keine Ahnung.“ Remy drehte ihren Kopf zum Fenster und schloss die Augen. „Ich bin sicher, es wird noch klappen mit euch beiden.“ Chase parkte am Straßenrand vor Remys Haus und sah zum Beifahrersitz. „Denke ich nicht. Oder hattest du einen Sinneswandel?“

Remy ließ ihren Kopf gegen die Kopfstütze fallen und stöhnte. „Verdammt, Chase! Wieso tust du das?“ – „Weil ich dich liebe!“
Kurz blickte er ihr direkt in die Augen, dann drehte er sich zur anderen Seite und lehnte sich von ihr Weg. „Hey!“ Remy sah nur noch seinen Rücken, so stieg sie aus, lief um das Auto herum und öffnete seine Tür, was kein Problem war, da um diese Uhrzeit gar kein Verkehr mehr war. „Ich will dich doch nur vor einer Enttäuschung bewahren“, meinte sie leise. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Brust, sie hatte fast den Eindruck, als ob es jeder im Umkreis von 100 Metern hören konnte.


Chase schnallte sich ab, schlug die Autotür zu und nahm Remy in den Arm. Sie ließ es, wenn auch erst zögerlich, zu. „Und wenn ich diese Enttäuschung riskieren will?“ Er sah ihr direkt in die Augen, war kurz davor, sich ihrem Gesicht mit seinem zu nähern, als er von einem LKW geblendet wurde. Remy stand mit dem Rücken zu ihm und sah ihrem Kollegen in die Augen, der sich nun auch wieder ihr zuwendete. „Dann weiß ich auch keine Argumente mehr“, flüsterte sie zurück.
Doch schon im nächsten Augenblick hob er den Blick wieder, da der LKW mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit näher kam. „Was macht der denn?!“, rief er dann entsetzt, als er etwa 100 Meter von ihnen entfernt plötzlich auf den anderen Fahrstreifen überwechselte, auf die Seite, auf der sie standen.

Remy wusste nicht, was er meinte und konnte sich bei der Geschwindigkeit des Fahrzeugs auch nicht umdrehen, bevor Chase ihr einen Stoß versetzte und sie zwischen die parkenden Autos gegen einen Kleintransporter taumelte und stürzte, was jedoch ihn selbst zu Fall brachte. Erst jetzt sah Remy den LKW, schrie noch seinen Namen. „Bleib, wo du bist!“, brüllte er zurück und verschränkte gerade noch die Hände über seinem Kopf, bevor ihm das Fahrzeug über die angezogenen Beine fuhr und anschließend in die Reihe parkender Autos krachte, wo es zum Stehen kam.


„Chase!“, brüllte Remy erneut und kniete sich neben ihren sich vor Schmerzen krümmenden Kollegen. „Chase“, wiederholte sie leiser und legte ihm ihre Hände auf die Wangen. „Ist… dir was… passiert?“, fragte er stöhnend und so leise, dass sie sich zu ihm beugen musste, um etwas verstehen zu können. „Nein!“ Sie wollte ihn nicht anschreien, doch sie war zu erschrocken. „Gut“, seufzte er und schloss die Augen.

Remy blickte auf: Seine Hose war blutig, sicher waren seine Beine gebrochen. Trotzdem konnte sie ihn nicht hier liegen lassen. „Ich muss dich von der Straße schaffen“, meinte sie und drückte seine Hand, die schlaff neben seinem Körper lag. Er nickte kaum merklich und zwang sich, ihr wieder ins Gesicht zu sehen. „Du bist so… wunderschön“, presste er hervor, doch Remy schüttelte den Kopf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, bevor sie sich erhob, und ihm die Arme unter die Achseln schob, um ihn mittels Rettungsgriff an den Rand zu ziehen. Es waren nur wenige Zentimeter, jedoch ausreichend, dass Chase Schreie ausstoßen konnte, die Remy das Blut in den Adern gefrieren ließen.

Dann zog sie ihre Jacke aus und schob sie ihm unter den Kopf. „Zieh… sie wieder an, dir… dir wird sonst kalt“, meinte er sofort, doch Remy legte ihm ihren Finger auf die Lippen, während sie mit ihrem Handy den Notruf absetzte und angab, dass es wahrscheinlich zwei Verletzte gab, während sie kurz zu dem LKW blickte, in dem sich bisher nichts gerührt hatte.

Sie wollte ihn nicht unnötig bewegen, sodass Remy sämtliche Untersuchungen unterließ, sich neben seinem Kopf auf den Boden setzte und seine Hand hielt.
„Tut mir… leid. Ich wollte dich… doch nur heimbringen“, flüsterte er und verzog sein Gesicht, als er seinen Fuß ein Stück zu bewegen versuchte. „Nicht bewegen“, gab sie gleich zurück und schüttelte den Kopf. Er hatte sie zur Seite geschubst und sie heimgebracht. Hätte er sie nicht heimgebracht, wäre das nie passiert. Hätte er sie nicht zur Seite gestoßen, läge sie nun hier. Warum hatte er das getan? Und nun entschuldigte er sich noch wofür auch immer!


Kurz darauf hörte Remy, wie sich zwei Krankenwagen näherten. Erleichtert seufzte sie und streichelte über die Hand von Chase, die sie noch immer umklammert hielt. „Jetzt helfen sie dir, alles wird gut“, flüsterte sie mehr für sich selbst.
Durch den geringen Verkehr war es wohl ein leichtes für den Rettungswagen gewesen, durch die Stadt zu kommen.

Remy wollte aufstehen, doch Chase hielt sie mit Mühe fest. „Bleib hier… bitte“, brachte er stöhnend heraus und dreht den Kopf ein Stück, um den Rettungswagen sehen zu können. So unterließ sie jeden weiteren Versuch, sich bemerkbar zu machen, was nicht weiter schlimm war, da die Sanitäter sie auch so fanden.

„Der LKW ist ihm über die Beine gefahren, der Fahrer ist wahrscheinlich auch verletzt, ich habe bisher nichts von ihm gesehen“, erklärte sie und drehte sich um. Ihr wurde bewusst, dass sie hätte erste Hilfe leisten müssen, doch Chase hielt ihre Hand noch immer fest umklammert. Schließlich kam noch ein zweiter Sanitäter, mit dessen Hilfe der erste Chase auf eine Schaufeltrage legte, um ihn so wenig wie möglich zu bewegen. Trotzdem schrie der junge Arzt wie kurz zuvor, als Remy ihn zur Seite geschafft hatte. Im Stillen betete sie, dass er bewusstlos wurde, doch dieser Wunsch wurde nicht erfüllt.

Bei dem LKW-Fahrer schien der Abtransport schneller zu gehen, denn während sie Chase noch immer auf die Trage beförderten, wurde der Fahrer schon an ihnen vorbeigeschoben, während ihn einer der Sanitäter mit Beutel beatmete. Remy nahm dies alles nur im Unterbewusstsein auf. Während der erste Krankenwagen mit Sirene und Blaulicht startete, schoben sie Chase gerade in den zweiten und einer der Rettungsassistenten führte Remy zur Beifahrertür und half ihr hinein. Bis dahin hatte sie gar nicht bemerkt, wie ihre Knie zitterten und sie kaum Stehen konnte.
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